Klangbasel 2020

«Sieben Minuten warten ist eine Ewigkeit»

Am Klangbasel lädt ein Rockorchester zur Musikmeditation. Marlon McNeill über seine Vision und die Anforderungen an das Publikum.

Stefan Strittmatter
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Marlon McNeill (rechts) und Miro Widmer von Combineharvester bilden den Kern des Orchesters.

Marlon McNeill (rechts) und Miro Widmer von Combineharvester bilden den Kern des Orchesters.

Zur Verfügung gestellt

Der in England geborene Basler Musiker Marlon McNeill bewegt sich abseits des Mainstream: Als Sänger und Gitarrist von Combineharvester lotet er die Grenzen des Rock aus und seit 2003 betreibt er mit A Tree In A Field ein eigenständiges Label. Im Rahmen des Musikfestivals Klangbasel inszeniert McNeill am Samstag seine Komposition «Some Ditty, a Mountain III» erstmals als Orchesterwerk.

Sie haben 30 Musikerinnen und Sänger zusammengetrommelt. Verwirklichen Sie sich damit einen Traum?

Marlon McNeill: Das Stück entstand vor zehn Jahren für eine Duo-Besetzung. Nun ist uns, dem Schlagzeuger Miro Widmer und mir, der kollektive Aspekt dieses Projektes enorm wichtig. Entsprechend scheue ich mich, im Zentrum zu stehen, etwa hier in diesem Gespräch.

Aber es ist Ihre Vision.

Das stimmt, die ist aber so ausgelegt, dass alle Beteiligten daran teilhaben können. Miro und ich haben das Glück, dass fast alle Musiker, die wir uns wünschten, zusagten. Bei der ersten Probe habe ich das Geschehen anfänglich vom Rand aus beobachtet. Aber ich musste merken: Mit nur drei Proben braucht es jemanden, der das Ganze etwas lenkt – auch wenn mir das zuwider ist.

Wie studiert man ein solches Werk in so kurzer Zeit ein?

Die Musiker haben Aufnahmen der Bandversion bekommen. Aber es war dann doch ein Herantasten und ein Heranführen: Miro und ich mussten uns auch mit unseren Rollen zurechtfinden. Wir haben übrigens kaum Musikvokabular verwendet, sondern Begriffe wie «Loslassen» oder «Zeitnehmen».

Eine Art Musikmeditation?

Genau mit diesem Begriff haben wir uns auch gefunden. Und damit hat es dann in der Probe Klick gemacht. Es geht darum, einen Raum zu schaffen, in dem man Raum und Zeit vergisst.

Das müssen Sie erklären.

In der Duo-Version dauert das Stück jeweils rund eine halbe Stunde. Nach den Konzerten werden wir aber oft gefragt, wieso wir nach zehn Minuten aufgehört hätten. Im besten Fall taucht das Publikum ein und vergisst die Zeit.

Und die Musiker?

Für sie besteht die Herausforderung darin, loszulassen, aber dennoch wach zu bleiben. Das Stück hat zwar lange repetitive Stellen, aber auch deutliche Brüche, die alle erwischen müssen.

Das Konzert findet im ­Stadtcasino statt. Wie entscheidend ist der Raum?

Enorm. Gerade bei einem Stück wie diesem, das im Original sehr laut ist. In diesem Saal zu spielen, ist ein Geschenk. Man muss sehen: Der Raum ist nicht geschaffen für diese Art von Musik.

Machen Sie Zugeständnisse an die Akustik?

Wir spielen bewusst leiser. Der Nachhall wird bei den Gitarren und Stimmen funktionieren, denke ich. Wie es sich bei zehn Schlagzeugen verhält, wissen wir aber erst an der Hauptprobe.

Klangbasel steht im Zeichen des Crossover. Warum haben Sie keine klassischen Instrumente eingebaut?

Wir haben kurz mit Celli geliebäugelt. Und die Orgel des Musiksaals wäre auch verlockend. Aber wir haben uns dann doch auf Stimmen, Gitarren und Drums beschränkt. Der Crossover entsteht aus dem Zusammenspiel von Instrumentierung und Räumlich­keiten.

Soll der Konzertbesucher etwas mitbringen?

Es hilft sicher, wenn man eine gewisse Toleranz und Bereitschaft hat, sich einem Erlebnis auszusetzen, das auch weh machen kann.

Damit meinen Sie aber eben nicht die Lautstärke?

Nein. Ich meine die Dauer und die streckenweise Ereignislosigkeit. Meine Erfahrung mit diesem Stück ist, dass es eine Grenze gibt bei rund sieben Minuten. Bis dahin fällt es schwer, die Monotonie auszuhalten, dann passiert etwas.

Sieben Minuten scheinen nicht sonderlich lange.

Oh doch! Sieben Minuten aufs Tram warten, ohne Buch oder Handy, ist eine Ewigkeit. Das kann für manch einen schon qualvoll sein.

Und was passiert, wenn man diese Hürde geschafft hat?

Dann kommt man aus dem ­Warten heraus. Das ist natürlich individuell verschieden, ich kann hier nicht die Erleuchtung versprechen. Aber es passiert etwas mit einem. Am besten kommt man frei von Erwartung ans Konzert. Der Rest ergibt sich von selbst.

Combineharvester Orchester
Stadtcasino Basel. Samstag,
12. September, 23 Uhr.

Klangbasel 2020 ausgedehnt

Das Basler Musikfestival Klangbasel hat sich seit seiner Gründung 2013 zum Ziel gesetzt, alle zwei Jahre die «vorhandene ­musikalische Kraft und Vielfalt» der Region zu bündeln. In der Vergangenheit resultierte das in jeweils rund 100 Konzerten an drei Tagen. So steht es auch jetzt noch auf der Homepage. Doch im Coronajahr ist alles anders. So präsentiert sich Klangbasel 2020 in die Länge gezogen – mit einzelnen Events, die bis in den Mai 2021 reichen.

Den Auftakt macht am Samstag, 12. September, ein fulminanter Abend im Stadt­casino, bei dem neben der Premiere des Combineharvester Orchester ein dreistündiger Beethoven-Marathon mit dem La Cetra Barockorchester und dem Sinfonie­orchester Basel ­geboten wird. Am 17. September trifft Jazz auf Experimental und am 22. Oktober Videoart auf Blues und Jodel.

Das vollständige Programm:
www.klangbasel.ch