Abgrundtiefes Misstrauen

Ein Toter und ein schwerverletzter Demonstrant. Die Bankenstadt Charlotte in North Carolina ist seit Tagen Schauplatz gewaltsamer Unruhen. Der Gouverneur ruft den Notstand aus.

Thomas Spang/Washington
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Polizisten feuern Tränengaspetarden gegen schwarze Demonstranten ab. (Bild: Gerry Broome/AP)

Polizisten feuern Tränengaspetarden gegen schwarze Demonstranten ab. (Bild: Gerry Broome/AP)

Bürgermeisterin Jennifer Roberts erkennt ihre Stadt nicht wieder. Das pulsierende Zentrum der Südstaatenmetropole Charlotte gleicht einer Bürgerkriegszone. Demonstranten blockieren die Autobahnen 85 und 277, die um Charlotte herumführen. Andere schlagen Scheiben ein und plündern Geschäfte im Herzen der Stadt, das hier nicht «Downtown», sondern ganz vornehm «Uptown» heisst.

Statt emsiger Banker, die in Wolkenkratzer eilen, stehen sich Polizei in Schutzkleidung und aufgebrachte Demonstranten gegenüber. Zwei Nächte hintereinander eskalierte zunächst friedlicher Protest wegen des gewaltsamen Todes des 43jährigen Schwarzen Keith Lamont Scott zu Randale und Vandalismus. Er wurde von einem Polizisten erschossen, der angibt, Scott sei bewaffnet gewesen.

Tränengas, Gummischrot und ein Schuss

Vor dem Omni-Hotel kam es in der Nacht auf gestern dann zu einer weiteren, blutigen Konfrontation zwischen der Polizei und Demonstranten, die «Black lives matter» (Schwarze Leben zählen) und «Hands up, don't shoot» (Hände hoch, nicht schiessen) skandierten. Einige Beamten fühlten sich bedroht und zogen sich in das Hotel zurück. Dabei feuerten sie Tränengas und Gummigeschosse in die Menge mehrerer hundert Menschen.

Dann fiel ein einzelner Schuss. Linda Flynn vom Charlotte Spirituality Center erzählt, sie habe gesehen, wie ein grosser Mann mit Rastalocken unweit von ihr zusammensackte. Aus seinem Kopf strömte Blut. Chaos brach aus. Rettungssanitäter in Schutzkleidung eilten herbei und brachten den angeschossenen Mann ins Spital. Erst hiess es, der Demonstrant sei tot. Die Polizei teilte mit, er sei von einem anderen Zivilisten erschossen worden. Während die Sicherheitskräfte an dieser Version festhielten, korrigierte die Stadt später die Aussage über den Zustand des Mannes. Er sei nicht tot, sondern lebensgefährlich verletzt.

Doch die Demonstranten glaubten den Offiziellen nicht mehr. Eine aufgebrachte Demonstrantin tauchte ihre Hände in die Blutlache auf der Strasse und beschmierte damit das Velo eines Polizisten. «Ihr seid Mörder», brüllte sie die Beamten an.

Nationalgarde soll Ordnung wiederherstellen

Pat McCrory, der republikanische Gouverneur von North Carolina, rief in Charlotte noch in der Nacht den Notstand aus und setzte die Nationalgarde in Marsch, die der örtlichen Polizei helfen sollte, die öffentliche Ordnung wiederherzustellen. Bürgermeisterin Roberts sagte nach der zweiten Nacht mit Ausschreitungen, sie erwäge nun, eine Ausgangssperre zu verhängen. Sie habe mit Präsident Barack Obama über die Situation gesprochen. Auch er habe Hilfe zugesagt. Das US-Justizministerium schickte Vertreter, um die gewaltsamen Vorgänge in Charlotte zu untersuchen.

Eine Waffe oder ein Buch in der Hand?

Die Unruhen hatten mit Protesten über den ungeklärten Tod Scotts am Dienstag ihren Anfang genommen. Der angeblich behinderte Mann habe im Auto darauf gewartet, seinen Sohn von der Schule abzuholen. Dabei geriet er zufällig in eine Polizeiaktion gegen eine dritte Person in einer naheliegenden Wohnsiedlung. Als Scott aus dem Auto gestiegen sei, hat er nach Darstellung der Polizei eine Waffe in der Hand gehalten. Der Beamte habe ihn mehrfach aufgefordert, diese fallenzulassen. Weil der Mann nicht reagierte, habe der schwarze Polizist dann die tödlichen Schüsse abgefeuert.

Scotts Familie behauptet, der Getötete habe keine Waffe, sondern ein Buch mit sich geführt. Die Polizei versuche, das zu vertuschen. Der afroamerikanische Chef der Polizei von Mecklenburg County, Kerr Putney, nennt das absurd. «Die Fakten der Geschichte sind ein wenig anders, als sie hier dargestellt werden», sagt Putney und erklärte, am Tatort sei eine Waffe, aber kein Buch sichergestellt worden.

Aufklärung könnte nun die Körperkamera eines zweiten Polizisten geben, die den Vorfall an der Wohnanlage an der Old Concord Road festgehalten hat. Die Familie des Getöteten sollte gestern die Möglichkeit bekommen, sich die Aufnahmen anzuschauen. Mit Keith Lamont Scott ist die Zahl der in diesem Jahr von der Polizei getöteten Personen in den USA nun auf 706 angestiegen. Gemessen an ihrem Bevölkerungsanteil sind Afroamerikaner laut der von der «Washington Post» geführten Todesstatistik mit 163 Toten klar überrepräsentiert.

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