In den meisten Schweizer Kantonen gibt es keine Neuinfektionen mehr, aber was ist mit den Grippetoten?

Es gibt nur noch wenige Corona-Patienten in den Spitälern. Unbekannt ist aber die Zahl der Grippetoten, weil das BAG mit dem Grippe-Screening aufgehört hat.

Bruno Knellwolf
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Gestorben wird immer. Gibt es mehr Todesfälle als in der üblichen Bandbreite spricht man von einer Übersterblichkeit. Im März und April lag die Zahl der Todesfälle bei der Altersgruppe 65 Jahre und älter deutlich über dem erwarteten Wert. In den Grossregionen der Schweiz war das aber unterschiedlich. Im Tessin war die Übersterblichkeit am frühesten, schon ab dem 9. März sichtbar und erreichte ihren Höhepunkt im April mit mehr als dem Dreifachen an der üblichen Zahl an Todesfällen. Leicht später war die Genferseeregion betroffen, wo Ende März doppelt so viele Menschen starben wie sonst.

Die anderen Regionen waren weniger betroffen, eine leichte Übersterblichkeit war aber auch in den anderen Regionen wie der Nordwest- und Ostschweiz sowie in Zürich sichtbar. Bis zum 3. Mai sind die Todesfälle überall deutlich zurückgegangen und liegen im erwarteten Bereich. Etwas oberhalb ist sie nur noch die Genferseeregion.

Wo sind die Grippetoten?

Da es auch durch die saisonale Grippe zu höherer Mortalität kommen kann, fragt sich, wo die Grippetoten aufgeführt werden. Immerhin gab es zum Beispiel im Grippefrühjahr 2015 eine zusätzliche Übersterblichkeit von 2200 Personen in der Altersgruppe der Über-65-Jährigen, wie das Bundesamt für Statistik (BfS) schreibt. Die Grippefälle werden jedes Jahr vom Bundesamt für Gesundheit durch das Sentinella-Screening erfasst. Doch Mitte März hat das BAG damit aufgehört. Aus diversen Gründen wie das BAG schreibt: «Einerseits sind die Symptome von Covid-19 und einer Influenza-Erkrankung ähnlich.» Weiter könnten Covid-19-Fälle in der Statistik der Grippe erscheinen und zudem verändere die Corona-Situation das Verhalten von Erkrankten bezüglich der Hausarzt-Konsultationen. Deshalb seien die Daten für die Grippe weniger aussagekräftig und würden nicht mehr weitergeführt.

Grippetoten bleiben unbekannt

Der Grippehöhepunkt wurde zwar im Februar erreicht, aber auch im März waren immer noch über 200 Grippeverdachtsfälle pro 100'000 Einwohner aufgetreten. Somit könnten auch Menschen an Grippe gestorben sein. Wo diese aufgeführt werden, ist nicht ausfindig zu machen. Der Grund einer momentan erhöhten Sterblichkeit müsse aus gleichzeitig vorhandenen anderen Datenquellen und klinischen Berichten erschlossen werden. Dieses Jahr liege die Ursache eindeutig bei Covid-19, schreibt das BfS. «Die Zahl der Grippetoten lässt sich nun nicht mehr klären. Ich würde es auch gerne wissen», sagt Pietro Vernazza, Chefarzt der Klinik für Infektiologie in St. Gallen dazu.

Schwieriger Vergleich mit der Grippe

Eine neue US-Studie der Harvard-Medical-School warnt vor Vergleichen von Influenza und Covid-19. In den USA seien bis Anfang Mai 65'000 Menschen an Covid-19 verstorben, so viele wie zum gleichen Zeitpunkt die Zahl der Influenza-Tote geschätzt werde. Das eine sind Covid-19-Meldungen, das andere Grippeopfer-Schätzungen, die Erhebungsmethodik unterscheide sich deshalb zu deutlich. Zudem könne noch keine richtige Aussage zur Sterblichkeit von Covid-19 gemacht werden, weil man die Todeszahlen kennt, aber nicht die Zahl der Infizierten.

Für die Schweiz mahnt auch der Epidemiologe Christoph Junker, Leiter Vitalstatistik beim BfS vor Fehlschlüssen: «Die Statistik zur Mortalitätsüberwachung zeigt die Anzahl Todesfälle ohne deren ‹Ursache›. Wir empfehlen, die Daten aus verschiedenen Quellen nicht zu kombinieren.» Die Zahl der Grippetoten bleibt also ein Rätsel.

Viele Kantone weisen keine Neuinfektionen mehr auf

Die Neuinfektionen mit dem Coronavirus gehen derweil in den meisten Kantonen gegen Null. Für den Montag hat das BAG noch 21 Neuinfektionen ausgewiesen, zuvor waren es 10. Neuinfektionen gab es am Dienstag bis 18 Uhr gemäss corona-data.ch nur noch 14: vier in Zürich, je zwei in Bern, Aargau und Solothurn, eine in Basel-Stadt, Luzern, Obwalden und Wallis. Seit Beginn der Pandemie wurden bisher 350'099 Menschen auf Sars-CoV-2 untersucht, ungefähr zehn Prozent waren positiv.

Auch in den Spitälern sind nur noch wenige Betten besetzt. In Aargauer Spitälern liegen noch sieben Corona-Patienten, in Luzern 26, in St. Gallen 8, Thurgau 7 und in Zürich 33. In der ganzen Schweiz sind es 496. Über die ganze Krisenzeit waren bisher 3906 Menschen wegen einer laborbestätigten Covid-19 Erkrankung im Spital. Davon hatten 14 Prozent keine relevanten Vorerkrankungen und 86 Prozent mindestens eine. Die drei am häufigsten genannten Vorerkrankungen bei hospitalisierten Personen waren Bluthochdruck (52%), Herz-Kreislauferkrankungen (33%) und Diabetes (23%). Bei den hospitalisierten Personen waren die drei am häufigsten genannten Symptome Fieber (66%), Husten (63%) und Atembeschwerden (40%).

Unterschiedliche Zahlen

Gemäss dem BAG traten bisher 1614 Covid-19-Todesfälle auf. Die Webseite corona-date meldet 1887 Todesfälle. «Es ist normal, dass unterschiedliche Datenquellen unterschiedliche Zahlen ergeben», sagt dazu Christoph Junker. Verantwortlich für die Unterschiede sind die unterschiedlichen Meldungstage.