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AFRIKA: 1,3 Millionen Menschen auf der Flucht

Die Demokratische Republik Kongo steht am Scheideweg. Eine neue Krise im Zentrum des Landes hat über eine Million Menschen in die Flucht getrieben. Die Gewaltwelle droht auch die Wahlen zu verzögern – was Präsident Kabila gefallen dürfte.
Sinikka Tarvainen und Jürgen Bätz, dpa
Flüchtlinge aus der Krisenprovinz Kasai warten auf ihre Registrierung. (Bild: John Wessels/AFP (Gungu, 5. Juni 2017))

Flüchtlinge aus der Krisenprovinz Kasai warten auf ihre Registrierung. (Bild: John Wessels/AFP (Gungu, 5. Juni 2017))

Sinikka Tarvainen und Jürgen Bätz, DPA

Jeden Tag strömen Hunderte ausgemergelte Flüchtlinge aus dem Zentrum des Kongo über die Grenze nach Angola. «Manche haben relativ schwere Verletzungen», darunter auch Kinder mit grossflächigen Verbrennungen, sagt Pumla Rulashe vom UNO-Flüchtlingswerk (UNHCR). Sie fliehen vor dem Konflikt in Kongos Region Kasai. «Die Flüchtlinge sagen, dass sie in ihren Dörfern angegriffen wurden, dass Häuser niedergebrannt und die Bewohner mit Macheten attackiert wurden.»

Doch die etwa 30 000 kongolesischen Flüchtlinge in Angola sind nur die Spitze des Eisbergs. Der Konflikt in Kasai hat seit vergangenem August eine Massenflucht ausgelöst. Rund 1,3 Millionen Menschen sind nach UNO-Angaben wegen der Gewalt in andere Landesteile geflohen. Die meisten Binnenflüchtlinge lebten zuvor von dem, was sie auf ihrem Land anbauten, und haben damit auch ihre Lebensgrundlage verloren. Allein im vergangenen Jahr sind im Kongo über 920 000 Menschen geflohen, mehr als in jedem anderen Land der Welt, wie das in Genf ansässige Zentrum zur Beobachtung von Vertreibung (IDMC) berichtet. «Nicht mal die brutalen Kriege in Syrien oder im Jemen haben letztes Jahr so viele Menschen zur Flucht gezwungen», erklärte die Kongo-Direktorin des Norwegischen Flüchtlingsrats (NRC), Ulrika Blom.

Stammesführer nicht anerkannt

Die jüngste Krise trifft ein bereits gebeuteltes Land. Im Osten des Kongo treiben seit Jahren zahlreiche Milizen und Rebellengruppen ihr Unwesen – trotz einer rund 20 000 Mann starken UNO-Friedenstruppe. Der Konflikt in der relativ armen, aber bis dahin friedlichen Region Kasai entzündete sich 2016 an einem scheinbar kleinen Problem. Die Regierung weigerte sich, den traditionell ernannten Stammesführer Kamuina Nsapu anzuerkennen. Die Stammesführer entsprechen wichtigen Beamten, die Angelegenheiten der Dörfer regeln und vom Staat bezahlt werden. Die Entscheidung der Regierung «hat schnell den seit langem bestehenden politisch und wirtschaftlich motivierten Frust in Kasai geweckt», erklärt die Denkfabrik International Crisis Group (ICG). Stammesführer Kamuina Nsapu, mit bürgerlichem Namen Jean-Pierre Mpandi, stachelte seine Gefolgsleute an – und die Sicherheitskräfte griffen mit harter Hand durch, was die Proteste weiter befeuerte. Im August wurde Kamuina Nsapu – der Name bedeutet in der örtlichen Sprache Tshiluba «Schwarze Ameise» – zusammen mit einigen Gefolgsleuten von Sicherheitskräften getötet. Danach wurde der «Aufstand der Ameise» zu einer Rebellion gegen die Regierung.

2000 Kinder zwangsrekrutiert

Der Kamuina-Nsapu-Miliz werden schwere Verbrechen vorgeworfen, zum Beispiel die Enthauptung von 40 Polizisten im März. Sie sollen nach UNO-Angaben auch rund 2000 Kinder zwangsrekrutiert haben. Doch auch die Sicherheitskräfte gehen auf Anordnung von Präsident Joseph Kabila rabiat vor, ohne viel Rücksicht auf die Zivilbevöl­kerung. UNO-Experten haben 42 Massengräber dokumentiert, in denen vor allem mutmassliche Mitglieder und Unterstützer der Bewegung Kamuina Nsapu begraben sein sollen. Dem Konflikt sind nach Polizei und UNO-Angaben bereits mehr als 1000 Menschen zum Opfer gefallen.

Die mittelafrikanische Demokratische Republik Kongo gehört trotz reicher Rohstoffvorkommen zu den ärmsten Ländern der Welt. Jedes zehnte Kind stirbt der Weltbank zufolge noch vor dem fünften Geburtstag. In Kasai werden Unicef zufolge dieses Jahr bis zu 400 000 Kinder an akuter Mangelernährung leiden.

Die Regierung scheint unfähig oder unwillig, den Konflikt zu beenden. Oppositionelle werfen Präsident Kabila vor, den Konflikt bewusst eskalieren zu lassen, denn solange in Kasai gekämpft wird, kann es keine Wahlen geben. Sein zweites Mandat endete 2016, er trat jedoch nicht ab. Er kann nicht erneut kandidieren, findet jedoch immer neue Gründe, wieso die Wahlen nicht stattfinden können.

«Ich habe gar nichts versprochen!»

Unter Vermittlung der katholischen Kirche stimmte Kabila zu, bis Ende 2017 wählen zu lassen. Doch kürzlich sagte er dem Magazin «Spiegel»: «Ich habe gar nichts versprochen!» Er hat viel zu verlieren. Einer Recherche der Nachrichtenagentur Bloomberg zufolge hat seine Familie durch ein Netz von Unternehmen Hunderte Millionen Dollar Vermögen angehäuft.

Seine Gegner haben keine klare Führung. Der beliebte Oppositionsführer Moise Katumbi ist ins Ausland geflohen, nachdem er in einem offenbar politisch motivierten Prozess zu einer Haftstrafe verurteilt worden war.

Sollte die Wahl erneut verschoben werden, könnte sich die Rebellion der Wütenden von den fünf Kasai-Provinzen schnell ausweiten. Der Experte Jay Benson vom US-Forschungsinstitut Zukunft Eine Erde (OEF) warnt: «Das Risiko, dass ein lokaler Konflikt sich zu einem landesweiten Krieg und zu Instabilität ausweitet, war seit Jahren nicht so gross.»

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