Leben im Atelier

Ich sehe gerne gestylte Häuser anderer Menschen. Doch ich selbst kann nur in meinem zusammengewürfelten Sammelsurium von Fundgegenständen leben. Ich brauche gelebte Sachen um mich herum. Objekte mit Geschichte. Sie geben mir Wärme und Geborgenheit.

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Bild: Coralie Wenger

Bild: Coralie Wenger

Ich sehe gerne gestylte Häuser anderer Menschen. Doch ich selbst kann nur in meinem zusammengewürfelten Sammelsurium von Fundgegenständen leben. Ich brauche gelebte Sachen um mich herum. Objekte mit Geschichte. Sie geben mir Wärme und Geborgenheit.

Mein winziges Holzhaus, eine ehemalige Baracke aus dem Zweiten Weltkrieg, das armen Kindern als Liegehalle diente, ist voll von Möbeln und Objekten aus dem Brockenhaus oder von Liquidationen. Im ehemaligen Schränkli für Zahnarzt-Instrumente sind heute die Gläser untergebracht.

Die angeschlagene Keramikschüssel neben dem Ofen kommt vom Fischmarkt in Apulien. Das Holzbrett auf dem langen Esstisch stand einst im Zeughaus und diente zum Putzen der Gewehre. Der Stuhl mit dem Elefanten auf der Rücklehne ist eine Erinnerung aus dem Jahr 1976, als mein verstorbener Mann, Max Oertli, Dompteur im Circus Pico-Pello war. Und das Plüsch-Sofa ist ein ehemaliges SBB-Erstklass-Coupé. Darauf sind schon die Katzen und Enkel herumgekrochen. Und Max hat dort stets seinen Kaffee getrunken.

Nach dem Krieg wurde die fensterlose Baracke in eine Notwohnung umgebaut. Als Max dort einzog, gab es nur eine Glühlampe und einen Holzboden. Im Laufe der Jahre bauten wir vieles selber ein: Dusche, Küche, Wände. Rollläden gibt es immer noch keine. Auch ein Keller und eine Heizung fehlen. Ich wärme die Räume mit Ölöfen. Zum Glück besitze ich wenig Kleider. Für grosse Schränke fehlt der Platz.

Disziplin ist das Wichtigste

Früher hatten wir unser Künstleratelier in der Stadt. Vor zehn Jahren, als Max die Treppen nicht mehr gut hinaufgehen konnte, installierten wir uns zu Hause. Das war ein schwerer Entschluss. Zwei kreative Menschen unter dem gleichen Dach, das erfordert Disziplin. Zum Glück hatten wir die. Wir bauten unser Häuschen aus und ergänzten es um ein helles Atelier für Max und um einen Lagerplatz für die Bilder.

Ich arbeitete im hinteren Teil des Hauses. Das Bett kam dafür ins Wohnzimmer. Von meinem Atelier hatte ich einen schönen Blick in den Garten und auf die gedeckte Veranda mit den wilden Reben. Im Sommer ist sie Arbeitsplatz und Stube zugleich. Und Treffpunkt für meine grosse Familie und Freunde. Die Bälle, die vom angrenzenden Tennisplatz jeweils in meinem Garten landen, kommen alle nach Indien.

Spuren an den Wänden

Als Max vor zwei Jahren starb, bezog ich sein helles Atelier. Die Spuren meiner Farbkleckse an der Wand meines früheren Arbeitsraumes habe ich mit Papier verdeckt. Auch der Holzboden ist noch voller Farbe. Heute steht in dieser Ecke ein Bett für die Enkel.

Ich habe wenig Bilder von mir an den Wänden. Das lenkt ab. Aus Platzmangel stehen da und dort ein paar unverkaufte Skulpturen.

Auch von Max habe ich nur gezielt Werke aufgehängt: Ein Porträt einer Malerin und ein grosses Aktbild aus dem Jahr 1985. Ich überlege nicht lange, was wohin kommt. Wichtig ist nur, dass meine Lieblingsbilder in meiner Nähe sind. Das kleine Früchtebild von Diogo Graf zum Beispiel oder ein Stillleben von Max. Beide hängen über meinem Bett.

Notiert: Yvonne Forster

Margrit Edelmann-Oertli ist St. Galler Malerin und Plastikerin.