«Absturz ist praktisch unvermeidlich»

Ökonomen sagen China eine Rezession voraus – mit politischen Folgen. Mao Yushi spricht von einem möglichen Chaos. Die allein herrschende Kommunistische Partei schöpfe ihre Legitimation zu einem grossen Teil aus ihrem wirtschaftlichen Erfolg.

Finn Mayer-Kuckuk
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PEKING. Chinas Konjunkturmaschine läuft nicht mehr rund. Immer mehr Ökonomen und Investoren warnen nun gar vor einem Absturz. «Die harte Landung wirkt angesichts der Fakten praktisch unvermeidlich», sagt der prominente Wirtschaftswissenschafter Mao Yushi vom «Unirule Institute of Economics» in Peking dieser Zeitung. Eine Blase am Immobilienmarkt und die Belastung der Banken durch uneinbringliche Kredite drohten die Konjunktur abzuwürgen.

Unter «harter Landung» verstehen Ökonomen ein Absacken des Wachstums nach einem Boom, weil die Finanzierungsquellen versiegen. Typischerweise ist eine Hochkonjunktur von üppiger Darlehensvergabe angetrieben. Sobald die Fähigkeit des Finanzsektors erschöpft ist, die Kredite auszuweiten, dreht sich die Laufrichtung des Rades um. Es dauert dann oft eine Weile, bis die Nachfrage wieder zu den Kapazitäten aufschliesst. Diese Zeit ist dann von sehr niedrigem Wachstum gekennzeichnet – oder von einer Rezession.

Erfolg legitimiert die Partei

Die Wirtschaftswelt schaut auf China, da die zweitgrösste Volkswirtschaft für viele Sektoren zu einem der wichtigste Absatzmärkte geworden ist. Seit Inkrafttreten eines Freihandelsvertrags hat sich auch die Schweizer Wirtschaft stärker mit China verschränkt. Dazu kommt eine politische Dimension: Die allein regierende Kommunistische Partei schöpft ihre Legitimation zu einem guten Teil aus ihrem wirtschaftlichen Erfolg. Eine Rezession könne schlimmstenfalls zu «Chaos, vielleicht auch einem Coup oder gar einer Teilung des Landes» führen, wie Mao warnt.

China hat die Welt in den letzten Jahrzehnten mit einem Boom ohne Umkehr erstaunt. Seit 1982 lag das Wachstum fast immer über sieben Prozent, oft war es zweistellig. Es fanden sich immer neue Kraftquellen für die Konjunktur, etwa in der Entwicklung der Infrastruktur, der Öffnung für den Export und der Verstädterung von Bauern. Eine Ausnahme war das Jahr 1989, als der erste Wachstumsschub mit einer Wachstumsdelle von nur 4,1 Prozent geendet hat. Damals kam es zugleich zu erheblicher Unruhe in der Gesellschaft.

In den letzten fünf Jahren hat Chinas Volkswirtschaft dagegen noch einmal einen bemerkenswerten Spurt hingelegt – angetrieben von immer höheren Krediten. Inzwischen können Sektoren wie Stahl, Kohle, Transport, Bau, Zement, Schiffsbau und viele Exportbranchen bis zu zweimal mehr produzieren, als nachgefragt wird – und sind zugleich hoch verschuldet. 2015 hat daher auch eine Rekordkreditvergabe in Höhe von umgerechnet 1800 Milliarden Franken kaum noch stimulierend gewirkt.

Mao Yushi, mit 87 ein Veteran der Wirtschaftswissenschaften, hat alle Entwicklungen seit Gründung der Volksrepublik miterlebt. Dazu gehörte auch eine fast 20jährige Verbannung zu körperlicher Arbeit aufs Land, weil er in den 50er-Jahren die sozialistische Preisfestsetzung kritisiert hat. Seit seiner Rehabilitierung tritt er dafür ein, die Zuteilung von Ressourcen dem Markt zu überlassen.

«Führung kann nicht loslassen»

Hauptgrund für das aktuelle Dilemma ist laut Mao die Kontrolle des Staats über die Wirtschaft. «Die Führung kann nicht loslassen.» Die Partei halte den Zugriff auf die Wirtschaft für einen entscheidenden Machtfaktor. Staatsbetriebe dominieren weiter das Geschehen; ihre Führung besteht aus zuverlässigen Parteimitgliedern. Die Kredite und damit das kostbare Kapital des Landes landet damit in den falschen Kanälen. «Die Reformen und Privatisierungen sind unvollständig geblieben.»

Andere Beobachter stimmen Maos Analyse zu. US-Starinvestor George Soros hält die «harte Landung» ebenfalls für unvermeidlich. «Ich erwarte sie nicht, ich sehe ihr bereits zu.» Andere sehen die Rückführung des Wachstums dagegen bereits auf einem guten Weg. «Das Wachstum wird 2016 noch langsamer als im Vorjahr», sagt der Ökonom Yu Yongding von der «Chinese Academy of Social Sciences» dieser Zeitung. «Das Problem der Überkapazitäten ist nicht gelöst.» Einen plötzlichen Absturz hält er aber für unwahrscheinlich. «Es ist noch reichlich Raum für eine aggressivere Geldpolitik und Ausgabenprogramme.» Für 2017 sagt er ein Wachstum von knapp über sechs Prozent voraus – doch gerade im schrittweisen Rückgang sieht Yu ein Zeichen für eine «weiche Landung», mit der die Wirtschaft sich an die Verhältnisse anpassen kann.

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