Libyen

400 Dollar pro verkauften Migrant: Sklaverei-Skandal überschattet EU-Afrika-Gipfel

In Libyen werden Migranten als Sklaven verkauft. Kritiker sehen darin eine direkte Folge der «Abschottungspolitik» der Europäischen Union.

Remo Hess, Brüssel
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Sklaverei-Proteste in Genf
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Auch in Genf haben Menschen am 25. November gegen die Sklavenauktionen in Libyen protestiert.
Weitere Bilder der Protest-Aktion.

Sklaverei-Proteste in Genf

AFP/Getty Images

Es sind verstörende Bilder, welche der US-Nachrichtensender CNN vergangene Woche veröffentlichte: Ein verwackeltes Handyvideo zeigt, wie in Libyen nigerianische Migranten verkauft werden. «Kräftige Jungs für die Arbeit auf dem Feld», wirbt der Auktionsleiter. 400 Dollar pro Person. Eine Reporterin konnte später eine ähnliche Veranstaltung nahe Tripolis besuchen. Damit wurde für alle Welt sichtbar: In Libyen findet Sklavenhandel statt.

Immer wieder berichten Migranten, dass sie verkauft, geschlagen und zu unentgeltlicher Arbeit gezwungen worden seien.

Für Hilfsorganisationen wie Pro Asyl oder Amnesty International ist dies eine direkte Folge der «Abschottungspolitik» der Europäischen Union. Seit Europa mit einem Mix aus Unterstützung für die libysche Küstenwache und Zusammenarbeit mit lokalen Milizen die zentrale Mittelmeerroute unter Kontrolle gebracht hat, stecken Hunderttausende Migranten in Nordafrika fest. Laut libyschen Angaben rund 20'000 in geschlossenen Lagern. In Wirklichkeit dürften es etliche mehr sein. Das Internationale Büro für Migration (IOM) kritisiert schon seit Monaten die «unmenschlichen» Bedingungen in den Lagern und mangelhaften Zugang zu den Festgehaltenen. Im April war in einem IOM-Bericht zudem die Rede von Sklavenhandel.

Wenn die EU-Staats- und Regierungschefs heute zum Afrika-Gipfel in Abidjan in der Elfenbeinküste eintreffen, dürfte der Skandal wie ein Schatten über dem Treffen liegen. Gastgeber Alassane Outtara sprach gegenüber französischen Medien bereits von «Ekel» und «Abscheu» über die Meldungen und versprach, die Geschehnisse in der Runde von rund 80 Regierungschefs zum Thema zu machen.

Einheitliche Strategie fehlt

Auch EU-Kommissionspräsident Jean-Claude Juncker zeigte sich bewegt. In einem Interview mit der «Deutschen Welle» sagte er: «Ich kann nicht ruhig schlafen bei dem Gedanken, was jenen Menschen in Libyen passiert, die ein besseres Leben finden wollen. Sie haben in Libyen die Hölle gefunden.» Egal, ob man Juncker seine Betroffenheit abnimmt oder nicht: Die Migrationskrise begleitet ihn, seit er 2014 sein Amt als Kommissions-Chef angetreten hat. Unter Juncker wurden etliche Initiativen gegen die irreguläre Migration und das Schlepperwesen angestossen. Das Problem ist, dass die EU kaum jemals an einem Strang zieht. Mal wird die vage Idee von EU-Flüchtlingslagern in Libyen herumgereicht, ein andermal geht es um die Einrichtung von «sicheren Zonen» in Ländern, die eigentlich von Bürgerkriegen zerrüttet sind. Auch tummeln sich viele Akteure im Migrations-Feld: Frankreichs Präsident Emmanuel Macron inszenierte im August ein Treffen mit den Transit-Staaten Niger, Tschad und Libyen und erst im Mai noch sollte das Format der G-7-Länder den Lead übernehmen. Italien seinerseits fährt mit intransparenten Deals mit libyschen Warlords seine eigene Strategie.

Einig ist man sich im Prinzip bloss darüber, dass die Fluchtursachen in den Herkunftsländern angegangen werden sollten. Beim Treffen in Abidjan soll es deshalb um die Bekämpfung der Jugendarbeitslosigkeit gehen. 60 Prozent der Afrikaner sind unter 25 Jahre alt, bis im Jahr 2030 werden die Hälfte unter 20 sein. Um diesen Menschen eine Perspektive zu geben, will die EU-Kommission einen Investitionsfonds für Afrika gründen. Dieser soll rund 4,1 Milliarden Euro betragen und Garantie-Kredite für Unternehmen bereitstellen, wodurch per Hebelwirkung Investitionen von bis zu 44 Milliarden generiert werden sollen.

Migrations-Experten wie Gerald Knaus von der Europäischen Stabilitätsinitiative (ESI) betonen allerdings, dass es mit Geld alleine nicht zu machen ist. Knaus, der als Architekt des EU-Türkei-Flüchtlingsdeals gilt, schlägt vor allem glaubwürdige Einwanderungs- Kontingente für Migrations-Herkunftsstaaten vor. Arbeits-Visa oder Stipendien seien das, «was sie wirklich wollen», so Knaus kürzlich im Gespräch mit der «Nordwestschweiz».