Corona-Skepsis
Basler Studie zeigt: «Deutlicher Anteil» der Schweizer ist empfänglich für Verschwörungstheorien

Krisen bieten einen guten Nährboden für Verschwörungstheorien. So auch während Corona. Forscherinnen der Universität Basel legen dar, wie verbreitet die Theorien sind.

Elodie Kolb
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Die Befragten der Studie zeigten vor allem Skepsis gegenüber der Regierung und der Wissenschafter.

Die Befragten der Studie zeigten vor allem Skepsis gegenüber der Regierung und der Wissenschafter.

Christian Ohde / www.imago-images.de

«Bill Gates nutzt die Coronatests und -impfungen, um den Menschen Mikrochips zu implantieren», «Der Lockdown sollte dazu dienen, die Menschen besser zu kontrollieren» oder «Das Virus ist menschengemacht». Das sind nur drei der gängigen Verschwörungstheorien im Zusammenhang mit Covid-19, die derzeit viel Unterstützung erfahren.

Psychologinnen der Universität Basel haben nun eine Studie veröffentlicht, die zeigt, wie verbreitet diese Theorien in der deutschsprachigen Schweiz und in Deutschland tatsächlich sind: Das Forschungsteam hat im vergangenen Sommer rund 1600 Personen 49 verschwörungstheoretische Aussagen vorgelegt und befragt, ob und wie sehr sie diese befürworten. Nur ein Prozent der Befragten stimmte keiner der vorgelegten Verschwörungstheorien zu. Über die Hälfte waren mindestens teilweise der Meinung, dass das Virus menschengemacht ist.

«Die Resultate der Studie zeigen, dass ein deutlicher Anteil der Deutsch- und Schweizerdeutsch-sprechenden Menschen Verschwörungstheorien im Zusammenhang mit dem Coronavirus stark oder mindestens zu einem Teil zustimmen»,

heisst es im Artikel in der Fachzeitschrift «Psychological Medicine». Besonders viel Zustimmung erhielt die Aussage: «Die Regierung führt die Bevölkerung über den Grund des Virus in die Irre». Die Mehrheit der Teilnehmenden befürwortete die Aussage. Davon 39 Prozent «bis zu einem gewissen Grad» und 16 Prozent stark. Auch die Gründe für den Lockdown wurden thematisiert: Knapp 40 Prozent der Befragten gab an, im Lockdown vor allem ein Mittel zur Umsetzung einer Massenüberwachung gesehen zu haben. Besonders deutlich zeigt sich an den Studienresultaten die Skepsis gegenüber der Regierung, aber auch die Mehrheit gab an, den Informationen von Wissenschaftern nur teilweise bis gar nicht zu trauen.

Deutlich absurdere Theorien wie beispielsweise, dass das Virus eine ausserirdische Waffe zur Zerstörung der Menschheit sei, lehnte die klare Mehrheit ab. Auch einen Zusammenhang zwischen dem Coronavirus und der Durchsetzung des Brexits sahen nur wenige. Dasselbe gilt für antisemitische Aussagen. Dennoch gaben 14 Prozent an, mindestens Ansatzweise zu glauben, dass Juden das Virus erschaffen haben.

Verschwörungsglaube hat nicht zwingend mit Unfähigkeit zur Analyse zu tun

Überrascht habe die Psychologinnen, dass es bei den Anhängerinnen und Anhängern von Verschwörungstheorien auch «Subgruppen geben könnte, die sich durch unterschiedliche Denkprozesse charakterisieren lassen», heisst es in einer Mitteilung der Uni Basel. Man sei in der psychologischen Forschung bisher davon ausgegangen, dass der Glaube an Verschwörungstheorien mit einem geringeren analytischen Denkvermögen oder vorschnellem Schlussfolgern einhergehe. Dies habe sich aber nicht bestätigt, so Mitautorin Sarah Kuhn.

Aus diesem Grund mahnt Kuhn zur Vorsicht vor Pauschalisierungen. Dennoch hat die Studie gezeigt, dass zumindest ein Teil der Anhängerschaft von Verschwörungstheorien zu vorschnellen Schlussfolgerungen neigt und an einem Glauben festhält, auch wenn sich dieser als nichtig herausstellt.

Durch die Abfrage demografischer Daten konnten die Forschenden in Erfahrung bringen, dass vor allem jüngere Menschen mit niedrigem Bildungsstand Verschwörungstheorien Glauben schenken. Auch Menschen die zu extremen politischen Haltungen neigen, befürworten laut Studie solche Theorien vermehrt.

Theorien verbreiten sich schneller durch Digitalisierung

Die Forscherinnen der Universität Basel arbeiteten gemeinsam mit einem Forscher aus Oxford und einer Forscherin aus Lübeck. Im Vergleich zu den Antworten der Deutschen zeigten Schweizerinnen und Schweizer eine grössere Zustimmung bei spezifischen Verschwörungstheorien. Das spiegle sich auch, so die Studie, im grösseren Impfmisstrauen der Schweizer im Vergleich zu anderen europäischen Ländern wie Deutschland.

Die Geschichte zeige, dass Verschwörungstheorien oft in Krisen Aufschwung erhalten. Mit der zunehmenden Digitalisierung verbreitete sich zudem Falschinformation viel leichter, schneller und weiter. Vor der Pandemie habe etwa 20 Prozent der Bevölkerung an gängige Verschwörungstheorien wie die vorgetäuschte Mondlandung geglaubt, heisst es in der Studie.

Die Autorinnen und Autoren gehen davon aus, dass der Glaube an Verschwörungstheorien im Zusammenhang mit dem Coronavirus dazu führe, dass das eigene Verhalten weniger auf die Eindämmung des Virus ausgerichtet ist, weswegen sie es für wichtig erachten, diesem Phänomen auf den Grund zu gehen.

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