Afghanistan
Bärtige Bedrohung: Wer sind die Taliban eigentlich? Und wieso sind sie auch für uns gefährlich?

Die «Schüler», wie sie sich selber nennen, sind so brutal wie während ihrer letzten Regentschaft Ende der 1990er Jahre. Ihre Rückkehr an die Macht ist schrecklich für alle Frauen in Afghanistan – und eine Gefahr für die ganze Welt.

Samuel Schumacher
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Taliban-Kämpfer auf einem Pickup-Truck in Kabul: Die radikal-islamische Gruppe war in Afghanistan bereits von 1996 bis 2001 an der Macht.

Taliban-Kämpfer auf einem Pickup-Truck in Kabul: Die radikal-islamische Gruppe war in Afghanistan bereits von 1996 bis 2001 an der Macht.

EPA

Auch die bärtigen Männer selber schienen komplett erstaunt über ihren Erfolg, als sie in ihren staubigen Umhängen und mit ihren AK-47-Sturmgewehren am Sonntag durch die Marmorhallen des Präsidentenpalasts in Kabul stolzierten. Vor wenigen Wochen erst hatten die Taliban ihre Rückeroberungskampagne im afghanischen Hinterland begonnen. Jetzt sind sie im Machtzentrum angelangt.

Zuletzt gelang das der radikalen islamistischen Gruppierung Mitte der 1990er Jahre. Alleine in Kabul verloren damals mehr als 25'000 Menschen ihr Leben. Am Sonntag aber fielen in der Hauptstadt ausser ein paar Freudensalven kaum Schüsse. Niemand stellte sich den neuen Herrschern über die knapp 40 Millionen Menschen im Land in den Weg.

Kämpfer der Taliban nehmen am Sonntag am Tisch des geflohenen Präsidenten Aschraf Ghani in Kabul Platz.

Kämpfer der Taliban nehmen am Sonntag am Tisch des geflohenen Präsidenten Aschraf Ghani in Kabul Platz.

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Das ist mehr als nur erstaunlich, wenn man sich den Schrecken vor Augen führt, mit dem die Taliban (wörtlich übersetzt «die Schüler») während ihrer ersten Regentschaft von 1996 bis 2001 das Land überzogen hatten. Mädchen mussten mit acht Jahren die Schule verlassen, Frauen sich in der Öffentlichkeit komplett verhüllen, weil das Gesicht einer Frau «Quelle der Korruption für die mit ihr nicht verwandten Männer» sei, wie das die Afghanistan-Expertin Nancy Hatch Dupree in einem Essay erklärte.

Was die Taliban von der Al-Kaida unterscheidet

Einer beruflichen Tätigkeit durften Frauen grundsätzlich nicht mehr nachgehen und das Haus nur noch mit männlicher Begleitung verlassen. Die radikal-islamischen Taliban rechtfertigten das damit, dass sie für die Frauen ein «sicheres Umfeld schaffen» wollten, in dem «ihre Keuschheit und Würde unantastbar» würden. Gleichzeitig machten immer wieder Geschichten die Runde über Massenentführungen von Frauen, die Teils direkt in den Terror-Camps der von den Taliban geduldeten Al-Kaida-Zellen in Afghanistan landeten.

Doch anders als die Al-Kaida, die unter ihrem damaligen Anführer Osama bin Laden eine weltweite Terrorkampagne lanciert hatte, haben die Taliban in ihrer Geschichte bislang keinen einzigen Anschlag ausserhalb Afghanistans oder Pakistans durchgeführt. Das Ziel der Gruppe, die sich Anfang der 1990er Jahre im pakistanisch-afghanischen Grenzgebiet formierte und ihre Anhänger primär aus den Kreisen afghanischer Flüchtlinge in Pakistan rekrutierte, war und ist die Errichtung eines Gottesstaates innerhalb der Grenzen von Afghanistan.

Basis dieses Staates soll damals wie heute das islamische Scharia-Gesetz gepaart mit dem paschtunischen Ehrenkodex Paschtunwali sein. Männer müssen Bart tragen, Ehebrecher sollen öffentlich hingerichtet werden, Dieben werden die Hände abgehackt. Diese mittelalterlichen Strafmassnahmen werden auch im Jahr 2021 von den Taliban gegen alle Bedenken durchgesetzt, wie jüngst etwa eine Recherche des Journalisten-Kollektivs «Vice» in der afghanischen Wardak Provinz zeigte.

