Afghanistan droht Zerfall

Talibanmilizen haben in Kabul das Parlament attackiert. Der Angriff hat symbolische Bedeutung, denn der Regierung erwächst immer mehr Widerstand im ganzen Land.

Willi Germund
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In Staub gehüllt: Im afghanischen Unterhaus nach der Bombenattacke. (Bild: epa/Najibullah Faiq)

In Staub gehüllt: Im afghanischen Unterhaus nach der Bombenattacke. (Bild: epa/Najibullah Faiq)

KABUL. Die Angreifer kamen mit einer mächtigen Bombe, die sie in einem Auto vor dem Parlament zündeten. Nach der Explosion hüllte eine Staubwolke die «Wolesi Jirga» ein, das Unterhaus des afghanischen Parlaments, vom Dach rieselten Gipsteile. Während einige Abgeordnete voller Panik schrieen, zeigte sich der Parlamentssprecher hartnäckig: «Wir haben eine kurze…» vermochte er in der von der Staubwolke verursachten Untergangsstimmung noch zu sagen, dann zerrten Sicherheitsleute den tapferen Parlamentarier von seinem Pult weg. Eine Mutter und ihr Kind starben, 40 Zivilisten wurden verletzt und acht Angreifer der Talibanmilizen getötet, bevor Sicherheitskräfte die Lage zwei Stunden nach Beginn der Attacke wieder kontrollierten.

Seit seinem Amtsantritt versucht der vor einem Jahr bestimmte Präsident Ashraf Ghani, die Talibanmilizen zu Verhandlungen und dem Einzug ins Parlament zu bewegen. Die «Gotteskrieger» zeigten ihm bislang die kalte Schulter. Sie zogen es vor, mit Waffengewalt just in dem Augenblick an die Tore zu klopfen, als in der «Wolesi Jirga» nach monatelanger Verzögerung und endlosem politischen Gezerre über den künftigen Verteidigungsminister Masoum Stanikzai abgestimmt werden sollte.

Einflussreiche Gegner

Die Attacke dürfte freilich kaum jemanden verwundern. Seit dem weitgehenden Rückzug der Nato vom Hindukusch Ende vergangenen Jahres mehren sich überall im Land Auflösungserscheinungen. Unterstützt von vielen Extremisten aus Zentralasien, rückten die Taliban bis auf drei Kilometer an das Zentrum der Stadt Kunduz heran, einem früheren Stützpunkt der deutschen Bundeswehr im Norden. «Der Fall von Kunduz wäre ein schwerer Schlag für Kabul», sagt ein asiatischer Diplomat in der Hauptstadt, «denn seit 2001 ist keine Provinz an die Taliban gefallen.»

Die Talibanmilizen legten den Schwerpunkt ihrer diesjährigen Offensive auf den Nordosten des Landes. «Das Land verfügt etwa über 30 000 Elitesoldaten, die internationalen Standard haben. Sie können die Taliban jederzeit schlagen, aber wegen mangelnder Mobilität nicht gleichzeitig an mehreren Orten operieren», sagt ein Militärexperte in Kabul.

In Herat nahe der Grenze zu Iran wiederum beklagt der frühere Kriegsfürst Ismael Khan, dass Präsident Ashraf Ghani ihn politisch marginalisiert habe. Die Botschaft, die auch Gouverneur Mohammed Atta im nördlichen Mazar-i-Sharif hin und wieder nach Kabul schickt, lautet: Entweder es gibt Zugang zu Regierungspfründen oder Ärger. Auch Ghanis Verhältnis zu Abdullah Abdullah, der in der Regierung der Nationalen Einheit eigentlich die Rolle eines Premierministers spielen soll, ist angespannt. Die beiden stritten so lange über eine Wahlreform-Kommission, dass die «Wolesi Jirga» ihre Amtszeit am Samstag um einen Monat verlängern musste. Ein Termin für die fälligen Parlamentswahlen wurde von den scheidenden Abgeordneten bislang nicht festgelegt.

Jetzt auch noch der IS

Die Talibanmilizen sehen die Zwietracht in der Regierung der Einheit mit Schadenfreude. Aber ihre zahlreichen Aktionen können nicht verdecken, dass es auch bei ihnen gewaltig knirscht. Die Führung streitet über die Rolle Pakistans, in der Vergangenheit der wichtigste Pate der Milizen bei Verhandlungen mit Kabul. Vor wenigen Tagen gab es zudem eine deutliche Warnung an Daesh, so der arabische Name für «Islamischer Staat» (IS). «Es ist schlecht, wenn in Afghanistan mehrere Organisationen für die Sache des Islam kämpfen», warnte die Taliban-Shura den IS vor einer Einmischung am Hindukusch.

Das US-Verteidigungsministerium bestätigt die Präsenz des IS in Afghanistan und spricht von einer «Kundschafter-Mission». Viele zentralasiatische Kämpfer, die jetzt vor Kunduz kämpfen, verliessen Pakistans Waziristan-Provinz. Sie wurden bei einer Offensive verdrängt und präsentieren sich laut Geheimdienstkreisen in Kabul mit Händen voller Bargeld gern als afghanischer Zweig des IS.