Altes Emblem neuzeitlich interpretiert

AUSSTELLUNG ⋅ «Des einen Glanz, des andern Glut», unter diesem Titel ist zeitgenössische Kunst ins Gästehaus des Klosters Magdenau eingezogen. Ab heute zeigen sechs Kunstschaffende ihre Werke, die sie mit dem kulturellen Erbe des Klosters in einen Dialog gesetzt haben.
27. Mai 2017, 00:00

Ein doppelseitiger Spiegel dreht sich um sich selbst. Er steht im Vestibül des klösterlichen Gästehauses, bringt den Raum mit seinen historischen Malereien und jene, die ihn betreten, in Bewegung. Manon hat die Installation für das Kloster hergerichtet. Die Flüchtigkeit unserer Existenz beschäftigt die in Zürich lebende St.Galler Künstlerin schon lange, doch erst im Kloster erschien ihr das Wort dazu: Vanitas – Vergänglichkeit. Im Gästezimmer des Prälaten hat sich der Berliner Künstler Jonathan Meese mit bunten Malereien, der Werkgruppe «Keine Angst Familie» eingerichtet. Klare, leuchtende Farben und abstrahierte Figuren stehen im Kontrast zu den antiken Möbeln und Gemälden aus dem klösterlichen Besitz. Nebenan zeigen Sarah Elena Müller und Birgit Kempker Fotografien und eine filmische Arbeit, die während ihres Aufenthaltes im Kloster Magdenau entstanden ist.

Zuoberst unter dem Dach, dort wo einst die Kornvorräte der Klostergemeinschaft lagerten, ist der Besucher gefordert, die Werke von Peter Dew zu entdecken. Der Brite mit Wohnsitz in St.Gallen beweist in seinen Arbeiten den Blick für kleine Dinge, an denen andere achtlos vorbeigehen. Ebenfalls auf dem Dachboden, im hintersten Bereich, zeigt Alfred Sturzenegger ausgewählte Arbeiten auf Papier. Werke, in denen das Reduzierte, Meditative den Ton angibt.

Kulturerbe im Dialog mit Gegenwartskunst

«Unius splendor, alterius ardor» – «Des einen Glanz, des andern Glut». Der Titel der Ausstellung ist einem der Embleme entlehnt, die im zweiten Stock des Gästehauses die Wände im Vestibül als Zyklus umziehen. Es sind mit kurzen Texten kombinierte Freskenmalereien. Embleme dieser Art waren im 17. Jahrhundert beliebt und dienten in ihrer allegorischen Deutung der Memorierung religiöser Lehrsätze, moralischer Verhaltensregeln und allgemeiner Lebensweisheiten.

Das Emblem «unius splendor, alterius ardor» zeigt einen Spiegel, auf den die Sonne einstrahlt. Der Spiegel steht für Eitelkeit und Selbstverliebtheit. Aber auch für Selbsterkenntnis, Wissen und Wahrheit, für das Reflektieren über sich und die Welt. Zwischen diesen beiden Polen von Verbrennen und Erkennen bewegt sich das Menschsein, und hier setzen die künstlerischen Beiträge von Alfred Sturzenegger, Manon, Jonathan Meese, Peter Dew und Sarah Elena Müller und Birgit Kempker an.

Die Ausstellung befindet sich auf drei Etagen, ausserhalb des Klausurbereichs des Klosters. Sie bietet die Möglichkeit, das Einzigartige des Frauenklosters verstärkt ins Bewusstsein der Be­völkerung zu bringen und das ­klösterliche Leben, seine Geschichte(n) und Schätze näherzubringen. Ein dichtes Veranstaltungsprogramm begleitet die Ausstellung.

Kulturraum S4 – rund um den Säntis

Die Ausstellung in Magdenau ist die erste Station der losen Reihe Kulturraum S4, initiiert und durchgeführt vom Amt für Kultur des Kantons St.Gallen. Ursula Badrutt, Leiterin der kantonalen Kulturförderung sagte an der gestrigen Präsentation der Ausstellung: «Kulturraum S4 möchte als Fortsetzung des aufgelösten Kulturraums am Klosterplatz in St.Gallen rund um den Säntis und entlang der Bahnlinie S4 dem kulturellen Erbe im Dialog mit zeitgenössischen Werken von vorwiegend Ostschweizer Kunstschaffenden vermehrte Aufmerksamkeit geben und das Bewusstsein für den kulturellen Reichtum des Kantons steigern. (ahi/pd)

Hinweis

Die Ausstellung dauert noch bis am Sonntag, 9. Juli. Öffnungszeiten: Donnerstag und Freitag 16 bis 19 Uhr, Samstag 11 bis 17 Uhr, Sonntag 14–17 Uhr.


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