Afrikaner jagen Afrikaner

In Südafrika kommt es immer wieder zu Pogromen an schwarzen Zuwanderern durch einheimische Schwarze. Die Regierung hat den Fremdenhass jahrelang ignoriert.

Wolfgang Drechsler
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KAPSTADT. Mit der Küstenstadt Durban verbinden Südafrikaner für gewöhnlich Palmen, Strände und ein ständig warmes Meer. Umso grösser war der Schock über das, was sich in der Innenstadt der Ferienmetropole, aber auch in anderen Teilen der Küstenprovinz KwaZulu-Natal in den letzten Tagen ereignete: Wie Tiere jagten hier schwarze Südafrikaner tagelang eingewanderte Schwarze aus anderen Teilen des Kontinents. Das Muster war oft das gleiche: Sobald der Mob im Besitzer eines der vielen kleinen Läden im Herzen Durbans einen Zuzügler ausmachte, wurden die Shops geplündert und oft gleich zusammen mit ihrem Besitzer in Brand gesteckt. Mindestens fünf schwarze Zuwanderer wurden bislang ermordet.

Gegen Ausländer gehetzt

Inzwischen haben rund tausend Immigranten, vorwiegend aus Malawi, Somalia und Kongo, voller Angst in Polizeistationen Zuflucht gesucht. Zurück in ihre geplünderten Behausungen wollen und können sie nicht. «Lieber zurück in die Hölle der Heimat, als das hier», sagt ein Zuwanderer entgeistert. Somalia will die eigenen Landsleute so schnell wie möglich nach Hause bringen. Yusuf Olusu, Handelsattaché der somalischen Botschaft in Johannesburg, bezeichnete sein vom Bürgerkrieg ruiniertes Land sogar als «sicherer als Südafrika».

Auslöser der Pogrome war anscheinend eine Äusserung von Zulukönig Goodwill Zwelithini. Der von seinen Anhängern verehrte Monarch hatte vor drei Wochen in einer Rede die Regierung ausdrücklich zum Rauswurf der Ausländer gedrängt. Obwohl Zwelithini dies nun bestreitet, sagte er damals wörtlich: «Wir wollen, dass Ausländer ihre Sachen packen und nach Hause gehen.» Als fatal erwies sich, dass ausgerechnet Edward Zuma, Sohn des Staatspräsidenten, dem Zulukönig beipflichtet, als er vor kurzem in einem Radiointerview davor warnte, dass Südafrika auf einer Zeitbombe sitze und Ausländer das Land übernehmen wollten.

Wehrlose Sündenböcke

Neu sind ausländerfeindliche Pogrome in Südafrika nicht : Bereits vor sieben Jahren kamen bei ähnlichen Unruhen um Johannesburg über 60 Menschen ums Leben, damals vor allem Zuwanderer aus den Nachbarstaaten Moçambique und Simbabwe. In Kapstadt trifft es hingegen vor allem die geschäftstüchtigen Somalier, deren Aussehen sie besonders schnell als Ausländer verrät: Seit 2006 sind allein dort über 100 Somalier von Südafrikanern ermordet worden.

Immer klarer wird, dass der Traum des vor 18 Monaten verstorbenen Nelson Mandela von einem «farbenblinden Südafrika» angesichts der hohen Arbeitslosigkeit und einer der höchsten Kriminalitätsraten der Welt wohl vorüber ist. Dass der Rassismus heute vor allem von den einst Unterdrückten ausgeht, überrascht viele Experten nicht: Für Moeletsi Mbeki, stellvertretender Leiter des Instituts für internationale Angelegenheiten und Bruder von Ex-Präsident Thabo Mbeki, liegen die Gründe der Gewalt in Versäumnissen der Regierung in den letzten 15 Jahren. So hätte der seit 1994 regierende ANC viel mehr tun müssen, um die Armut wirkungsvoll einzudämmen. Stattdessen hätte sich ein kleiner schwarzer Klüngel massiv bereichert.

Auf der Suche nach einem Sündenbock stossen viele Schwarze als erstes auf die oft weit erfolgreicheren Zuzügler aus dem übrigen Afrika. Sie sind oft besser ausgebildet und bereit, für wenig Geld hart zu arbeiten. Sie graben dabei den Einheimischen das Wasser ab. «Viele Südafrikaner sind einfach neidisch, weil die Einwanderer fleissiger und erfolgreicher sind», sagt der bekannte schwarze Erziehungswissenschafter Jonathan Jansen. «Die Immigranten stilisieren sich auch nicht permanent zu Opfern und machen andere für ihre Nöte verantwortlich. Sie wissen, dass nur Bildung und harte Arbeit den Weg aus der Armut bahnen.»

Regierung nicht beunruhigt

Derweil wachsen vielerorts am Kap die Sorgen vor einem weiteren Abgleiten des Landes. «Auch wenn die Unruhen keinen direkten Einfluss auf das Anlegervertrauen haben, so deuten sie doch auf eine beträchtliche soziale Instabilität hin», sagt der langjährige Beobachter Nic Borain von der Bank BNP Paribas.

Wie Borain kritisieren viele, dass Präsident Jacob Zuma und seine Regierung den Fremdenhass wie so viele andere brennende Fragen seit Jahren ignorieren und nichts getan haben, um etwa mit einer härteren Linie gegenüber dem Unrechtsregime im benachbarten Simbabwe den ständigen Zufluss an Flüchtlingen zu stoppen. Stattdessen wurde dessen Staatschef Robert Mugabe letzte Woche zu einem Staatsbesuch empfangen und nach allen Regeln der Kunst hofiert. Die Regierung nahm sogar dessen Äusserung schweigend hin, er wolle kein weisses Gesicht sehen. Anscheinend versteht niemand, welche Signale damit ans Volk gesendet werden. Ein konkretes Programm der Regierung zu einer auch nur halbwegs geregelten Zuwanderung sucht man vergeblich.

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