Kunstvermittlung
Schöne neue Welt in der Fondation Beyeler: Mit «Animal Crossing» ins Museum

Auf der virtuellen «Beyeler Island» feiert die Sammlung zumindest für Gamer des Verkaufsschlagers «Animal Crossing» ihre Wiedereröffnung. Ein Museumsbesuch der etwas anderen Art.

Tanja Opiasa-Bangerter
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Die «Beyeler Island» im beliebten Spiel «Animal Crossing».

Die «Beyeler Island» im beliebten Spiel «Animal Crossing».

Bild: zvg/Fondation Beyeler

Die Destination «Beyeler Island» ist in Sichtweite. Der Helikopter landet auf dem Bootssteg. Ein Fähnchen weht im Wind. Das bedeutet Inselfeeling auf dem Screen und eine Spur Wehmut für uns an der Switch – der erweiterten Version des altbewährten Nintendo-Computerspiels. Schliesslich liegt die letzte Reise eine Weile zurück. Wir drücken auf der Steuerung nach links. Honey, der Beyeler-Avatar mit Smileygesicht, geht unbeschwerten Ganges einige Schritte.

«Hier empfängt Honey Freunde und lädt sie ins Museum ein», sinniert die Assistentin für digitale Kommunikation, Pati Grabowicz, die seit letztem Sommer in den Schaffensprozess der Insel involviert war. Gemeinsam mit den jugendlichen Teilnehmern des hauseigenen Kunstvermittlungsprogramms Art Lab hätten die Verantwortlichen damals nach neuen Wegen der Kunstvermittlung gesucht. In einem Brainstorming sei man schliesslich auf das angesagte Computerspiel «Animal Crossing» aufmerksam geworden, erinnert sich Grabowicz.

Fabelwelt mit Potenzial

Die virtuelle Fabelwelt, in der die Spieler einen Avatar von sich selbst kreieren und mit ihm ein idyllisches Fleckchen Erde kultivieren, hat seit seiner Markteinführung 2020 eine treue Community aus allen Altersklassen gefunden. Auch politische Proteste seien bereits in die Welt von «Animal Crossing» verlegt worden. Und der italienische Designer Valentino stellte seine Kollektion an den liebenswerten Figürchen vor.

«Wir freuen uns, dass wir das Museum im zweiten Lockdown auf diese Weise virtuell öffnen können», betont der Leiter digitale Kommunikation, Julian Mintert. Das New Yorker Museum of Modern Art und das Getty Museum in Los Angeles hätten vorgelegt, man sei jedoch das wohl einzige europäische Museum in «Animal Crossing».

Das Prinzip des Simulationsspiels, das eine Art Parallelleben in Echtzeit ermögliche, eigne sich für die Nachbildung eines Onlinemuseums, ergänzt Grabowicz. Im Gegensatz zu den virtuellen Rundgängen, die man auch anbiete, sei im Spiel soziale Interaktion möglich. Und die werde durch die Pandemie immer mehr erschwert, betont die 28-Jährige.

Per Chatfunktion können sich die Spieler unterhalten und in einer Gedankenblase ihre Gefühle mitteilen, erklärt Grabowicz und zeigt auf den Bildschirm. Sie wählt dem staunenden Honey, der soeben vor einem unberührten Fleckchen Schnee steht, eine fragende Sprechblase aus.

Der Snowman, ein im November letzten Jahres installiertes Kunstwerk von Fischli/Weiss, fehlt aktuell – «wir bauen ihn regelmässig nach, da er wegschmilzt», erklärt Grabowicz. Das zeitnahe Design ermöglicht es, reale Veränderungen auch online zu visualisieren. Wir machen mit Honey Halt vor der charakteristischen Südfassade in Renzo-Piano-Optik. Aus der Vogelperspektive wechseln wir in eine frontalere Sicht und lassen diese einen Moment auf uns wirken.

Wohlfühlfaktor statt Shooter-Game

An der möglichst originalgetreuen Gestaltung habe man lange gearbeitet, kommentiert Grabowicz und erklärt, wie aus einer Drohnenaufnahme des Museumsgebäudes die Umrisse des virtuellen Pendants gestaltet worden seien. Besonders die Glastreppe, die beide Ebenen des Gebäudes miteinander verbindet, hätte die Verantwortlichen herausgefordert. Mit Tonja van Rooij sei ihnen eine erfahrene Gameexpertin mit Rat und Tat zur Seite gestanden, sagt Grabowicz.

Über das verschneite Gras zieht es uns weiter in Richtung Eingang. Honey, der seine Bienen-Erscheinung laut den Verantwortlichen den Art-Labern verdanke und in Anlehnung an den Nachnamen der Museumsgründer Ernst und Hildy Beyeler gewählt wurde, spaziert über die Backsteinbrücke. «Da wurde viel Wert darauf gelegt, dass sie dem Originalfarbton der Museumsfassade möglichst nahekommt», betont Grabowicz.

Ein wenig erinnert der Rundgang an Science-Fiction-Filme, in denen man reales Erleben durch künstliches ersetzt. «Es ist eine liebevolle Welt», schwärmt Grabowicz und betont, wie man sich im Gegensatz zu Shooterspielen in eine Wohlfühlwelt flüchten könne.

Das virtuelle Museum kann man mit einem Avatar besuchen.

Das virtuelle Museum kann man mit einem Avatar besuchen.

Bild: zvg/Fondation Beyeler

Einen Anflug später ist Honey unterdessen im Foyer eingetroffen. Wir verharren einen Moment lang vor der grossen Fassung von Auguste Rodins «Denker». Im Spiel sei die 1903 erschaffene Skulptur schwer zu ergattern und müsse eigens durch einen Kunsthändler auf die Insel verschifft werden.

«Denker» mit Kultstatus

Der «Denker» geniesse in der Fondation Beyeler nicht nur bei «Animal Crossing»-Gamern Kultstatus. Seit der Einführung des «Denker»-Filters stehe er auch auf Instagram zur freien Verfügung. Er werde rege genutzt, sagt Grabowicz und zeigt uns einige eingesandte Screenshots. Zu sehen ist der Denker auf dem Bücherregal eines Baslers im Homeoffice, auf dem stillen Örtchen oder in der Innenstadt.

Zurück zu Honey, der soeben vor Piet Mondrians «Tableau No 1» ein Selfie schiesst und sich mit Blick auf Ernst Matisses «Nu Bleu» auf eine Sitzbank setzt. Ins vereinfachte Design habe man nur abstrakte Werke integrieren können, erklärt Grabowicz. «Bei Claude Monets ‹Nympheas› kamen wir an eine Grenze», sagt sie. Und auch bei der Gestaltung der Räume sei man auf eine Vorlage beschränkt.

Vorbei an Kasimir Malewitschs «Suprematistischer Komposition» gelangen wir in den nächsten Raum. «Da steht das Bett», erklärt Grabowicz und fügt an: «Die Bewohner können das Museum im Spiel nur im Traum besuchen.» Was für eine Ironie, dass es ihren Machern seit Monaten gleich ergeht.

«Beyeler Island», www.fondationbeyeler.ch
Koordinaten in «Animal Crossing»: DA-8144-8773-0219