Der Sammler

Martin Tscharner ist Kinogänger und DVD-Sammler. Über 11 000 DVDs hat er bereits gehortet, und jede Woche kauft er sich vierzig neue. Trotz seiner riesigen Sammlung geht der Flawiler lieber ins Kino, anstatt sich zu Hause alleine einen Film anzuschauen. Johanna Egli

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«Ich will einfach ein paar Filme haben», hat sich Martin Tscharner gedacht, als er vor sieben Jahren mit dem DVD-Sammeln begonnen hat. (Bild: Ralph Ribi)

«Ich will einfach ein paar Filme haben», hat sich Martin Tscharner gedacht, als er vor sieben Jahren mit dem DVD-Sammeln begonnen hat. (Bild: Ralph Ribi)

Die Wände sieht man nicht, nur DVDs. Es sind über 11 000. Wie Türme sind die Filme in Holzregalen übereinander und nebeneinander, bis zur Decke, bis in jede Ecke, gestapelt. Martin Tscharners DVD-Zimmer überfordert jeden, der seine Fundgrube an verfilmten Geschichten zum ersten Mal betritt. Auf der rechten Seite sind die Filme nach Genres, wie Thriller, Horror, Krimis, Disney oder Romanzen, gruppiert.

Auf der linken Seite und im Gestell in der Mitte des Kämmerchens schichten sich die DVDs nach ABC. Diese sind noch eingepackt, denn Martin Tscharner hat sie noch nicht gesehen. Der schmale Spalt zwischen der Decke und den Regalen wird von Serien geschlossen. Sie sind aneinandergereiht und bilden so eine Art Schlange.

Sitzend und auf Zehenspitzen

Nur das Fenster ganz vorne im kleinen Raum ist nicht mit DVDs zugemauert und wirft ein dumpfes Licht auf den grauen Bodenteppich. Auf der Suche nach einem bestimmen Streifen braucht man darum, auch bei sonnigem Wetter, elektronisches Licht. Bei dieser Suche sind ruhige Bewegungen mit dem Körper, viele Bewegungen mit den Augen und Konzentration gefragt. Dabei balanciert der Besucher, der eine DVD ausleihen möchte, oft auf den Zehen, um die obersten Filmtitel lesen zu können, oder hockt im Schneidersitz auf dem Boden, um auch die untersten zu checken. Martin Tscharner streift währenddessen mit seinem Finger die Stapel ab und greift nach kurzer Zeit die gewünschte DVD heraus.

Man weiss nicht, wo hinschauen

Tscharners Reich der Unterhaltung ist ein listiges Schlaraffenland für Gelangweilte: Man weiss nicht, wo hinschauen, und schon gar nicht, worauf man nun am meisten Lust hat. In diesem Fall wartet der DVD-König in seinem Wohnzimmer, bis sich der von der Wahl Gequälte doch noch für einige Exemplare entscheiden konnte. Tscharner notiert sich darauf die Titel der Filme, die der Besucher ausleihen möchte, und lässt ihn unterschreiben. So hat der 38-Jährige die Kontrolle über die DVDs, die er seinen Nachbarn, ehemaligen Schulkollegen und seinen Verwandten ausleiht.

Er selbst schaut sich nur selten zu Hause eine DVD an – etwa zweimal in der Woche am Sonntagnachmittag oder mitten in der Nacht. Tscharner arbeitet als selbständiger Eventmanager zwischen 13 Uhr und 22 Uhr. Der Sammler geht sowieso viel lieber ins Kino. «Kino ist immer etwas Spezielles, wegen der Technik, der Stimmung, den anderen Zuschauern und deren Gelächter», sagt Tscharner. So gönnt er sich wöchentlich zwei Kinobesuche. Und das, obwohl in seinem Wohnzimmer ein riesiger Flachbildschirm, DVD- und Blue-Ray-Player, zwei grosse Musikboxen und ein Flauschsofa stehen. Es sei dennoch wenig reizvoll, allein vor dem Bildschirm zu sitzen, sagt der leidenschaftliche Kinogänger.

