Afrikas Regierungen gefordert

In Westafrika steigt die Zahl der an Ebola erkrankten Menschen inzwischen so schnell, dass allein in den vergangenen vier Wochen fast so viele Menschen infiziert worden sind wie in den sechs Monaten zuvor.

Wolfgang Drechsler
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Ein Ebola-Helfer in Schutzkleidung spricht in einer als Isolierstation genutzten Schule in Monrovia mit einer betroffenen Familie. (Bild: getty/John Moore)

Ein Ebola-Helfer in Schutzkleidung spricht in einer als Isolierstation genutzten Schule in Monrovia mit einer betroffenen Familie. (Bild: getty/John Moore)

Der UNO-Sicherheitsrat hat wegen der kritischen Ebola-Entwicklung in Westafrika eine Krisensitzung angesetzt. Es ist nach Aids erst das zweite Mal in seiner Geschichte, dass sich seine Mitglieder mit einem medizinischen Notstand befassen.

Dem Ebola-Virus sind seit Anfang März in Sierra Leone, Guinea, Liberia und in weit geringerem Umfang auch in Nigeria etwa 2500 Menschen erlegen. Über die Hälfte davon allein in Liberia. Mit jedem neuen Tag ist die Epidemie schwerer zu stoppen – und es wächst die Gefahr, dass sie andere, bislang noch nicht betroffene Länder wie die Elfenbeinküste erfasst. Denn auch dort gibt es kein Gesundheitswesen, das diesen Namen verdient und dem Virus Einhalt bieten könnte.

Helfer und Regierungen überfordert

Die Annahme, dass es die mutigen Helfer von Organisationen wie «Ärzte ohne Grenzen» (MSF), geschweige denn die Regierungen vor Ort, alleine schaffen würden, die Seuche in den Griff zu bekommen, hat sich als gefährlicher Trugschluss erwiesen. Während das medizinische Personal seit langem über seinem Limit arbeitet, zeigen sich die westafrikanischen Regierungen völlig überfordert.

Soziales und ökonomisches Desaster

Für die bereits von vielen Bürgerkriegen geschwächte Region bedeutet der beispiellose Ebola-Ausbruch nicht nur ein weiteres soziales und wirtschaftliches Desaster, sondern nach den zuletzt erzielten leichten Fortschritten auch einen enormen Imageverlust. Kaum jemand spricht inzwischen mehr von einem «Afrika im Aufschwung». Mehr als alles andere hat das Virus die Schwäche afrikanischer Institutionen offenbart. Dass dies so ist, hat weit weniger mit der kolonialen Vergangenheit als den gierigen Eliten zu tun, die ihre Länder seit Jahrzehnten an einer wirklichen Entwicklung gehindert haben.

Unbegreiflich bleibt, warum zum Beispiel die Staatschefs der betroffenen Länder erst vier Monate nach dem Ausbruch der Epidemie einen Regionalgipfel abhielten, um ihr Vorgehen abzustimmen. Symptomatisch auch, dass es Liberia und Sierra Leone mit ihren zusammen 10 Millionen Menschen auf kaum 170 Ärzte bringen. Nur sechs von Schwarzafrikas 48 Staaten haben zudem eine Deklaration von 2001 eingehalten, in der sie sich verpflichteten, 15 Prozent des staatlichen Haushalts in das Gesundheitswesen zu investieren. Über ein Drittel der Unterzeichner haben ihre Ausgaben für das Gesundheitswesen stattdessen reduziert.

Selbstsüchtige Eliten

Kein Wunder, dass die Gesundheitsdienste der betroffenen Länder heute nicht etwa von ihren Regierungen, sondern oft von westlichen Hilfsorganisationen betrieben werden. Nach der jahrzehntelangen Vernachlässigung vieler Spitäler ist die medizinische Infrastruktur fast aller Länder in der Region derart marode, dass es an fast allem fehlt – von Gummihandschuhen und Schutzanzügen über Spritzen und Verbandszeug bis zu einfachen Desinfektionsmitteln. Natürlich darf sich der Westen der akuten Notlage nicht verschliessen, sondern muss mit aller Kraft dabei helfen, einen noch grösseren Flächenbrand zu verhindern. Aber allein wird auch der Westen dies nicht schaffen. Schon deshalb wäre es höchste Zeit, Afrikas selbstsüchtige Eliten endlich stärker in die Pflicht zu nehmen und ihnen eine gewisse Eigenverantwortung abzuverlangen, etwa bei der Aufklärung der eigenen Bevölkerung.

Niemand weiss, wie lange es dauert

Bedrückend ist vor allem, dass das Drama, das sich in Westafrika abspielt, wegen der oft nicht vorhandenen Institutionen aber in anderen Teilen des Kontinents so möglich wäre, zumal wegen der rasant wachsenden Bevölkerung, die den Druck auf Afrikas rudimentäre Gesundheits- und Bildungseinrichtungen permanent verstärkt.

Niemand kann heute mit Gewissheit sagen, wie lange es nach dem Ausbrennen des Virus dauern wird, bis sich die Region wieder stabilisiert. Sicher ist nur, dass dies viel länger dauern wird, solange Afrikas Regierungen nicht endlich Verantwortung für ihre Menschen übernehmen.

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