Adolf Hitler als Laufbursche des Mufti

Der Grossmufti von Jerusalem habe Hitler zum Genozid an den Juden geführt. Die böse Theorie des Benjamin Netanyahu. Von Walter Brehm

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Wer Geschichte verdrängt, läuft Gefahr, sie wiederholen zu müssen. Dies gilt auch und gerade 70 Jahre nach dem Ende des Holocausts an den europäischen Juden. Dennoch sind die Versuche, Geschichte umzuschreiben, Legion – und sie dienen immer dazu, mit Lügen aktuelle Politik zu machen.

«Verbrennen Sie sie»

In einer Rede vor dem Zionistischen Kongress hat Israels Premier Benjamin Netanyahu am Mittwoch verkündet, der palästinensische Mufti habe Hitler zum Völkermord angestiftet. Als wäre er am 27. November 1941 dabei gewesen, als Adolf Hitler den moslemischen Geistlichen Amin al-Husseini in der Reichskanzlei zu Berlin empfing, erzählte Netanyahu: «Nachdem der Führer dem Mufti erklärt hat, er werde die Juden aus Europa vertreiben, hat Husseini gesagt: <Wenn Sie sie nur deportieren, kommen alle zu uns.>» Hitler fragte Husseini dann: «Was soll ich also mit ihnen machen?» Der Mufti: «Verbrennen Sie sie.»

Doch Netanyahu war nicht dabei. Alle relevanten Belege widersprechen seiner Theorie. Der Holocaust hatte damals längst begonnen. Meir Litvak, Historiker an der Universität Tel Aviv, führt Beispiele an: «Im Juni 1941 erschossen SS-Einheiten massenhaft Juden in Litauen. Im September 1941 töteten Deutsche innert zwei Tagen 34 000 Juden in Babi Jar in der Ukraine.»

«Holocaust-Leugner Netanyahu»

«Benjamin Netanyahu hat sich in die lange Reihe von Holocaust-Leugnern eingereiht», sagt Moshe Zimmermann. Wie kommt ein israelischer Historiker zu dieser scheinbar ungeheuerlichen Wertung? «Netanyahu bezieht sich auf den mehrfach verurteilten britischen Antisemiten David Irving.» Dieser hatte lange vor Netanyahu behauptet: «Hitler wollte die Juden lediglich vertreiben.» Das führte 2000 zu einem der vielen Urteile gegen Irving. Der Brite darf seither öffentlich als «Lügner», «Geschichtsfälscher» und «Antisemit» bezeichnet werden.

Zündeln aus Ratlosigkeit

Warum aber tut Israels Premier, was er tut? Den Palästinensern die Schuld am Holocaust zuzuschieben ist historisch unhaltbar. Netanyahu weiss es ebenso, wie ihm bekannt sein dürfte, dass der Messerterror junger Palästinenser deren Führer ebenso ungeheuer ist wie israelischen Bürgern – und dies aus demselben Grund. Niemand kontrolliert oder befehligt diesen Terror. Das macht ihn ja so gefährlich. Dennoch macht Netanyahu fast täglich Palästinenserpräsident Abbas für die Gewalt verantwortlich.

Netanyahu zündelt aus Ratlosigkeit gegenüber dem Terror der von Frustration und Enttäuschung gegenüber Israel und den eigenen Führern gleichermassen aufgeputschten jungen Palästinenser. Er greift in die Mottenkiste historischer Unwahrheit, weil er sich und seinem Volk nicht eingestehen kann, dass der «neue» Terror mit Israels Besatzungs- und Siedlungspolitik und dem daraus folgenden Autoritätsverlust palästinensischer Führer zu tun hat.

«Geschichtsbild nicht ändern»

Netanyahu lässt selbst diese Erklärung der deutschen Kanzlerin Angela Merkel kalt: «Ich kenne «den Rassenwahn der Nazis, der in den Zivilisationsbruch der Shoa geführt hat. Es gibt keinen Grund, unser Geschichtsbild zu ändern.» Hitler als Laufburschen eines Palästinensers zu entlarven – eine Linie von Husseini über Arafat bis Abbas zu ziehen – muss nicht in der Welt wirken. Dies soll möglichst viele Israeli weiter hinter seine Siedlungspolitik und seine Ablehnung eines Palästinenserstaates scharen.

walter.brehm@tagblatt.ch