Abfackeln als Silvesterbrauch

In der Nacht auf Neujahr sind in Frankreich über tausend Autos ausgebrannt. Die Öffentlichkeit verschliesst allerdings die Augen vor diesem Banlieue-Phänomen.

Stefan Brändle
Merken
Drucken
Teilen
Die Strassburger Feuerwehr löscht in der Silvesternacht ein angezündetes Auto. (Bild: maxppp/Marc Rollmann)

Die Strassburger Feuerwehr löscht in der Silvesternacht ein angezündetes Auto. (Bild: maxppp/Marc Rollmann)

PARIS. Spanier essen an Neujahr Trauben, Brasilianer kleiden sich gerne in Weiss – und Franzosen fackeln zu Silvester gerne Autos ab, liesse sich heute anfügen. 1193 Fahrzeuge, darunter ein paar Motorräder, sind in Frankreich in der Nacht auf den 1. Januar in Flammen aufgegangen. Wie Innenminister Manuel Valls erklärte, brannten die meisten Autos, nämlich je rund 200, in den Vorstädten von Paris und Strassburg.

In der Elsässer Metropole hatte dieser neuartige Banlieue-Brauch Ende des 20. Jahrhunderts seinen Ursprung. Und dort kam es in der Neujahrsnacht auch zu Krawallen zwischen Jugendlichen und der Polizei. 339 Brandstifter und Randalierer wurden festgenommen, sieben Ordnungshüter verletzt.

Kolonne von fünf Kilometern

Vergleichszahlen mit dem Vorjahr gibt es nicht: Schon 2010 hatte die Rechtsregierung von Präsident Nicolas Sarkozy die Bilanzierung des etwas anderen Silvesterbrauchs eingestellt. Zur Begründung meinte sie damals, sie wolle dem Neujahrsspektakel nicht noch Vorschub leisten; einzelne Jugendliche könnten sich durch die hohe Zahl brennender Autos noch angestachelt fühlen. Offiziell brannten deshalb in Frankreich keine Autos mehr an Silvester.

Der Sozialist Valls veröffentlichte die Polizeistatistik des Jahreswechsels erstmals wieder, um Transparenz herzustellen. Die Zahl der eingeäscherten Privatfahrzeuge bleibt demnach stabil: Bei der vorletzten Erhebung 2009 waren es 1147 gewesen, fast gleich viel wie beim jüngsten Silvester. Zur Veranschaulichung: Aneinander gereiht würden die Autowracks eine Kolonne von fünf Kilometer Länge ergeben.

Kaum Erwähnung in Medien

Valls sprach deshalb lakonisch von der «Notwendigkeit, noch mehr Polizei zu mobilisieren». Insgesamt waren in Frankreich an Neujahr 53 000 Sicherheitskräfte im Einsatz. Mehrere tausend sicherten allein Paris und sein sozial explosives Vorstadt-Departement Seine-Saint-Denis ab. Über das soziale Umfeld des Autoabfackelns liess sich Valls nicht aus. Seine «Operation Wahrheit», wie er sagte, bewirkte auch keinerlei Debatte. Die Tagesschauen der grossen Fernsehsender TF1 oder France2 brachten keine Bilder von den Strassenschlachten und vermeldeten die Zahl von 1193 Autowracks in einem Satz, gut versteckt zwischen festlichen Neujahrsbildern aus aller Welt. Sogar am anderen Ende des Planeten berichtete die Online-Ausgabe des New Zealand Herald ausführlicher als die grossen Pariser Zeitungen, denen die Neujahrs-Tradition in ihren Vorstädten meist nur wenige Zeilen wert war.

Über die Brandstifter machte Valls keine Angaben. Vor Jahren hatte die Polizei einmal bekannt gegeben, dass 63 Prozent der Täter minderjährig seien. Damals hatte ein Staatsanwalt auch erklärt, die Vorstadtkids seien beim Silvester-Zündeln eher «spielerisch» als sozialpolitisch inspiriert.

20 000 Autos jedes Jahr

Ob die Betroffenen, meist keine betuchten Autobesitzer, in den verelendeten Banlieue-Orten das Ganze auch als Spiel auffassen, bleibe dahin gestellt. Laut Schätzungen brennen in den «heissen» Vorstädten Frankreichs jedes Jahr mehr als 20 000 Autos. Greift die Polizei bei den Banlieue-Feuerwerken zu hart durch, münden diese meist in gewaltsame Konfrontationen.

Unbekannt ist allerdings auch, wie viele Autobesitzer ihr Fahrzeug in Brand stecken, um die Versicherungsprämie einzusacken. In Paris-Nanterre wurde ein Mann gefasst, als er gerade ein Streichholz in den offenen Kofferraum seines Wagens warf.