9/11 – Saudi-Arabien von jeder Schuld freigesprochen?

LIMASSOL. Die bisher unter Verschluss gehaltenen 28 Seiten des offiziellen Berichts über die Attentate vom 11. September 2001 in den USA sind endlich freigegeben worden. Viele Fragen über die Rolle Saudi-Arabiens bleiben offen.

Michael Wrase
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LIMASSOL. Die bisher unter Verschluss gehaltenen 28 Seiten des offiziellen Berichts über die Attentate vom 11. September 2001 in den USA sind endlich freigegeben worden. Viele Fragen über die Rolle Saudi-Arabiens bleiben offen.

Riads nähe zu Al Qaida

Die 14 Jahre lang geheim gehaltenen 28 Seiten des offiziellen Untersuchungsberichtes über die Attentate vom 11. September befassen sich mit der mutmasslichen Beteiligung von Offiziellen aus Saudi-Arabien. Die Bush-Regierung hatte sich damals dafür entschieden, ihre saudischen Verbündeten zu schonen und stattdessen Irak anzugreifen; dies obwohl 15 der 19 Attentäter saudische Staatsbürger waren, die vor Terroranschlägen nachweislich Kontakte zu saudischen Amtsträgern unterhielten. Der vom FBI als saudischer Geheimdienstagent identifizierte Omar al-Bayoumi hatte zwei der Attentäter bei ihrer Einreise in die USA am Flughafen von San Diego empfangen, ihnen eine Wohnung besorgt und die dazu nötige Kaution hinterlegt.

Zuvor war in der kalifornischen Grossstadt mit saudischen Geldern eine Moschee gekauft worden, welche Al Qaida als Stützpunkt diente. Die «erhebliche Unterstützung» der Attentäter durch den saudischen Geheimdienst wird in den nun freigegebenen 28 Seiten des Untersuchungsberichts noch einmal hervorgehoben. Auch die «mögliche Finanzierung» der Attentäter durch Mitglieder der saudischen Königsfamilie wird erwähnt und darauf hingewiesen, dass ein Beamter des saudischen Innenministeriums im gleichen Hotel in Virginia abgestiegen ist wie einer der Flugzeugentführer.

Keine «smoking gun»

Eine «smoking gun», einen unwiderlegbaren Beweis dafür, dass die saudische Regierung oder hohe saudische Individuen das Terrornetzwerk Al Qaida finanziert haben, enthält der Untersuchungsbericht nach Einschätzung des Weissen Hauses aber nicht. Die Veröffentlichung der letzten 28 Seiten zeige, wie sehr man sich der Transparenz verpflichtet fühle, verkündete Obamas Sprecher John Earnest.

Für Riad sind alle Fragen geklärt

Für die Regierung Saudi-Arabiens ist die «Angelegenheit damit erledigt». Als ihr Aussenminister Adel al-Jubeir auf einer Pressekonferenz in Washington gefragt wurde, ob der nun vollständig veröffentlichte Untersuchungsbericht das wahhabitische Königreich von jeder Schuld freispreche, antwortete er ohne mit der Wimper zu zucken: «Absolut», alle Fragen bezüglich der Rolle Saudi-Arabiens seien jetzt «geklärt».

Noch Mitte April dieses Jahres hatte al-Jubeir damit gedroht, US-Wertpapiere und Anleihen im Wert von 750 Milliarden Dollar zu verkaufen, falls die womöglich belastenden «28 Seiten» freigegeben würden. «Es ist unglaublich, sich vorzustellen, dass unsere Regierung eher die Saudis als seine eigenen Bürger unterstützen würde», hatte die «New York Times» daraufhin die Witwe eines Mannes zitiert, der beim Terrorangriff auf das World Trade Center ums Leben gekommen war.

Debatte wird andauern

Doch die Suche nach den Hintermännern, den klammheimlichen Unterstützern der Attentäter, wird auch deshalb weitergehen, weil der Bericht anscheinend verschiedene Interpretationen zulasse. Die britische Zeitung «Guardian» sieht «ein grösseres Netz von Verbindungen zwischen der saudischen Königsfamilie und Al Qaida, als bislang bekannt gewesen war». Der Bericht nähre zudem den Verdacht, dass die USA entschlossen seien, bei der Pflege der diplomatischen Beziehungen zu Saudi-Arabien jene Beweise zu unterdrücken, die auf eine Verwicklung Riads hinweisen.

Auch dass die Saudi-Arabien beherrschenden Wahhabiten den ideologischen und theologischen Nährboden für den islamistischen Terror geschaffen haben, wird in dem US-Bericht zu 9/11 nicht erwähnt.