Innerhalb von sieben Jahren

Filme zu schauen bedeutet für Martin Tscharner also, in Gesellschaft und somit unter die Leute zu kommen. Ähnlich ist es für ihn beim Filmesammeln. Gerne leiht Tscharner seine DVDs aus – umsonst. Die Menschen in seinem Umfeld freuen sich über diese Grosszügigkeit und kommen regelmässig zu ihm nach Hause, wodurch Tscharner seine Kontakte aufrechterhalten kann. Nur seine Eltern freuen sich wenig über die vielen DVDs und fragen ihren Sohn deshalb: «Wofür gibst du hier nur dein Geld aus?»

Dieser macht sich jedoch keine Sorgen um die Investitionen in seine Sammlung. Als Investor und Event-Veranstalter ist er sich nämlich gewohnt, mal mehr, mal weniger Geld zu besitzen. «Ich kann die Filme ja wieder verkaufen, wenn ich das möchte», sagt er darum gleichgültig und mit einem Schulterzucken. Und ausserdem sei die DVD-Sammlung nicht über Nacht, sondern über sieben Jahre hinweg entstanden.

Einfach ein paar Filme

Damals vor sieben Jahren hat Martin Tscharner damit begonnen, sich einzelne DVDs zu kaufen. «Ich wollte ein paar Filme haben – einfach nur, um die Langeweile zu vertreiben», erzählt er. Er habe sich nur die Streifen besorgt, die ihn interessierten. Irgendwann hat er beschlossen, sich alle Filme zuzulegen, die im Kino laufen und er je gesehen hatte. Und heute vergrössert der Angefressene seine Sammlung mit allen Filmen, die er bekommen kann, und leistet sich in der Woche durchschnittlich vierzig neue DVDs. Die meisten bestellt er übers Internet, wo er mit Abstand der beste private DVD-Käufer sei, erzählt Tscharner und ergänzt nüchtern: «Daher habe ich überall ein bisschen Rabatt.»

Kein gewöhnlicher Kunde

Für die restlichen Filme fährt der fleissige Kunde jeden Samstagnachmittag nach St. Gallen und jeden Monat einmal nach Abtwil. Dabei nimmt er immer seinen Laptop mit. Auf diesem hat er alle Titel und Namen der Regisseure der bereits gekauften DVDs gespeichert. So kann er ganz gezielt seine Sammlung erweitern, die Kontrolle behalten und Mehrfach-Käufe vermeiden.

Wer aber mit einem Laptop in einem Elektronik-Geschäft herumstöbert, das Laptops verkauft, muss mit misstrauischen Blicken rechnen – und Tscharner sogar schon fast mit einer Verhaftung: Nichtsahnend ist er mit seinem neuen Laptop vor dem DVD-Regal gestanden, plötzlich von hinten gepackt und des Laptop-Diebstahls verdächtigt worden. Seither muss er seinen Laptop immer beim Empfang identifizieren, bevor er das Geschäft betritt. Auch auf die anderen Kunden wirkt Martin Tscharner mit seinem Laptop nicht wie ein gewöhnlicher Käufer, sondern vielmehr wie ein Angestellter. «Oft halten mich die anderen Kunden für einen Verkäufer und bitten mich um Auskunft», sagt Tscharner und ergänzt mit verstecktem Stolz: «Oft kann ich tatsächlich Auskunft geben.»

Der Veranstalter

Martin Tscharner hing bis anhin seine riesige Filmesammlung nicht an die grosse Glocke. Wer nie bei ihm zu Hause gewesen sei, würde kaum von ihm erwarten, dass er eine solche DVD-Sammlung besässe. «Von mir redet man eher vom Veranstalter als vom DVD-Sammler.» Auch verfolgt Tscharner kein direktes Sammelziel: «Ich bleibe einfach immer am Ball und schaue, was gerade rauskommt.»

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