Abrechnung unter Genossen

Die britische Labour-Party stimmt erneut darüber ab, wer sie anführen soll: Der amtierende Chef Jeremy Corbyn hat prominente Gegner. Londons Bürgermeister Sadiq Khan will ihn loswerden.

Sebastian Borger
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LONDON. Zu Wochenbeginn hat die britische Labour-Party damit begonnen, die Stimmzettel für ihre zweite Spitzenkandidatur-Wahl binnen zwölf Monaten zu versenden. Rechtzeitig zum Termin rechnete der Londoner Bürgermeister Sadiq Khan mit dem amtierenden Vorsitzenden Jeremy Corbyn ab: Mit diesem sei ein Sieg in der nächsten Unterhauswahl «extrem unwahrscheinlich». Insbesondere im EU-Referendumskampf habe der Veteran versäumt, «die Führungsqualität zu zeigen, die wir dringend gebraucht hätten». Khan rief deshalb die Parteifreunde zur Wahl von Corbyns Herausforderer Owen Smith auf.

Labour-Chef mobilisiert

Die Zahlen sind bemerkenswert. 647 000 Briten erhalten dieser Tage ihre Stimmberechtigung. Zu den 350 000 registrierten Parteimitgliedern gesellen sich 168 000 Angehörige Labour-naher Gewerkschaften sowie 129 000 «Unterstützer». Diese hatten im Juli 48 Stunden Zeit zur Registrierung, mussten 25 Pfund bezahlen und erwarben damit das Stimmrecht. Labour darf sich damit – weit vor deutschen Sozialdemokraten und französischen Sozialisten – die grösste politische Bewegung Westeuropas nennen.

Die meisten neuen Mitglieder und Unterstützer dürften sich wegen Jeremy Corbyn bei Labour eingefunden haben – entweder als glühende Befürworter des radikalen Linkskurses oder als dessen Verächter. Genaue Umfragen gibt es nicht, doch deutet viel darauf hin, dass der 67-Jährige wie vor Jahresfrist auch am 24. September die Nase vorn haben dürfte, wenn das Ergebnis auf dem Parteitag in Liverpool bekanntgegeben wird.

Herausforderer Owen Smith, ein weitgehend unbekannter Abgeordneter aus Wales, hat jedenfalls prominente Unterstützung bitter nötig. Dass sich die schottische Vorsitzende Kezia Dugdale zu ihm bekennt, ist zwar tröstlich, aber kaum hilfreich: Im britischen Norden liegen die einst stolzen Sozialdemokraten darnieder, bei der Landtagswahl im Mai reichte es hinter Nationalisten und Konservativen nur noch zu Platz drei.

Dagegen hat das Wort aus dem Londoner Rathaus Gewicht. Acht Jahre lang hatte dort der jetzige konservative Aussenminister Boris Johnson regiert, ehe der gläubige Moslem Khan im Mai die einstige Hochburg zurückeroberte. Er hatte im Wahlkampf Abstand gehalten vom langjährigen Unterhaus-Kollegen Corbyn, nicht einmal zur Siegesfeier wurde der Labour-Chef eingeladen. Dabei vertreten Corbyn und seine wichtigsten Mitstreiter alle Londoner Wahlkreise im Parlament, auch der Hauptteil der «Corbynmania» genannten Begeisterung manifestiert sich in der Hauptstadt.

Leider sei die Partei aber unter Corbyn nicht wählbar, führte Khan in einem Artikel für den Labour-nahen «Observer» und in TV-Interviews aus. Der Spitzenkandidat habe schon bewiesen, «dass er kein effektives Team zusammenstellen kann». Tatsächlich sind vor der Sommerpause fast alle erfahrenen Parlamentarier aus dem sogenannten Schattenkabinett ausgetreten. Begründung: Corbyn tauge weder zum Oppositionsführer noch gar zum Premier.

Corbyn wenig beeindruckt

Doch Corbyn gibt sich unbeirrt. Letzte Woche stellte der radikale Pazifist die britische Nato-Mitgliedschaft in Frage. Gestern nannte er «die Demokratisierung unseres Landes» als sein Ziel. Dazu gehören mehr Rechte für Gewerkschafter, Volksabstimmungen auf lokaler Ebene, ein Bürgerrecht zur Opposition gegen Sparmassnahmen sowie die Umwandlung des Oberhauses in eine gewählte Parlamentskammer.

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