«Ärzte ohne Grenzen» als Ziel im Bombenkrieg

Wechselnde Tatorte und wechselnde Täter, aber immer das gleiche Verbrechen: «Ich bin entsetzt darüber, wie leicht sich Konfliktparteien zunehmend über internationales humanitäres Recht hinwegsetzen», sagt Sylvain Groulx, Missionschef der «Ärzte ohne Grenzen» in Syrien.

Walter Brehm
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Wechselnde Tatorte und wechselnde Täter, aber immer das gleiche Verbrechen:

«Ich bin entsetzt darüber, wie leicht sich Konfliktparteien zunehmend über internationales humanitäres Recht hinwegsetzen», sagt Sylvain Groulx, Missionschef der «Ärzte ohne Grenzen» in Syrien.

• Anfang Oktober waren in einem Spital der Organisation in der afghanischen Stadt Kunduz nach einem Luftangriff 30 Tote zu beklagen.

• In Syrien waren es in den vergangenen vier Wochen sechs Kliniken, die nach Luftangriffen mit insgesamt 35 Todesopfern ihren Betrieb einstellen mussten.

• In der laufenden Woche war ein Spital von «Ärzte ohne Grenzen» in der jemenitischen Provinz Saada Ziel eines Luftangriffs. Das Gebäude wurde vollständig zerstört, etliche Menschen teils schwer verletzt.

Vorwürfe und Ausflüchte

Immer wieder fordert die Hilfsorganisation oder auch die UNO rückhaltlose Aufklärung solcher Angriffe. Wirklich geklärt ist bisher keiner.

• In Kunduz ist klar, dass es US-Jets waren. Zugestanden haben die USA bereits, dass sie wussten, dass das Ziel ihres Angriffs ein Spital war. Man habe jedoch vermutet, dass sich Taliban-Kämpfer in dem Gebäude aufhielten.

• In Syrien kommen sowohl russische als auch amerikanische Täter in Frage. Vor allem der russischen Luftwaffe wird von internationalen Beobachtern vorgeworfen, dass ihre Angriffe immer auch viele zivile Opfer forderten.

• In Jemen werfen die schiitischen Huthi-Rebellen den Angriff der sunnitisch-arabischen Allianz unter Führung von Saudi-Arabien vor, was Riad wortreich zurückweist.

Doch eines haben all diese Angriffe auf «Ärzte ohne Grenzen» gemeinsam. Die Organisation teilt in einem Krisengebiet immer allen Parteien mit, wo sich welche ihrer Projekte befinden, die immer auch klar und deutlich gekennzeichnet sind.

Hunderttausende Betroffene

Neben den Todesopfern sind sowohl in Afghanistan und Syrien wie auch in Jemen Abertausende Menschen von den Luftangriffen betroffen. Überall muss «Ärzte ohne Grenzen» den Betrieb von Kliniken einstellen, sei es aus Gründen der Sicherheit für das eigene Personal oder einfach, weil die Spitäler zerstört sind.

• Im «Ärzte ohne Grenzen»-Spital in Kunduz waren im Jahr vor dem verheerenden Angriff mehr als 22 000 Patienten behandelt und 5900 Operationen durchgeführt worden.

• In Syrien teilt die Hilfsorganisation mit, dass die medizinische Versorgung von Zehntausenden Menschen durch die Zerstörungen der sechs Kliniken zumindest derzeit nicht mehr gewährleistet werden könne.

• In Jemen schätzen «Ärzte ohne Grenzen» die Zahl der Menschen, die nach dem Angriff auf die Klinik ohne medizinische Versorgung sind, gar auf 200 000.

«Weg aus der Hölle finden»

Vor der heutigen Gesprächsrunde der direkt und mittelbar in den Syrien-Krieg involvierten Staaten hat US-Aussenminister John Kerry erklärt: «Die Herausforderung, vor der wir in Syrien stehen, ist, einen Weg aus der Hölle zu finden.» Gemeint hat Kerry den Kampf gegen die IS-Jihadisten und das Ringen um eine politische Lösung.

Doch in Syrien, Afghanistan und Jemen müsste es dringlich auch darum gehen, das Elend der Menschen zu mildern, die durch Verletzung des internationalen humanitären und Kriegsrechts existenziell bedroht sind.

Denn der Respekt vor internationalem Recht ist es, der die internationalen Konfliktparteien, örtlichen Regierungsarmeen und sogenannt moderaten Rebellen von den jihadistischen Terroristen unterscheiden sollte. Der Kampf gegen Terroristen kann nicht mit terroristischen Mitteln gewonnen werden.