Ägyptens Beduinen begehren auf

Die ägyptische Sinai-Region ist ein Pulverfass. Das verdeutlichen die jüngsten Anschläge auf die Gaspipeline nach Israel. Will die Regierung in Kairo die Halbinsel unter Kontrolle bekommen, muss sie einen Dialog mit den Beduinen starten.

Markus Symank
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Kairo. Es ist die vielleicht wichtigste Verbindung zwischen Ägypten und Israel. Sicher aber ist es die verletzlichste: Die Pipeline, die Gas von der ägyptischen Sinai-Halbinsel ins Nachbarland sowie nach Jordanien liefert, ist zu Beginn dieser Woche zum dritten Mal in vier Monaten Ziel eines Anschlags geworden. Der jüngste Sabotageakt forderte wie auch die drei vorausgegangenen keine Opfer, kam das Land am Nil aber teuer zu stehen. Immerhin rinnen der ohnehin geschwächten ägyptischen Wirtschaft mit jedem Tag an dem die Piupeline ausfällt, etwa drei bis vier Millionen US-Dollar durch die Finger. Gestern wurde überraschend schnell die erfolgreiche Reparatur der Leitung gemeldet.

Protest gegen Israel als Motiv…

Schwerer als der finanzielle Aderlass wiegt aber der Gesichtsverlust, den die ägyptischen Sicherheitskräfte hinnehmen müssen. Erneut entwischten die Täter, erneut tappt die Regierung über die Herkunft der Hintermänner im dunkeln. Israel vermutet eine nicht näher benannte Jihad-Gruppe hinter dem Sabotageakt, während auf ägyptischer Seite von regierungskritischen Beduinen als Tätern ausgegangen wird. Letztere machten die Sicherheitskräfte bereits für die zwei vorausgegangenen Attacken verantwortlich. Islamistische Täter könnten die Gaslieferungen wegen der israelischen Besatzungspolitik in den Palästinensergebieten ablehnen und dabei den Grossteil der Bevölkerung hinter sich wissen.

…aber auch die Korruption

Dennoch gehen Beobachter davon aus, dass antiisraelische Motive nicht die alleinige Ursache für die Attacken sind. Denn sosehr die Pipeline ein Symbol für den seit 1979 geltenden israelisch-ägyptischen Friedensvertrag ist, so sehr ist sie auch zum Sinnbild für die grenzenlose Korruption des ägyptischen Regimes und der sträflichen Vernachlässigung der Sinai-Halbinsel unter Hosni Mubarak geworden. Während sich Freunde des gestürzten Präsidenten mit den Bodenschätzen der Region ein Vermögen verdienten, gingen die ansässigen Stämme leer aus.

Gnadenlos bereichert

Im Mittelpunkt der Korruptionsvorwürfe im Zusammenhang mit den Gaslieferungen steht der Geschäftsmann Hussein Salim, der als enger Vertrauter von Mubaraks Sohn Gamal gilt. Vergangenen Monat wurde er in Spanien wegen Verdachts auf Geldwäsche festgenommen, gegen eine hohe Kaution aber wieder auf freien Fuss gesetzt.

Salim ist Inhaber der East Mediterranean Gas Company (EMG), einer nominell von der Regierung unabhängigen Firma, über die das Mubarak-Regime das Gasgeschäft mit Israel abwickelte. Vermutet wird, dass die Regierung Salim das Gas zu exorbitant niedrigen Preisen verkaufte und es EMG somit ermöglichte, hohe Gewinne durch den Weiterverkauf an Israel zu erzielen. Wie viel Israel für das Gas bezahlt, ist unbekannt, Experten gehen aber von einem Preis aus, der markant unter dem Marktniveau liegt. Der neue ägyptische Aussenminister Mohammed al-Orabi hatte vor dem Anschlag angekündigt, man werde über die Gasexporte nach Israel beraten und versuchen, künftig einen besseren Preis zu erzielen.

Für die Beduinen auf dem Sinai dürfte hingegen wichtiger sein, dass sie künftig am Gasgeschäft Kairos mit Israel und Jordanien angemessen beteiligt werden.

Bürger zweiter Klasse

Das Mubarak-Regime hatte in den Stämmen stets nur ein Sicherheitsrisiko gesehen und sie von der wirtschaftlichen Entwicklung der Region ausgeschlossen. Nicht nur der Gassektor, auch der Tourismus auf der Halbinsel blieb den Beduinen grösstenteils verschlossen. Willkürliche Festnahmen gehörten ebenso zu ihrem Alltag wie Folter. 75 000 Beduinen werden bis heute nicht als ägyptische Bürger anerkannt, obwohl ihre Familien seit Generationen auf der Sinai-Halbinsel leben. «Nun entlädt sich der Zorn in Sabotageakten, die als Abrechnung mit der alten und als Warnung an die Übergangsregierung verstanden werden sollten», glaubt Nahostexpertin Mary Stonaker. «Die Beduinen wollen am neuen Ägypten beteiligt werden. Kommt die Regierung diesem Anliegen nicht nach, riskiert sie, dass der Sinai die angestrebte Demokratie im ganzen Land gefährdet», sagt Stonaker.

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