Afrika – die Zeit des Zerfalls

Das freie Afrika wird 50 Jahre alt – zu feiern gibt es wenig. Darüber werden auch die offiziellen Feierlichkeiten dieser Tage in Kongo und anderswo nicht hinwegtäuschen.

Walter Brehm
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Joseph Kabila, Präsident der Demokratischen Republik Kongo, hat diese Woche König Albert II. von Belgien in seiner Hauptstadt Kinshasa freundlich empfangen. Ganz anders als vor 50 Jahren. Damals hatte König Baudouin I. zum Ende seiner Herrschaft über das zentralafrikanische Riesenreich noch einmal auf die «zivilisatorischen Verdienste» der Kolonialherrschaft hinweisen wollen und damit den Zorn von Patrice Lumumba, dem ersten Premier des freien Kongo, geweckt.

«Wir haben den Spott, die Beleidigungen und Schläge nicht vergessen, die wir morgens, mittags und nachts über uns ergehen lassen mussten, nur weil wir als Neger betrachtet wurden», fuhr Lumumba den belgischen König an.

Die Freiheit, die sie meinten

Wenige Monate danach wurde Lumumba auf Anordnung der amerikanischen und belgischen Regierung ermordet.

In der Hochzeit des Kalten Krieges zwischen Kommunismus und Kapitalismus schien dem freien Westen im potenziell reichsten Land Afrikas ein charismatischer Führer, der sich nicht bedingungslos für die «richtige Seite» entscheiden mochte, als untragbar.

Die Ermordung Lumumbas war der Anfang eines Leidensweges, der Kongo in die Kleptokratie eines Mobutu Sese Seko und in eine bis heute nicht endende Serie interner und internationaler Konflikte geführt hat, die bis heute Millionen Menschen das Leben und weitere Millionen ihre Heimat kostete.

Afrika und Zentralafrika im besonderen erlebten in den vergangenen 50 Jahren wenig, was seine Menschen stolz oder glücklich gemacht hätte. Der nigerianische Schriftsteller Chinua Achebe formuliert es so: «Es war eher eine Zeit, in der die Dinge auseinanderfielen.»

Legende vom Freiheitskampf

Obwohl dies heute zur den staatstragenden Legenden gehört, war schon die Unabhängigkeit in den wenigsten Ländern Ergebnis eines erfolgreichen Befreiungskampfes.

Am Anfang stand vielmehr die Erkenntnis der Europäer, dass ihnen der Unterhalt der Kolonien zu teuer geworden war. Überstürzt entledigten sie sich des Ballasts, überliessen ihn den kleinen, in Europa ausgebildeten afrikanischen Eliten. Der Herrschaftsstil der neuen Machthaber unterschied sich dann oft in keiner Weise von jenem ihrer bisherigen Beherrscher.

Die zerstörte Identität Afrikas

Der Kolonialismus-Kritiker und Psychoanalytiker Frantz Fanon umschrieb diesen Stil als «schwarze Haut in weissen Masken». Doch was hätten die neuen Herren anderes tun sollen, als sich der kolonialen Verwaltungsstrukturen zu bedienen? Andere gab es nicht. Sie hatten die Souveränität über staatliche Gebilde übernommen, deren Grenzen von den Kolonialisten nach deren eigenen Vorstellungen und vor allem wirtschaftlichen Bedürfnissen gezogen worden waren.

Die traditionellen Gesellschaftsstrukturen, die gewachsenen Siedlungsräume der afrikanischen Völker und Ethnien waren in vier Jahrhunderten Sklaverei und der anschliessenden Fremdherrschaft weitgehend zerstört (siehe Kasten). Was es gab und die neuen Eliten weidlich nutzten, war die Erfahrung, wie afrikanische Reichtümer zum eigenen Vorteil ausgebeutet oder verscherbelt werden konnten.

Die Vergesslichkeit des Nordens

Der Fluch der Vorbilder aus dem Norden tat seine Wirkung. Wer sich von den neuen Potentaten nicht den früheren Kolonialherren anbiederte, versuchte in den 60er- und 70er-Jahren im Verbund mit Moskau oder Peking Afrika das «Modell Sozialismus» überzustülpen. Die Konkurrenz der Gesellschaftsmodelle, die beide nichts mit Afrika gemein hatten, ermöglichte es sowohl den Regierungen des Westens als auch jenen des Ostens, ihre jeweiligen Marionetten gegeneinander

auszuspielen – im Namen der Solidarität oder der Freiheit, oder auch nur, um sich billige Rohstoffe zu sichern.

Die afrikanischen Profiteure – die Mobutus und Mugabes – füllten ihre privaten Schatullen und scherten sich nicht um ihre Völker. Erst nach dem Zusammenbruch des «Modells Sozialismus» mehrten sich in den 90er-Jahren dann die internationalen Stimmen, die Afrikas Führer zu «gutem Regieren» anhielten respektive ihre Hilfe nun davon abhängig machten.

Dagegen war an sich nichts einzuwenden. Störend war und ist nur, dass sich die früheren Kolonialisten und die kalten Bodenschatz-Krieger nun als moralische Saubermänner aufspielen, als hätten sie mit dem Schicksal Afrikas in den vergangenen 50 Jahren nichts zu schaffen.

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