Folgen eines Traumas

Gehirn Kindheitstraumata hinterlassen tiefe Spuren im Gehirn – durch die reale Veränderung der Gehirnstruktur kann eine Veranlagung zur Gewalt entstehen. Bruno Knellwolf

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Traumatische Erlebnisse in der Kindheit verändern das Gehirn und können eine Veranlagung zur Gewalttätigkeit entstehen lassen. (Bild: getty/Mike Agliolo)

Traumatische Erlebnisse in der Kindheit verändern das Gehirn und können eine Veranlagung zur Gewalttätigkeit entstehen lassen. (Bild: getty/Mike Agliolo)

Das menschliche Gehirn enthält rund zehn Milliarden Neurone, die auf ungeheuer komplizierte Weise untereinander verdrahtet sind. Die elektrischen Funken in diesen Zellen und die chemischen Wirkungen führen zu erstaunlichen Leistungen, die verblüffendsten sind die Emotionen. Zu diesen gehören Liebe, aber auch Hass und Angst.

Die für Emotionen zuständigen Bereiche des menschlichen Gehirns liegen zum grössten Teil in der Nähe der Mitte des Kopfes. Eine Aktivierung der Nervenzellen im vorderen, unteren und inneren Teil des Gehirns ruft negative Emotionen wie Angst hervor. Seit langem ist auch bekannt, dass das Gehirn gewalttätiger Menschen in diesem orbitofrontalen Kortex oft verändert ist. Gleichzeitig ist bei diesen Gewalttätern beobachtet worden, dass diese in ihrer Kindheit ein psychisches Trauma erlebt haben.

Carmen Sandi, ETH-Forscherin in Lausanne und Mitglied des Nationalen Forschungsschwerpunkts «Synapsy», hat nun erstmals eine Verbindung zwischen Kindheitstrauma, Gewalt und bestimmten Veränderungen im Gehirn festhalten können. In der «Jugend» erlittene Traumata führen bei Ratten nämlich zu aggressivem Verhalten und Veränderungen im Gehirn, die genau gleich sind wie jene bei gewalttätigen Menschen.

Biologische Spuren

Die Verletzungen in der Kindheit hinterlassen somit biologische Spuren, die nicht verlorengehen und somit auch im Erwachsenenhirn noch zu finden sind. In der Kindheit traumatisierte Menschen leiden also nicht nur physisch, erklärt Carmen Sandi. Sie haben tatsächliche Hirnveränderungen, die molekularer Art sind und die Art und Weise beeinflussen, wie soziale Informationen im Gehirn verarbeitet werden.

«Steht ein gesunder Mensch unter Stress, wird der orbitofrontale Kortex aktiviert, um den Aggressionstrieb zu hemmen», erklärt Sandi. Bei den traumatisierten Ratten war jedoch eine weniger starke Aktivierung dieses Kortex festzustellen. «Dadurch reduziert sich die Fähigkeit Betroffener, ihre negativen Triebe zu dämpfen. Die verringerte Kortex-aktivität war ausserdem mit einer erhöhten Tätigkeit der Amygdala verbunden. Diese Gehirnregion ist für ihre Rolle bei emotionalen Reaktionen bekannt», sagt die Verhaltensgenetikerin.

Das zeige, dass aggressives Verhalten nicht nur durch kulturelle oder soziale Einflüsse entwickelt werde, sagt Sandi. Frühe traumatische Erlebnisse wirkten sich implizit auf die Entwicklung des Nervensystems im Gehirn aus. Diese Erkenntnisse müssten wissenschaftliche, therapeutische und soziale Auswirkungen haben. Nicht nur auf soziale Programme für Gewalttäter, sondern auch auf die Verstärkung der wissenschaftlichen Forschung für die Behandlung von Menschen, die traumatisiert worden seien.

Erfolg mit Antidepressiva

«Wir müssen die neurobiologischen Mechanismen verstehen, um den Kreislauf der Gewalt zu durchbrechen», sagt Sandi. Erfolg hatten die Forscher mit dem Antidepressivum MAOA-Geninhibitor, das die Veränderungen im Gehirn ausgleichen kann. «Dieses Antidepressivum wirkt an den Molekülen, die wir verändert im Gehirn vorgefunden haben.» Verbunden mit einer Verhaltenstherapie könnten diese Medikamente helfen. Nun wird untersucht, ob sich Gehirnveränderungen mit einer solchen Behandlung rückgängig machen lassen und ob bestimmte Personen aufgrund ihres Erbguts anfälliger sind als andere.