Kunst
Sandra Knecht stellt in Zeglingen aus: Die Angriffslust der Truthähne und der lange Schatten Babels

Wie viel Diversität verträgt eine Gesellschaft? Und ist die Vielsprachigkeit tatsächlich eine Strafe Gottes? Konzeptkünstlerin Sandra Knecht seziert diese Fragen in Form einer Ausstellung und eines Buchs.

Lucas Huber
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Konzeptkünstlerin Sandra Knecht bei ihren Hühnern in Buus.

Konzeptkünstlerin Sandra Knecht bei ihren Hühnern in Buus.

Nicole Nars-Zimmer

Einen passenderen Ort für diese Ausstellung gibt es schlichtweg nicht. Dort das historische Babel, das Menschenzerwürfnis durch Sprachenvielfalt. Hier das aktuelle Babel, das Menschenzerwürfnis durch soziale Differenzen wie Stadt und Land, wie konservativ und grün. Der Ort, von dem hier die Rede ist, ist das Hofgut Mapprach in Zeglingen. Hier werden nicht nur Rinder gemästet und also Landwirtschaft betrieben; Mapprach ist auch ein Ort der Kultur.

In diesem stellt die weitum geschätzte Künstlerin Sandra Knecht ab Samstag aus. Obwohl der Begriff der Künstlerin natürlich viel zu kurz greift. Vor allem als Köchin hat sie sich einen Namen gemacht, ihr «Chnächt» im Basler Hafenareal war legendär. Knecht filmt aber auch und fotografiert, sie inszeniert, und neuerdings schreibt sie auch, dazu später mehr.

Und Sandra Knecht konzeptioniert. Was sie schafft, das soll nicht gefallen, sondern aufwühlen; das soll nicht entzücken, sondern wachrütteln – und das soll nicht zum Konsum, sondern zum Nachdenken anregen. Und so ist auch ihr neuestes Projekt «Babel» gemeint. Aus dem babylonischen Turm, den sie ursprünglich bauen wollte, ist nunmehr zwar eine Voliere geworden. Babylonisch wird es trotzdem.

Angriffslust in der Voliere

In Anlehnung an die einstigen Völkerschauen, die etwa der Circus Knie bis 1964 in seinem Programm führte, bringt Sandra Knecht in der riesigen Voliere nämlich Vögel zusammen, Hühner etwa und Tauben, aber auch Wildvögel. Auch Truthähne waren vorgesehen, doch denen war nichts wichtiger als dem Perlhuhngockel nach dem Leben zu trachten. Wenn Knecht mit ihrer «Sozialen Skulptur» nun die zentrale Frage stellt, wie viel Diversität eine Gesellschaft verträgt, dann hat die Angriffslust der Truthähne eine erste Antwort noch vor der Vernissage am Samstag Nachmittag gegeben.

Apropos Angriffslust: Zur Vorbereitung ihres Kunstprojekts hielt Sandra Knecht Perlhühner auf einem kleinen Stückchen Land am Rand von Buus, in dessen Dorfkern sie wohnt und wirkt. Es dauerte nicht lange, ehe ein Nachbar Anzeige wegen Ruhestörung erstattete: Die Hühner, von Natur aus tatsächlich nicht die leisesten, seien zu laut, und was erlaube sie sich als Städterin überhaupt. «Dabei bin ich ein Landei, das in einem Kuhstall viel besser zurechtkommt als in einem Tram.»

Gedankengänge zur Konzeptkunst

Es war mitunter diese Entwicklung, die Sandra Knecht bewog, zur Ausstellung «Babel» ein schriftliches Begleitdokument in Form eines Buches zu verfassen, das ebenfalls «Babel» heisst. Darin finden sich nicht nur minutiös austarierte Gedankengänge dazu, wie Knechts Konzeptkunst entsteht. Babel etwa entwickelte sich über mehr als zwei Jahre. Auch der Mailaustausch mit dem – natürlich anonymisierten – Nachbarn fand Eingang.

Auch darin wirft sie unbequeme Fragen auf. Und gibt auch Antworten. Eine Erkenntnis, die sie für sich gefunden hat, formuliert sie so: «Ich staune, was für ein Aufruhr meine Hühner verursachten, die zusammen nicht mehr als drei Kilo wiegen, während die Welt brennt und in den Fluten versinkt.» Das ist dieses Unbequeme, das Herz und Hirn ihres Schaffens ist, der Lichtkegel, den sie aufs eigentlich Offensichtliche lenkt.

Warum sie das gerade mit Hühnern macht, läge aus ihrer Sicht auf der Hand: «Mit Hühnern lässt sich so viel so gut erklären.» Die babylonische Vielsprachkeit, die ja vielleicht gar keine Strafe Gottes ist, sondern ein Segen? Und es lassen sich so viele menschliche Probleme veranschaulichen. Das Soja, das die Tiere fressen, gedeiht, wo Regenwald dafür gerodet wurde. Ausserdem steht das Huhn – im Gegensatz zum Rind etwa – in direkter Futterkonkurrenz zum Menschen. Noch so eine unbequemer Lichtkegel.

Ausstellung «Babel» von Sandra Knecht.
Im Park des Hofguts Mapprach, Zeglingen.
Bis 19. September 2021, Vernissage Samstag um 15 Uhr, geöffnet jeweils von Freitag bis Sonntag, Führungen jeweils samstags um 14 Uhr.
www.mapprach.ch
Sandra Knechts Buch «Babel» liegt etwa im Bistro Cheesmeyer in Sissach auf, wo am Samstag ebenfalls eine Installation der Künstlerin enthüllt wird.
www.sandraknecht.ch

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