ÄGYPTEN: Viele Tote nach Anschlag auf Moschee

Ein schwerer Terroranschlag erschüttert den Sinai. Im Vergleich zu früheren Attentaten auf der Halbinsel weist die gestrige Tat eine neue Qualität auf.

Martin Gehlen, Tunis
Merken
Drucken
Teilen

Horror und Entsetzen erschüttern Ägypten. Bei dem blutigsten Terrormassaker an Zivilisten in der modernen Geschichte des Landes wurden gestern in der Al-Rawdha-Moschee im nördlichen Sinai-Städtchen Bir al-Abed mindestens 235 Beter getötet und über 140 verletzt. Das meldete die staatliche Nachrichtenagentur Mena unter Berufung auf das Gesundheitsministerium.

Bilder aus dem Inneren des Gotteshauses, das sich etwa 40 Kilometer westlich der Provinzhauptstadt El-Arish befindet, zeigten Dutzende Leichen auf dem Boden, die mit Tüchern abgedeckt waren. Nach Angaben von Überlebenden stürmte ein Terrorkommando, das mit vier Geländewagen vorgefahren war, während des Freitagsgebetes das Innere, zündete mehrere Bomben und nahm die in Panik schutzsuchenden Gläubigen mit Sturmgewehren unter Feuer.

Die Regierung in Kairo rief eine dreitägige Staatstrauer aus. Präsident Abdel Fattah al-Sisi bestellte den Nationalen Sicherheitsrat ein. Bis gestern Abend bekannte sich jedoch niemand zu dem Anschlag. Der Generalsekretär der Arabischen Liga, der frühere ägyptische Aussenminister Ahmed Abul Gheit, verurteilte dieses «schreckliche Verbrechen, das erneut zeigt, dass der Islam keine Schuld für diejenigen trägt, die sich einer extremistischen Ideologie anschliessen».

Brutaler Krieg gegen IS-Ableger auf dem Sinai

Ägypten führt seit vier Jahren auf dem Nordsinai einen immer brutaleren Krieg gegen den örtlichen Ableger des «Islamischen Staates», dem schon Hunderte Soldaten und Polizisten zum Opfer gefallen sind. Medien und internationalen Beobachtern ist die Fahrt dorthin verboten, sodass das Ausmass der Kämpfe im Dunkeln bleibt.

Präsident Sisi beschwört regelmässig nach Attentaten, «den Terrorismus auf dem Sinai komplett auszurotten». Erst kürzlich erklärte er bei einer Rede vor Offizieren, auf der Halbinsel seien mittlerweile zwischen 20 000 und 25 000 Soldaten im Einsatz, mehr als bei dem Sechs-Tage-Krieg 1967 gegen Israel.

Bisher griffen Extremisten in der Regel Einheiten von Armee oder Polizei an sowie Personen, die sie verdächtigten, mit den Sicherheitskräften zu kooperieren. Anfang Oktober stürmten über 100 Dschihadisten einen Aussenposten nahe der Stadt Sheikh Zuwaid, 30 Personen starben. Vorletzte Woche wurden neun Lastwagenfahrer auf offener Strasse exekutiert, die Kohle für eine Zementfabrik in El-Arish geladen hatten, die der Armee gehört. Im Februar verübten IS-Gotteskrieger eine spektakuläre Mordserie an Kopten. Sämtliche der rund 500 Gläubigen flohen. Sie leben seitdem in Notunterkünften in Ismailia am Suezkanala oder bei Verwandten. Terroranschläge auf Gotteshäuser in Ägypten richteten sich bisher selten gegen Moscheen, sondern meist gegen Kirchen der christlich-koptischen Minderheit. Die gestern attackierte Al-Rawdha-Moschee auf dem Nordsinai ist nach Angaben örtlicher Stammesführer ein Zentrum der Sufis, zu deren Glaubenspraxis auch ekstatische Tänze sowie die Verehrung frommer Vorbilder gehören.

IS-Anhänger betrachten Sufis als Häretiker

Anhänger des «Islamischen Staates» dagegen, die einen puritanisch-salafistischen Islam befolgen, betrachten diese der Mystik zuneigenden Mitmuslime als Häretiker. Vor einem Jahr enthaupteten die Fanatiker auf dem Nordsinai vor laufender Kamera einen älteren Sufi-Kleriker, den sie beschuldigten, er praktiziere Magie und Hexenkult. Andere Sufi-Anhänger kamen unversehrt frei, nachdem sie – umringt von bewaffneten Dschihadisten – ihrem angeblichen Unglauben abgeschworen hatten.

Martin Gehlen, Tunis