Afghanistan: Obama hält sich an Abzugsplan

Der amerikanische Abzug aus Afghanistan hat einen wichtigen Meilenstein erreicht. Alle Truppen, die Präsident Obama zusätzlich entsandt hatte, sind wieder in den USA zurück.

Thomas Spang
Merken
Drucken
Teilen

WASHINGTON. Ohne grosse Fanfare trafen eine Woche vor dem gesetzten Termin die letzten der 33 000 zusätzlichen US-Soldaten auf heimischem Boden ein. Sie waren Teil der Truppenaufstockung in Afghanistan, die Obama auf Drängen der militärischen Befehlshaber vor Ort im Dezember 2009 verkündet hatte. Nach dem Rückzug dieses Kontingents verbleiben noch 68 000 US-Soldaten am Hindukusch. Diese sollen nun bis Ende 2014 das Land verlassen.

Es blieb Verteidigungsminister Leon Panetta auf Reisen im fernen Neuseeland überlassen, den Abschluss dieser Etappe zu verkünden. Der Pentagon-Chef meinte, die «Surge» genannte Strategie habe ihre Ziele erreicht. «Wir haben den Aufwind der Taliban auf dem Schlachtfeld gestoppt und die Grösse und Fähigkeiten der Nationalen Sicherheitskräfte Afghanistans dramatisch ausgeweitet.»

«Es hatte einen Preis»

Ein hoher Mitarbeiter des Weissen Hauses klang nüchterner. «Wir haben einen Punkt erreicht, an dem wir nicht mehr tun können.» Es liege nun an den Afghanen selbst, zu verteidigen, was sie bekommen haben. «Jetzt muss Präsident Karzai übernehmen.» General Martin Dempsey, der höchstrangige Soldat des Landes, erinnerte an den Preis in Menschenleben und Geld, die der Krieg in Afghanistan über die vergangenen elf Jahre gefordert hat. «Ich denke, es war die Kosten wert, aber vergessen Sie nicht, es hatte einen Preis.»

In diesem Jahr kam am Hindukusch im Durchschnitt täglich ein Amerikaner ums Leben. Die Zahl der zivilen Opfer in Afghanistan geht weit darüber hinaus. In den ersten sechs Monaten dieses Jahres wurden bereits 1145 Zivilisten getötet. Die Kosten des Einsatzes belaufen sich auf rund 60 Milliarden Dollar im Jahr.

Besonders zu schaffen machen den Nato-Truppen die regelmässigen Übergriffe regulärer afghanischer Regierungssoldaten auf ihre westlichen Kameraden in gemischten Einheiten. In diesem Jahr kamen dabei schon 51 Nato-Soldaten ums Leben. Der Befehlshaber vor Ort, General John R. Allen, setzte jetzt die gemeinsamen Patrouillen und andere gemischte Einsätze auf unbestimmte Zeit aus.

Strategie auf der Probe

«Das ist eine ernsthafte Herausforderung für unsere Strategie», bewertet der unabhängige Afghanistan-Experte Stephen Biddle von der George Washington University die Entscheidung der Nato. Und sein Kollege Jeffrey Dressler vom Institute for the Study of War meint, kurzfristig liesse sich das Aussetzten verkraften. «Wenn sich dies aber über Monate hinzieht, wird das definitiv Konsequenzen haben.»

Der Rückzug der nun noch in Afghanistan stationierten Nato-Verbände setzt die Fähigkeit der afghanischen Sicherheitskräfte voraus, die entsprechenden Aufgaben ab Ende 2014 vollständig zu übernehmen. Ohne die direkte Zusammenarbeit der Soldaten in den gemischten Einheiten steht in Frage, ob das Ziel von 350 000 ausgebildeten afghanischen Soldaten und Polizisten erreicht werden kann.

Abzugsfahrplan überprüfen?

Drei US-Senatoren, die Republikaner John McCain und Lindsey Graham sowie der unabhängige Joe Lieberman, forderten, angesichts dieser Situation müsse der Fahrplan überprüft werden. «Die Bedingungen sind beunruhigend genug, um den weiteren Abzug von Truppen zu stoppen», heisst es in einer gemeinsamen Erklärung.

US-Präsident Obama teilt diese Einschätzung nicht. In einer Videokonferenz mit dem afghanischen Präsidenten Hamid Karzai verlangte er vergangene Woche eine Aufklärung der Übergriffe auf die US-Soldaten. Gleichzeitig bekräftigte er das Festhalten am Rückzugstermin.