Ein Reporterteam von «Vice »hat sich in die von den Taliban kontrollierte Wardak-Provinz gewagt. Der Bericht zeigt, wie brutal die Gruppierung Afghanistan regieren will.

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Dass die jetzt an die Macht zurückgekehrten Taliban irgendwie moderater oder moderner seien als ihre Vorgänger, die das Land bis zum von den USA herbeigeführten Umsturz 2001 regiert hatten, glaubt kaum jemand. Saad Mohseni, Chef der afghanischen Mediengruppe «Moby Group», sagte gegenüber der «Deutschen Welle»:

«Die Taliban 2.0 sind genau gleich wie die frühere Version, sie haben sich nicht verändert.»

Nach ihrem Sturz 2001 zogen sich die Taliban-Truppen kurzzeitig zurück und finanzierten sich statt mit Steuereinnahmen und der Abzweigung internationaler Hilfsgelder primär durch den Drogenhandel und durch finanzielle Unterstützung aus Saudi-Arabien und Pakistan. Jahrelang machten die Taliban mit Anschlägen auf die Zivilbevölkerung und die amerikanischen Besatzer von sich reden.

Die Gefahr vor Anschlägen dürfte weltweit steigen

Für weltweite Schlagzeilen sorgte der Anschlag auf die pakistanische Schülerin Malala Yousafzai im Oktober 2012. Sie überlebte die Taliban-Attacke knapp und erhielt für ihr anhaltendes Engagement für das Recht auf Bildung 2014 den Friedensnobelpreis.

Heute gehen Beobachter von rund 85'000 aktiven Taliban-Kämpfern aus. Seit 2018 hatten sie in Katar mit den Amerikanern über deren Abzug aus Afghanistan verhandelt. US-Präsident Donald Trump schloss im Februar 2020 ein Friedensabkommen mit den Taliban, das sie verpflichtete, keine Anschläge mehr auf die US-Truppen zu verüben, wenn diese im Gegenzug schrittweise das Land verlassen würden. Trumps Nachfolger Joe Biden hielt am von manchen als überstürzt bezeichneten Abzugsplan fest und versprach, das Feld bis am 11. September 2021 zu räumen.

Rund 85'000 aktive Kämpfer sollen die Taliban laut Experten in ihren Reihen haben.

Rund 85'000 aktive Kämpfer sollen die Taliban laut Experten in ihren Reihen haben.

EPA

Die Amerikaner sind bereits vor dem 20. Jahrestag der Terroranschläge in den USA abgerückt. Und die Angst vor einem erneuten weltweiten Erstarken islamistischer Terrororganisationen ist gross. Der Politikwissenschafter Peter Neumann, der die Situation in Afghanistan seit Jahren verfolgt, sagte dem Sender WDR:

«Dschihadisten überall auf der Welt feiern die Rückkehr der Taliban. Für sie ist das ein grosser Sieg, dass der Westen in Afghanistan geschlagen wurde.»

Ähnlich sieht das der Nahostexperte Jason Burke. Er schreibt im britischen «Guardian»: «Es gibt keinen Zweifel, dass der überraschend schnelle Sieg der Taliban islamistischen Extremisten weltweit einen unglaublichen Boost geben wird: Al-Kaida, der IS, Kämpfer in Mocambique oder Syrien, Dschihad-Fans in Birmingham oder Manila: Sie alle werden dadurch gestärkt.»

Laut einem Bericht der UNO vom Juli 2021 ist die Al-Kaida bereits wieder in 15 afghanischen Provinzen präsent und wird von den Taliban noch immer geduldet. Eine erneute Zunahme weltweiter Terroranschläge, die laut der «Global Terrorism Databas» 2014 ihren Höhepunkt erreicht hatten (13'500 Anschläge mit 34'000 Toten) und seither stetig gesunken ist, scheint wahrscheinlich.

Wie gross die Verzweiflung der Menschen in Afghanistan derweil ist, zeigen Videos, die am Montag auf dem Flughafen von Kabul aufgenommen worden sind. Schreiende Menschen klammern sich mit letzter Kraft an den verriegelten Türen eines startenden US-Armee-Flugzeugs fest. Das Flugzeug hebt ab, Menschen stürzen in die Tiefe. Sie wählten den sicheren Tod über ein Leben unter den Taliban.

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