Grosser Auftritt

Katharina Tanner Die Schauspielerin, Buchhändlerin und Autorin aus Basel legt mit Da geht sie einen bemerkenswerten ersten Roman vor. Eva Bachmann

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Katharina Tanners erster Roman «Da geht sie» spielt im Theater der Gedanken. (Bild: Limmatverlag/Yvonne Böhler)

Katharina Tanners erster Roman «Da geht sie» spielt im Theater der Gedanken. (Bild: Limmatverlag/Yvonne Böhler)

Da geht sie: Sie heisst Lisette und geht mit ihrer siebenjährigen Tochter Linn an der Hand durch Kreuzlingen in den Donnerstagmorgen hinein. «Der plötzliche Wunsch, dem Bus nachzurennen, im Schatten seiner vorgegebenen Route mitlaufen zu dürfen, in grosszügigem Bogen den Hang hinauf, bis zum Seerücken hoch und wieder hinab zum Wasser, einmal, zweimal, dreimal um Kreuzlingen herum, leichtfüssig und ohne abzusetzen», denn heute ist ein besonderer Tag: Lisette hat am Abend ein Vorsprechen und ist fest entschlossen, ein Engagement am Theater Konstanz zu erspielen.

Katharina Tanner (geb. 1962 in Schaffhausen) erzählt auf knapp 140 Seiten diesen einen, entscheidenden Tag im Leben von Lisette. Sie bringt das Kind zur Schule, kauft sich eine Hose, geht zur Bank, kocht… alles äusserlich unspektakulär, innerlich aber phantasievoll und bilderreich. Während Lisette zum Beispiel über 15 Seiten vor der geschlossenen Barriere wartet, fliegen ihre Gedanken vom Cordjackett des Nebenstehenden in die Berge, im Kopfkino spielen sich Kitschfilme und Terroranschläge

ab, Franziska und das langsame Sterben tauchen aus der Versenkung auf, und dann auch noch Linns Lehrer mit seinen hemmungslos erhabenen Worten (ganz ohne Textbuch).

Alle Sinne offen

Mit Feingefühl für den Rhythmus eines Texts breitet die Autorin einmal in epischer Breite eine Szene aus, zieht dann das Tempo wieder an und überschüttet die Lesenden geradezu mit Neuigkeiten. Denn an Lisette ist alles Wahrnehmung – sie scheint mehr als fünf Sinne zu haben.

Mit jeder Pore ihrer Haut, vom Scheitel bis zur Fusssohle nimmt sie diesen Tag in sich auf und verbindet ihn assoziativ weiträumig mit Erinnerungen, Träumereien, kindlichen und hochernsten Spielen.

Und überall sieht sie Rollen: Das Leben ist eine einzige Bühne, Auftreten will gelernt sein. Da ist zum Beispiel Frau Brummer, Kassierin im Kleidergeschäft, die ideale Mutter Wolffen für Gerhard Hauptmanns Drama «Der Biberpelz», nur der Mutterwitz fehlt.

An Regine, der schwangeren Scheinsanften, übt Lisette den Tonfall für die Klara in Hebbels «Maria Magdalena» (ihr gehört der Satz «Da geht sie!»). Ein Kabinettstück gelingt Tanner sodann in einer Szene am Bancomat, der Lisettes Karte schmatzend verschluckt: «Mit kleinen, unerschrockenen Schritten wie die grosse Thalbach in Brechts <Johanna der Schlachthöfe> marschierte Lisette mit Linn durch die Halle zum Bankschalter.

» Das Kind spielt mit und schluchzt, die Karte wird herausgerückt und Lisette begreift schlagartig, dass sie eine Businessrolle braucht – vor laufender Überwachungskamera probiert sie ihr neues «Es» sofort aus.

Rollenspiele

Solche Szenen lassen die einstige Schauspielerin und erfolgreiche Stückeschreiberin Katharina Tanner aufblitzen. Ihr Prosadébut eröffnet eine grandiose Bühne der anderen Art: das Theater der Gedanken. Es ist ein hochpoetisches und gleichzeitig witziges Stück Prosa, das hier gegeben wird.

Und auch ein nachdenkliches über eine Frau und ihre Rollen, selbstgewählte und angediente. Ausserdem ist dieser Roman eine beglückende Schule des Sehens mit geschlossenen Lidern.

Katharina Tanner: Da geht sie. Limmatverlag, Zürich 2009, Fr. 28.–