Titeuf klärt Kinder auf

Sexualität In der Genfer Ausstellung «zizi sexuel» beantwortet Titeuf, der Comic-Held, Fragen von Kindern – fröhlich und ohne Tabu.

Denise Lachat
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Zungenküssen heisst auf Französisch herrlich anschaulich « se rouler une pelle», und wie das im richtigen Leben geht, können die jungen Besucher der Ausstellung «zizi sexuel» an zwei Puppenköpfen ausprobieren: Sie strecken die Hand von hinten in den Puppenmund, bewegen die Gummizunge – und los geht's. Die Kinder machen sich mit Vergnügen ans Werk, «die Ausstellung macht Spass», sagt die 13jährige Coraline, die mit ihrem Vater gestern am Eröffnungstag einen Ausflug in die Palexpo-Halle gemacht hat.

Lustig statt belehrend

Spass sollen sie auch haben, die Kinder, die sich Fragen zu ihrer erwachenden Sexualität stellen. «Ein Aufklärungsbuch, das auf die spontanen Fragen der Kinder Antwort gibt: So etwas hätten wir selbst gerne als Primarschüler gehabt», sagen der Genfer ComicZeichner Zep und seine Frau Hélène Bruller einstimmig. Gemeinsam haben sie das Buch « zizi sexuel » geschaffen, das für die Ausstellung als Basis dient und seit 2001 drei Millionen Mal verkauft worden ist. « In der Regel richten sich Erwachsene an Kinder, und das klingt dann rasch lehrmeisterlich. Wir wollten etwas Lustiges», sagt Zep. Als Vermittler dient sein Comic-Held Titeuf, der schon seit fünfzehn Jahren unbefangen über alle Themen spricht, die Primarschüler beschäftigen: Schulstress, Freundschaft, Liebe, Tod. «Titeuf spricht ungeschminkt und ohne Tabu », sagt Zep, der ursprünglich einfach seine Kindheitserinnerungen aufschreiben und zeichnen wollte. «Zep wird beim Arbeiten selbst wieder zum Kind, es ist unglaublich, er erzählt von sich, wie er damals war», sagt Hélène Bruller lachend. Diese Authentizität hat Titeuf zum Grosserfolg bei Erwachsenen wie auch bei Kindern verholfen, er wurde in über zwanzig Sprachen übersetzt.

Allein in der Originalversion, die im französischen Verlag Glénat erscheint, sind von den zwölf Titeuf-Alben inzwischen 18 Millionen Stück verkauft worden, längst wird Titeuf auch als Fanartikel vermarktet. Eine Fangemeinde hat er auch in der Deutschschweiz, allerdings handelt es sich dabei laut Zep um eingefleischte Comic-Liebhaber. Denn während Comics in jeder frankophonen Bibliothek dazugehören, sind sie im deutschen Sprachraum wenig verbreitet.

«zizi sexuel» war in Paris, wo die Ausstellung im Auftrag der «Cité des Sciences» gemeinsam mit Zep und Bruller konzipiert wurde, ein Publikumserfolg, und das wird sie wohl auch in Genf. Zusätzliche, aber unfreiwillige PR haben ihr wie bereits in Paris konservative Kritiker verschafft, die sich noch vor der Eröffnung der Ausstellung über die ihrer Ansicht nach krude Art der Sexualerziehung ereiferten und zudem die Einmischung des Staates anprangerten. Denn die Genfer Erziehungsdirektion hat entschieden, den Besuch der Ausstellung, die sich an 9- bis 13jährige Kinder richtet, auch Schülerinnen und Schülern ab der fünften Klasse mit ihren Lehrern zu ermöglichen. Zep und Hélène Bruller können darob nur den Kopf schütteln. «Offenbar macht Erwachsenen das Thema Sexualität auch heute noch Angst, es ist also immer noch nötig, darüber zu reden», sagt Bruller. François Ansermet, Kinder- und Jugendpsychiater am Universitätsspital Genf und wissenschaftlicher Berater der Ausstellung, begrüsst die Debatte zwischen unterschiedlichen Positionen. Doch er plädiert dafür, die Kinder mit ihren Fragen nicht allein zu lassen. «Sie sind neugierig, sie suchen Antworten. Die Ausstellung kann auch den Eltern helfen, mit ihren Kindern über das Thema Sexualität zu reden.» Gerade auch im Zeitalter von Internet, wo Kinder mit brutalen Pornobildern konfrontiert werden könnten, würden sie Anleitung brauchen, um den Unterschied zur realen, lebendigen Sexualität zu verstehen.

Pickel und Kondome

Die elfjährige Liddy jedenfalls, die Titeufs Comic-Schwarm Nadja jeweils am Fernsehen ihre Stimme leiht, springt fröhlich durch die farbenfrohe Ausstellung, in der unter anderem Körperhaare und Pickel wachsen oder Kondome erklärt werden. Innig drückt sie das grosse Plüschherz, das als Liebesbarometer dient, lachend küsst sie Titeuf, der mit ihr via Bildschirm ein Kino-Rendez-vous hat. Peinlich ist ihr das Thema jedenfalls nicht. «Ich finde es lustig», sagt sie. Und ist schon wieder weg.

Die Ausstellung «zizi sexuel» im Genfer Palexpo dauert bis zum 28. Juni 2009 (F/E). www.zizisexuel.ch