Kommentar

Afghanistan sollte dem Frieden eine Chance geben

Die Friedensverhandlungen mit den Taliban schüren Ängste, dass die Fundamentalisten nach einem Abzug der US-Truppen wieder die Macht in Kabul übernehmen könnten. Doch das Risiko ist gering und muss eingegangen werden, will das Land am Hindukusch endlich zur Ruhe kommen.

Ulrike Putz
Drucken
Teilen
Ulrike Putz

Ulrike Putz

Nach knapp 18 Jahren Krieg scheint ein Ende in Sicht: Seit Jahresbeginn haben mehrere Verhandlungsrunden zwischen amerikanischen Unterhändlern, afghanischen Machthabern und Führern der Taliban Hoffnungen geschürt, dass die Kämpfe in Afghanistan bald eingestellt werden könnten. «Wir haben in wichtigen Fragen signifikante Fortschritte gemacht», so US-Delegationsleiter Zalmay Khalilzad nach Gesprächen mit den Taliban im Januar.

Eine zweitätige Konferenz in Moskau, bei der in der vergangenen Woche erstmals Taliban und Abgesandte der afghanischen Regierung miteinander redeten, klopfte diese Fortschritte fest.» Es war sehr erfolgreich», sagte der Chefunterhändler der Taliban, Sher Mohammad Abbas Stanikzai.» Wir haben uns in vielen Punkten einigen können.» Unter den Teilnehmern waren neben Wortführern der Taliban der ehemalige afghanische Präsident Hamid Karzai, einflussreiche Stammesführer und Vertreter der wohlhabenden Elite. Die afghanische Regierung um Präsident Ashraf Ghani war nicht repräsentiert. Die Taliban werfen Ghani vor, eine von den USA eingesetzte «Marionette» zu sein und verweigern Gespräche mit seiner Regierung.

Der jetzt verhandelte Kompromiss sieht in groben Zügen vor, dass die USA ihre Truppen aus Afghanistan abziehen. Im Gegenzug garantieren die Taliban, dass keine internationalen Terrorgruppen das Land als Basis nutzen werden. Zwar gibt es keinen Zeitplan und auch sind noch sehr viele Details zu klären: Trotzdem ist das Ergebnis ein Durchbruch. Seit dem Einmarsch der US-Truppen im Oktober 2001 war ein Frieden für Afghanistan zu keinem Zeitpunkt so nah wie jetzt.

Dass das Töten und Sterben bald ein Ende haben könnte, liegt einerseits daran, dass sich die USA in Afghanistan de facto geschlagen geben. Die Tatsache, dass ausgerechnet die Trump-Regierung sich nun auf Direktgespräche mit den Taliban eingelassen hat, ist ein Indiz dafür, dass die USA einen Sieg in Südasien nicht mehr für möglich halten. Nüchtern betrachtet, sei die jetzt verhandelte Lösung ein schöngeredeter Rückzug, sagt Ryan Cocker, der 2002 als Botschafter in Kabul die diplomatischen Beziehungen mit Afghanistan wiederherstellte.

Doch angesichts ihrer etwa 60000 Gefallenen sind auch die Taliban inzwischen kriegsmüde und deshalb zu Zugeständnissen bereit: Die Moskauer Gespräche markieren eine Kehrtwende der Radikalislamisten. Sie sind von ihrem Alleinvertretungsanspruch am Hindukusch abgerückt und scheinen erstmals anzuerkennen, dass auch ihre vielen Gegner ein Mitspracherecht über die Zukunft des Landes haben müssen.» Wir legen es nicht darauf an, das ganze Land zu erobern, wir wollen kein Machtmonopol», sagte Unterhändler Stanikzai in Moskau.» Es würde Afghanistan keinen Frieden bringen.»

Es gibt genügend Zweifler, die warnen, dass die Taliban ein doppeltes Spiel treiben. Sobald die alliierten Truppen abzögen, würden die Taliban versuchen, die Zentralregierung in Kabul zu stürzen. Besonders Frauen, die während des theokratischen Regimes der Taliban von 1996 bis 2001 als Menschen zweiter Klasse behandelt wurden, befürchten, dass die Islamisten so wieder ans Ruder gelangen könnten.

Stanikzai versuchte solche Bedenken in Moskau auszuräumen: «Frauen sollten nicht beunruhigt sein.» Afghanistans Frauen würden auch weiterhin Schulen und Universitäten besuchen und arbeiten können. Die afghanische Parlamentarierin Fawzia Koofi, eine der beiden einzigen Frauen bei den jüngsten Gesprächen, sagte, es sei eine «positive Entwicklung, dass die Taliban, die Kugeln gegen die Frauen Afghanistans eingesetzt haben, jetzt den Stimmen der Frauen zuhören». «Nun müssen wir sicherstellen, dass sie alles, was sie sagen, auch meinen», sagte Koofi gegenüber der BBC.

Das schlagendste Argument dafür, einem Frieden mit den Taliban eine Chance zu geben, ist, dass die internationale Gemeinschaft auch nach einem Abzug der US-Truppen weiter ein wachsames Auge auf die Entwicklung in Afghanistan haben wird. Mit ihren Drohnen, die von Flugzeugträgern im Indischen Ozean aus operieren, könnten die USA jeden Bruch eines Friedensabkommens unverzüglich ahnden. Die Taliban sind sich dessen durchaus bewusst und dürften sich deshalb bemühen, ihre Zugeständnisse zu honorieren. Wie sagte deren Chefunterhändler Stanikzai in Moskau? «Frieden ist schwieriger als Krieg.»

Senat stellt sich gegen Truppenabzug aus Syrien und Afghanistan

Der US-Senat hat sich gegen die Pläne von Präsident Donald Trump für einen Truppenabzug aus Syrien und Afghanistan gestellt. Eine von dem Republikaner Mitch McConnell eingereichte Resolution wurde am Montag mit einer Mehrheit von 70 zu 26 Stimmen klar angekommen.