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Die Abwärtsspirale der türkischen Wirtschaft dreht sich weiter

Der Wirtschaft geht es schlecht, die Währung Lira verlor am Montag bis zu 13 Prozent ihres Wertes. Die Regierung von Staatschef Erdogan geht nun gegen Kritik an der türkischen Wirtschaft vor – und geht auf Konfrontationskurs zu den USA.
Gerd Höhler, Athen
Ein türkischer Teppichmarkt. (Bild: Erdem Sahin/EPA (Antalya, 10. August 2018))

Ein türkischer Teppichmarkt. (Bild: Erdem Sahin/EPA (Antalya, 10. August 2018))

Kritik an der Wirtschaftspolitik von Präsident Erdogan? Zweifel an den Fähigkeiten seines Finanzministers und Schwiegersohns Berat Albayrak? Sorge angesichts des Verfalls der türkischen Lira, die am Montag an den Devisenmärkten weiter abstürzte, nachdem sie am Freitag bereits fast ein Fünftel ihres Aussenwerts verloren hatte? Wer solche Gedanken hegt, sollte sie in der Türkei lieber für sich behalten. Denn das Innenministerium in Ankara geht jetzt gegen Kritik an der türkischen Wirtschaft in den sozialen Netzwerken vor. 346 Nutzer habe man wegen «provozierender Kommentare» bereits dingfest gemacht, teilte das Innenministerium am Montag mit. Die Jagd im Internet zeigt die Ohnmacht, mit der die Regierung den Währungsturbulenzen begegnet.

Auch Erdogan hat der Krise ausser starken Worten bisher wenig entgegenzusetzen. Die USA hätten der Türkei «einen Dolch in den Rücken gestochen», sagte Erdogan am Montag. US-Präsident Donald Trump führe sich als «Kraftmeier des globalen Systems» auf, sagte Erdogan. Der Staatschef liess sogar durchblicken, die Türkei sei bereit zu einem Krieg mit den USA: «Wir sind bereit, mit allem, was wir haben.»

Durchhalteparolen aus der Regierungszentrale

Während die Lira am Montag bis zu 13 Prozent einbüsste, verbreitete Erdogans Sprecher Ibrahim Kalin Durchhalteparolen: Die Strukturen der türkischen Wirtschaft seien stark, niemand solle gegenteiligen Spekulationen Glauben schenken. «Die Türkei wird gestärkt aus diesem Prozess hervorgehen», versicherte Kalin.

Finanzminister Albayrak, der bereits am Freitag mit vagen Ankündigungen zu seiner künftigen Finanz- und Wirtschaftspolitik eher Verwirrung stiftete, als Klarheit zu schaffen, meldete sich ebenfalls zu Wort, diesmal immerhin konkreter: «Einlagen werden nicht beschlagnahmt, Devisen werden nicht konvertiert» versicherte Albayrak auf Twitter. Alles andere seien «Lügen».

Aus Sorge um ihre Devisenguthaben waren am Freitag viele Türken zu den Banken geströmt. Sie kamen aber nicht, um Dollar und Euro in Lira einzutauschen, wie es Erdogan von seinen Landsleuten seit Wochen immer wieder fordert. Bei aller Begeisterung für den «Reis», den «Führer», wie viele Türken ihren Staatschef nennen – nur wenige folgen dem Appell, harte Währung in schwindsüchtige Lira zu tauschen. Der türkische Hockey-Verband gab zwar bekannt, man habe 25000 Euro auf dem Vereinskonto in Lira getauscht. Und der gemeinnützige Verein AHID sammelte am Wochenende unter seinen Mitgliedern 65 Goldketten, 195 Goldmünzen, 2500 Dollar und 3000 Euro zum Umtausch in Lira. Aber die meisten Bankkunden wollten Dollar und Euro abheben, um die Devisen als Bargeld daheim zu horten – aus Angst vor einer drohenden Bankenkrise. Einige Filialen mussten am Freitag bereits passen, weil ihnen die Devisen ausgingen. Ein Bankrun wäre das Letzte, was die Türkei jetzt braucht.

