Drang zu intimer Schönheit

Immer mehr Frauen fühlen sich im Genitalbereich nicht schön genug. Ästhetische Intimoperationen nehmen zu. Nicht nur in den USA, sondern auch in der Schweiz.

Nadine Rechsteiner
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Verzerrte Wahrnehmung? In der Schweiz werden immer mehr ästhetische Operationen im Intimbereich vorgenommen. (Bild: Reto Martin)

Verzerrte Wahrnehmung? In der Schweiz werden immer mehr ästhetische Operationen im Intimbereich vorgenommen. (Bild: Reto Martin)

Marianne Dörig* hat sich für ihre Schamlippen geschämt. Sie waren ihr zu gross, störten beim Velofahren und beim Geschlechtsverkehr. Im vergangenen Dezember hat die 50-Jährige eine Schamlippenverkleinerung vorgenommen. Mit dem Resultat ist sie zufrieden. «Es ist schön anzuschauen.» Auch auf dem Velosattel fühle sie sich wieder wohl, sagt sie. «Und der Sex ist besser.»

Die Zürcherin ist kein Einzelfall. In den USA liegen derzeit keine kosmetischen Operationen so im Trend wie solche im Intimbereich. Die jährliche Zuwachsrate liegt bei über 30 Prozent. Auch vor der Schweiz macht dieser Trend nicht halt. Am meisten gefragt ist die Schamlippenverkleinerung. Viele Frauen stören sich daran, wenn die inneren Schamlippen grösser sind als die äusseren. Beim Eingriff werden deshalb die inneren Schamlippen verkürzt, so dass sie nicht mehr sichtbar sind.

Seit fünf Jahren nehme die Nachfrage stark zu, sagt Eva Neuenschwander von der Zürcher Klinik Pyramide am See. Die Ärztin für plastische Chirurgie führt wöchentlich mehrere Schamlippenverkleinerungen durch. Eine Zunahme verzeichnet auch das Beratungszentrum für Schönheitschirurgie Acredis in Zürich. 2008 zählte das Institut noch 31 Anfragen, 2009 waren es bereits 60. Für dieses Jahr rechnet Acredis schweizweit mit 300 bis 400 Eingriffen.

Wie vorpubertäre Mädchen

Studien zur Intimchirurgie aus den USA zeigen, dass einer der Hauptgründe für die steigende Nachfrage nach solchen Eingriffen ein schlechtes Körpergefühl ist. «Viele schämen sich, wenn ihr Genital nicht so aussieht, wie es in der Pornographie oder Werbung dargestellt wird», sagt Verena Schönbucher, Psychologin und Sexualwissenschafterin am Universitätsspital Zürich. Dabei werde eine verzerrte Wahrnehmung der weiblichen Genitalien als Norm vorangetrieben.

Die Pornoindustrie vermittle Massstäbe eines vorpubertären Mädchens: unbehaart und mit kleinen Schamlippen. «Dass Brüste verschieden aussehen, Oberschenkel anders geformt sind und auch Schamlippen verschieden sein können, wird verleugnet, ja fast tabuisiert», sagt Schönbucher. Die Psychologin rät von derartigen Operationen ab. «Ängste, Unsicherheiten und sexuelle Unzufriedenheit lassen sich dadurch nicht beheben.»

Badibesuch wird zum Greuel

Neuenschwander von der Klinik Pyramide am See widerspricht der Auffassung, die Frauen lassen sich einfach aus Lifestyle-Gründen operieren. «Die Patientinnen sind wegen ihrer zu grossen Schamlippen im Alltag eingeschränkt. Sie getrauen sich nicht mehr in öffentliche Duschen, in die Badi oder ziehen keine enge Hosen mehr an.» Zwischen 45 Minuten und knapp zwei Stunden dauert ein Eingriff, der unter Lokalanästhesie und ambulant durchgeführt wird. Die Kosten liegen je nach Aufwand zwischen 3000 und 5500 Franken.

Schutz für Harnröhre

Beim Entscheid für einen Eingriff würden nicht nur ästhetische, sondern auch funktionelle Aspekte berücksichtigt. Sie habe auch schon Operationen, die nicht sinnvoll waren, abgelehnt. Schliesslich hätten Schamlippen auch eine Schutzfunktion: Sie schirmen Harnröhre und Scheide gegen aussen ab.

Auch das unabhängige Beratungszentrum Acredis warnt vor Ärzten, die mit absurden Operationen im Intimbereich ein grosses Geschäft machen wollen.

Da der Titel «Schönheitschirurg» rechtlich nicht geschützt ist, kann jeder zugelassene Arzt Schönheitsoperationen durchführen.

*Name geändert