AFGHANISTAN: «Die Taliban sind so stark wie nie»

Der Leiter der Friedrich-Ebert-Stiftung in Kabul, Mirco Günther, beobachtet eine massive Verschlechterung der Sicherheitslage in Afghanistan. Die Aufnahme von Rückkehrern überfordere das Land zusätzlich.

Isabelle Daniel
Drucken
Teilen
Nach dem verheerenden Bombenanschlag im Zentrum von Kabul. (Bild: Shah Marai/AFP)

Nach dem verheerenden Bombenanschlag im Zentrum von Kabul. (Bild: Shah Marai/AFP)

Interview: Isabelle Daniel

Mirco Günther, ist auch das Büro der Friedrich-Ebert-Stiftung von dem verheerenden Anschlag betroffen?

Das Diplomatenviertel ist im Stadtteil Wazir Akbar Khan, unser Büro liegt in Shar-e-Nau, etwa zwei Kilometer Luftlinie vom Anschlagsort entfernt. Der Kreisverkehr, an dem sich die Detonation ereignet hat, ist ein Verkehrsknotenpunkt und eine Hauptverkehrsader zur Rush Hour am Morgen. Da ich gerade auf Dienstreise bin, hat mich die Nachricht am sehr frühen Morgen in Berlin erreicht. Meine Kollegen aus Kabul haben jedoch geschildert, wie intensiv die Detonation auch in unserem Büro zu spüren war. Die Fensterscheiben vibrierten, jeder wusste sofort, dass etwas sehr Schlimmes passiert sein musste. Aus ei­gener Erfahrung weiss ich, dass sich eine Detonation dieser Schwere anfühlt wie ein Erdbeben. Es ist eine richtige Wucht, die über der ganzen Stadt zu spüren ist.

Wie sicher fühlen Sie sich in Kabul?

Natürlich ist dieser Anschlag eine tragische Erinnerung daran, dass es in Afghanistan keine absolute Sicherheitsgarantie gibt – zumal vor dem Hintergrund der sich seit zwei Jahren dramatisch verschlechternden Sicherheitssituation in Kabul. Was wir am Mittwoch erlebt haben, ist der verheerendste Anschlag in Kabul seit 2001, und allein der siebte grössere Anschlag in diesem Jahr. Die kleineren, wöchentlichen Explosionen schaffen es gar nicht mehr in die internationalen Schlagzeilen.

Über das eigentliche Anschlagziel wird noch spekuliert. Allerdings fand der Anschlag in unmittelbarer Nähe zur Deutschen Botschaft statt, die massiv beschädigt worden ist.

Das stimmt, allerdings hat die deutsche Botschaft auf dem gesicherten Gelände des Diplomatenviertels eine Randlage. Deshalb ist sie so schwer getroffen worden. Gleichzeitig spricht es für das Sicherheitsmanagement der Botschaft, dass sich der Grossteil des Personals offensichtlich im Compound aufhielt und so nicht in dem stark beschädigten Kanzleigebäude war, das wir jetzt auf Fotos sehen. Das Anschlagfahrzeug hat nie die Sperre zum Diplomatenviertel überschritten. Da der Anschlag in der Rush Hour stattgefunden hat, sind vor allem afghanische Opfer zu verzeichnen.

Die deutsche Bundesregierung hat nach dem Anschlag einen auf Mittwoch terminierten Abschiebeflug verschoben. Dagegen war angesichts der Sicherheitslage zuvor protestiert worden, während Innenminister Thomas de Maizière seit Wochen bekräftigt, dass Abschiebungen nach Afghanistan vertretbar seien. Wie gerechtfertigt ist die Einschätzung De Maizières?

In Bezug auf die Sicherheit sind die Dinge in Afghanistan so im Fluss, dass eine klare Unterscheidung zwischen sicheren und unsicheren Gebieten nicht mehr aufrechtzuerhalten ist. Laut UNO war das vergangene Jahr das opferreichste für die afghanische Zivilbevölkerung. Das gilt auch für den Norden, wo die deutsche Bundeswehr und Entwicklungszusammenarbeit sehr aktiv waren und sind. Die Provinz Kundus ist heute zu grossen Teilen von den Taliban kon­trolliert oder zumindest umkämpft. Der Anschlag auf das Deutsche Generalkonsulat in Masar-e Sharif ist ebenfalls erst ein gutes halbes Jahr her.

Die Taliban greifen oft gezielt Militärstützpunkte und Polizeiposten an. Ist die Sicherheitslage für Zivilisten besser?

Nein, das würde ich angesichts des Höchststandes der zivilen Opferzahlen nicht sagen. Gleichzeitig gibt es im militärischen und polizeilichen Bereich ebenfalls traurige Rekordzahlen. Die afghanischen Streitkräfte kämpfen einen extrem verlustreichen Kampf. Die Taliban sind so stark wie noch nie seit 2001. Sie kontrollieren etwa die Hälfte der Gebiete des Landes oder kämpfen um sie. Selbst wenn zivile Personen nicht immer das Ziel sind, sind sie ja meistens die tragischen Opfer von Anschlägen.

Wie wirkt sich die Sicherheitslage auf die politische Stabilität aus? Zuletzt waren Verteidigungsminister und Armeechef zurückgetreten.

Afghanistan steckt in einer dreifachen Übergangskrise. Da ist zum einen die politische Krise. Die Regierung zeichnet sich dadurch aus, dass sie mit internen Streitigkeiten beschäftigt ist und als nicht handlungsfähig wahrgenommen wird. Durch den Abzug des Grossteils der Nato-Truppen ist zweitens die fragile afghanische Wirtschaftswachstumsblase zum Platzen gekommen. Das dritte grosse Thema ist die Korruption, auch in Sicherheitskreisen, die viele Anstrengungen unterwandert. Hinzu kommen die bewaffneten Akteure. Neben etwa 20 Terrororganisationen, gegen welche die Regierung nach eigenen Angaben kämpft, gibt es auch kriminelle Netzwerke, eine regelrechte Entführungsmafia sowie private Milizen einzelner Provinzfürsten und ehemaliger Warlords.

Was bedeutet das für Rückkehrer?

Die Einzelschicksale sind natürlich sehr verschieden. Die Zahl der Rückkehrer aus Europa ist vergleichsweise gering. Viel höher ist die Zahl der Rückkehrer aus Pakistan und dem Iran. Hinzu kommen die rund 650000 neu registrierten Binnenflüchtlinge allein im vergangenen Jahr. Diese Mischung überfordert natürlich Afghanistan als eines der 15 wirtschaftlich am wenigsten entwickelten Länder der Erde massiv. Afghanistan wird zwar in Europa vor allem als Ursprungsland von Migration gesehen. Dabei ist es aber vor allem auch ein Rückkehrerland, oft unter tragischen Umständen, freiwillig oder unfreiwillig.