Inflation dürfte weiter anziehen

Finanzminister Albayrak versicherte, man werde «alle notwendigen Schritte unternehmen», und kündigte einen «Aktionsplan» an – worin der bestehen soll, liess er aber offen. Immerhin meldete sich am Montag die Zentralbank zu Wort, die zuletzt auf Tauchstation geblieben war. In einer Erklärung heisst es, man werde «die Marktentwicklungen genau beobachten und alle notwendigen Massnahmen treffen, die Finanzstabilität zu sichern». Die Liquiditätsversorgung der Geschäftsbanken sei gesichert. Die Anforderungen für Lira-Reserven wurden gelockert. Dadurch würden dem Markt rund zehn Milliarden Lira, sechs Milliarden Dollar sowie Goldguthaben von drei Milliarden Dollar zugeführt, teilte die Bank mit.

Während Erdogan mit seinen Verbalattacken gegen die USA weiter Öl ins Feuer giesst, schlug Aussenminister Mevlüt Cavusoglu am Montag mildere Töne an. Die Türkei sei «offen für Diplomatie und Konsens», sagte er. Man lasse sich aber nichts aufzwingen. «Wir erwarten, dass die USA unsere Freundschaft und die Partnerschaft im Nato-Bündnis achten», so Cavusoglu. Im Gegensatz dazu hatte Erdogan am Wochenende den USA mit einem Bruch gedroht und angekündigt, die Türkei werde sich «neue Freunde und neue Allianzen» suchen. Solche Töne kommen in der Bevölkerung gut an.

Das von Erdogan gepflegte Feindbild Amerika lässt die Türken zusammenrücken. Allerdings: Die Menschen spüren den Währungsverfall jeden Tag. Die Inflation, die im Juli fast 16 Prozent erreichte, dürfte weiter anziehen. Das betrifft nicht nur Importwaren. Auch die meisten Grundnahrungsmittel haben sich drastisch verteuert. Die Energiekosten steigen ebenfalls, auch wenn das Finanzministerium versucht, mit Nachlässen bei der Mineralölsteuer den Anstieg der Treibstoffpreise zu bremsen.

Die Lira-Schwäche verbilligt zwar auch türkische Ausfuhren, aber viele Unternehmen, die für den Export produzieren, sind gleichzeitig auf importierte Rohstoffe und Halbfabrikate angewiesen, die sich verteuern. Ganz schlecht sind jene Firmen dran, die Kredite in Dollar oder Euro aufgenommen haben, aber Lira erwirtschaften. Sie müssen nun einen grossen Teil ihrer Erlöse in den Schuldendienst stecken. Das Geld fehlt bei den Investitionen. Kommt es zu Kreditausfällen, könnte aus der Währungskrise schnell eine Bankenkrise werden.

Solidarische Dollarverbrennung

Erdogans Anhänger scheinen aber das Vertrauen in die Politik des Staatschefs noch nicht verloren zu haben. Die von der AKP regierte Kommune Usak in der Westtürkei verzichtet ab sofort auf die Nutzung sozialer Netzwerke, damit kein Geld mehr an US-Firmen wie Facebook oder Google fliesst. In der Stadt Düzce bietet ein Barbier jedem eine kostenlose Rasur an, der mit einem Bankbeleg nachweisen kann, dass er Dollar in Lira getauscht hat. Noch einen Schritt weiter ging ein Geschäftsmann in der Kurdenmetropole Diyarbakir: Hasan Izol fächerte vor laufenden Kameras ein Bündel von 100 Ein-Dollar-Noten auf und steckte die Banknoten mit einem Feuerzeug in Brand. «Wir müssen unseren Patriotismus der ganzen Welt zeigen, vor allem den USA», sagte Izol.

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