Öffentlicher Verkehr
Viele haben das Jahres-U-Abo noch nicht gelöst: Tarifverbund wegen Corona im Schlamassel

30 Prozent weniger Fahrgäste, 20 Prozent tiefere Einnahmen durch den Verkauf von U-Abos und Einzeltickets. Der Tarifverbund Nordwestschweiz (TNW) blickt auf ein Horrorjahr 2020 zurück. Und das laufende 2021 wird kaum besser.

Laura Pirroncello und Hans-Martin Jermann
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Der Tarifverbund Nordwestschweiz transportierte 2020 deutlich weniger Fahrgäste als im Vorjahr.

Der Tarifverbund Nordwestschweiz transportierte 2020 deutlich weniger Fahrgäste als im Vorjahr.

TNW

Die Coronapandemie schlägt auch beim Tarifverbund Nordwestschweiz (TNW) voll durch: 2020 sanken die Einnahmen gegenüber dem Vorjahr um 49,5 Millionen Franken (oder 20,2 %) auf 195,7 Millionen. Noch stärker abgenommen hat die Zahl der transportierten Fahrgäste, und zwar um 30,9 Prozent auf 168 Millionen. 22,2 Millionen Einnahmen gingen gegenüber 2019 bei den Abos verloren. Dies vor allem, weil während der Pandemie Monats-U-Abos nicht erneuert wurden. Stabilisierend wirkte sich hingegen laut TNW-Geschäftsführer Adrian Brodbeck die Tatsache aus, dass viele ÖV-Pendler zum Jahreswechsel 2019/2020 – also noch vor Ausbruch der Pandemie – ein Jahres-U-Abo lösten und dieses auch später nicht zurückgaben.

Eingebrochen ist 2020 der Verkauf von Einzeltickets, Mehrfahrten- und Tageskarten. Hier verlor der TNW gegenüber Vorjahr 27,3 Millionen Franken – also noch mehr Geld als bei den Abos. Und dies, obwohl die Einzelticketverkäufe nicht mal ein Drittel des TNW-Geschäfts ausmachen. Mit einem Minus von 61 respektive 79 Prozent waren die Verluste in den Lockdown-Monaten März und April 2020 am höchsten.

Viele Jahres-U-Abos wurden noch nicht erneuert

Insgesamt blickt Brodbeck 2020 auf zwei gute Monate (Januar und Februar), vier einigermassen normale (Juni bis September) und sechs schlechte (März bis Mai sowie Oktober bis Dezember). Für 2021 erwartet er ein ähnlich schlechtes Jahr. «Die ersten fünf Monate 2021 lagen einnahmenmässig weit unter den Vergleichsmonaten vor Corona.» Negativ wird sich 2021 die Tatsache auswirken, dass die Erneuerungsphase für die Jahres-Abos auf den Lockdown in der zweiten Welle mit Homeoffice-Pflicht und geschlossenen Läden gefallen ist. «Bis heute haben Viele im berufstätigen Alter ihr Jahres-Abo nicht erneuert», räumt Brodbeck ein. Auch wenn sich ab Sommer die Situation entspannen werde, könne das aufgelaufene Minus nicht mehr aufgeholt werden.

Wohl erst im 2024 wird der TNW bei den verkauften Abos wieder Vor-Corona-Niveau erreichen. Wichtig sei, dass die Kantone als Antwort auf die tieferen Fahrgastzahlen nun nicht das Angebot abbauen. «Das würde eine gefährliche Abwärtsspirale im ÖV in Gang setzen», warnt Brodbeck. Das Bevölkerungswachstum und die robuste Verfassung der regionalen Wirtschaft würden post-Covid wieder zu einem Anstieg der Fahrgastzahlen und Aboverkäufe führen.

Den Negativ-Trend mit Ausweitung des U-Abo-Gebiets brechen

Bremsend wirkt hingegen der seit längerem spürbare Trend hin zu Velo und E-Bike im Stadt- und Agglomerationsverkehr. Dieser akzentuiert sich durch Corona. Als Antwort auf abnehmende Abozahlen hat der TNW das Gültigkeitsgebiet des U-Abo ausgeweitet, dies ohne Preiserhöhung. Mitte Dezember 2019 startete der zweijährige Probebetrieb der gegenseitigen Abo-Anerkennung mit dem Regio Verkehrsverbund Lörrach (RVL). Dieses neue Angebot werde sehr positiv aufgenommen, habe aber wegen der Pandemie noch nicht seine vollständige Wirkung entfalten können, sagt Brodbeck. Deshalb würden nun ähnliche Kooperationen fürs U-Abo auch mit Saint-Louis Agglomération entwickelt.

Wer ein Monats-U-Abo besitzt, wurde für das Jahr 2020 mit zwei Tageskarten oder mit einer Verlängerung des Jahresabos um 15 Tage entschädigt. Nach Angaben des TNW werde der grösste Teil dieser Verlängerungen in diesem Jahr nun gewährt. Dies führt allerdings dazu, dass Rückstellungen von über 2,1 Millionen Franken notwendig sind. Dadurch wird das Jahresergebnis von 195,7 Millionen Franken auf 193,6 Millionen gedrückt.