71 tote Flüchtlinge im Laderaum

Im Lastwagen der Schlepper lagen die Leichen von 59 Männern, acht Frauen und vier Kindern. Inzwischen wurden in Ungarn drei Verdächtige festgenommen. Österreich fordert ein Umdenken in der europäischen Asylpolitik.

Rudolf Gruber/Wien
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Im Burgenland, nahe der ungarischen Grenze: Aus diesem Lastwagen wurden 71 Opfer geborgen. (Bild: apa/Roland Schlager)

Im Burgenland, nahe der ungarischen Grenze: Aus diesem Lastwagen wurden 71 Opfer geborgen. (Bild: apa/Roland Schlager)

Auf der Ostautobahn zwischen Wien und Budapest rollt der Verkehr wie eh und je. 3000 Laster rollen hier täglich in beide Richtungen, Personenautos sechsmal mehr. Auf dem Pannenplatz nahe dem burgenländischen Ort Parndorf, wenige Kilometer westlich der ungarischen Grenze, deutet nichts mehr auf die Flüchtlingstragödie hin, die sich hier am vergangenen Donnerstag abgespielt hat.

«Keine Luft im Laderaum»

Die burgenländische Landespolizeidirektion in Eisenstadt hat wohl noch nie so einen Ansturm an Medienleuten aus aller Welt erlebt. Der regionale Polizeichef Hans Peter Doskozil informierte über den aktuellen Ermittlungsstand. Mit dabei die zuständige Innenministerin Johanna Mikl-Leitner und ein Staatsanwalt. Bereits Stunden vor der Pressekonferenz war durchgesickert, dass in dem Lastwagen der Schlepper 71 Leichen lagen.

Die Opfer sind 59 Männer, acht Frauen und vier Kinder im Alter von zwei bis zehn Jahren. Sie müssen qualvoll erstickt sein, auch wenn Doskozil dies noch nicht definitiv bestätigen will. Er sagt nur, was Ermittler festgestellt haben: «Es ist keine Luft in den Innenraum des Lastwagen gelangt.» Auch Beulen in den Wänden des Lasters will Doskozil nicht voreilig als verzweifelte Versuche der Flüchtlinge deuten, dem Gefängnis zu entkommen. Das könnten auch Spuren von einem Unfall sein. Fast gesichert ist bereits, dass die Flüchtlinge mindestens 24 Stunden bereits tot waren, bevor sie in dem abgestellten Lastwagen aufgefunden wurden.

«Die Kollegen waren die ganze Nacht im Einsatz, um die Leichen zu bergen», sagte der Polizeichef. Der Anblick sei auch für erfahrene Gerichtsmediziner «grauenhaft» gewesen.

«Über Herkunft und Nationalität der Opfer herrschte gestern noch Ungewissheit. Sehr wahrscheinlich sind es Kriegsflüchtlinge, doch der bisher einzige Hinweis dazu ist ein syrischer Pass. Letzte Klarheit, so die Gerichtsmedizinerin Edith Tutsch-Bauer in einem Radiointerview, könne nur eine DNA schaffen. Die Leichen werden gegenwärtig im Grenzort Nickelsdorf in einer Kühlhalle obduziert und anschliessend nach Wien zur weiteren Untersuchung überführt.

Hintermänner bleiben im Dunkeln

Über eine Hotline der österreichischen Polizei haben sich bereits zahlreiche Flüchtlinge aus ganz Europa, vor allem aus Deutschland, gemeldet, die sich Sorgen um Angehörige und Freunde machen und befürchten, dass sie Opfer von kriminellen Schleppern geworden sind. Polizeichef Doskozil meldete auch erste Ermittlungserfolge. Die Budapester Kollegen, die mit den österreichischen eng zusammenarbeiten, hätten bereits in der Nacht auf Freitag sieben Männer festgenommen, drei von ihnen kamen in Untersuchungshaft und werden Anfang nächster Woche nach Österreich ausgeliefert. Einer der Männer, ein bulgarischer Staatsbürger mit libanesischen Wurzeln, ist als Fahrzeughalter identifiziert. Ob er der gleiche Mann ist, der den Lastwagen auf dem Pannenstreifen bei Parndorf abstellte und sich anschliessend aus dem Staub machte, ist noch nicht geklärt. Die beiden anderen Festgenommenen sind ein weiterer Bulgare und ein Rumäne mit ungarischer Identitätskarte; auch sie sollen den Lastwagen gefahren haben.

Die schnelle Identifizierung verdankt die österreichische Polizei den Kollegen in Ungarn. Die Budapester Regierung lässt den gesamten Autobahnverkehr elektronisch überwachen,

Doch es sind nur die kleinen Fische, die gefasst wurden. Die Hintermänner und Auftraggeber, die mit der Not der Flüchtlinge fette Gewinne scheffeln, vermuten die österreichischen Ermittler innerhalb der bulgarisch-rumänischen Schleppermafia. An sie heranzukommen, ist mehr als schwierig.

Gemeinsame EU-Haltung gefordert

Österreich steht weiter unter Schock und fordert ein Umdenken in der europäischen Flüchtlingspolitik. «Diese Tragödie sollte für alle Aufruf und Mahnung sein zum raschen, gemeinsamen Handeln in der EU, damit Menschen auf legalem Weg nach Europa kommen können», sagte gestern Innenministerin Johanna Mikl-Leitner. Doch genau dies hat die EU mit ihrer Ayslpolitik, mithin auch Österreich, bisher verhindert.