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«Ich kann verstehen, dass die Achtziger etwas ernüchtert waren»: Ueli Mäder zu Anfang und Ende der Periode

Die Jugendbewegung der Achtzigerjahre hat in Basel ihre Spuren hinterlassen. Sichtbar sind sie zwar kaum mehr, da von der bürgerlichen Gesellschaft teils gewaltsam entfernt. Was aber geblieben ist, sind Lebensformen, Ideen zur Stadtentwicklung und politische Einflussnahme. Eine Spurensuche mit zwei Experten.

Ayse Turcan, Patrick Marcolli
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Abbruch des Basler AJZ an der Hochstrasse im Jahre 1981.

Abbruch des Basler AJZ an der Hochstrasse im Jahre 1981.

Claude Giger

Herr Behringer, Sie haben Ihre Masterarbeit in Geschichte der Basler Achtziger-Jugendbewegung gewidmet. Warum sollte man sich heute damit noch beschäftigen?

Yannick Behringer: Für mich war es interessant zu sehen, welchen Einfluss die Achtziger-Bewegung bis heute in verschiedenen Bereichen hat. Man versteht die heutige kulturelle und politische Landschaft von Basel viel besser, wenn man weiss, was in den Achtzigern in Basel passiert ist.

Wo ist dieser Einfluss am besten sicht- und spürbar?

Yannick Behringer: Die Forderung nach Freiräumen war ein zentrales Anliegen der Bewegung. Auf einer kulturellen Ebene ist daraus sehr viel entstanden. Als erstes Experiment nach dem AJZ von 1981 entstand fünf Jahre später die Stadtgärtnerei, danach das Schlotterbeck-Areal und es folgten weitere Experimente dieser Art. Heutige Zwischennutzungen sind kommerzialisierter, aber man kann sie immer noch als Freiraum betrachten. Und gleichzeitig gibt es in Basel weiterhin besetzte Häuser, in denen viel Kulturelles entsteht. Auch auf der politischen Ebene ist der Einfluss nach wie vor spürbar. Viele Personen, die damals aktiv waren, vertreten heute ähnliche Ansichten. Ein hoher Anteil der von mir Befragten ist immer noch politisch aktiv.

Sehen Sie das ähnlich, Herr Mäder?

Ueli Mäder: Als Soziologe finde ich grundsätzlich alles interessant, was in der Gesellschaft passiert. Die Achtziger waren eine soziale Bewegung, es waren vorwiegend Jugendliche, die sich widerständig verhalten haben. In einem politischen Umfeld, das sich eher in eine andere Richtung entwickelte: In den Achtzigerjahren hat ein Paradigmenwechsel stattgefunden. Ein geldgetriebenes Verständnis hat das politisch liberale überlagert. In den Achtzigern hat die Ökonomisierung stark zugenommen und Freiräume eingeschränkt. Das hat dann unter Jungen zu einer höheren Widerständigkeit und teilweise auch zu einer konsequenten Ablehnung des Systems geführt.

Abbruch des Basler AJZ an der Hochstrasse im Jahre 1981.

Abbruch des Basler AJZ an der Hochstrasse im Jahre 1981.

Claude Giger

Könnte man aus Ihrer Sicht sagen, dass die Achtziger-Bewegung eine Art verspätetes Nachholen der 68er-Bewegung darstellen, die sich in Basel nicht so stark manifestierte?

Mäder: Überhaupt nicht - 68 hat stattgefunden, mindestens so intensiv wie die Achtziger-Bewegung. Die Bewegungen waren eigenständig, in einzelnen Bereichen ähnlich, in anderen unterschiedlich – ich wäre zurückhaltend mit einer Interpretation, dass das eine aus dem anderen entstanden ist. Gesellschaften und soziale Bewegungen wandeln sich vielfältig, nie linear.

Behringer: Ich sehe das ähnlich. Die Achtziger-Bewegung wurde sicherlich von den vorangegangenen sozialen Bewegungen beeinflusst, viele der Bewegten hatte ihre ersten politisierenden Momente bereits gemacht. 1968 herrschte vielleicht noch stärker eine Aufbruchsstimmung. Die Achtziger-Bewegung hatte etwas Destruktiveres an sich, aus «Love and Peace» wurde «No Future». Und schliesslich hat jede Bewegung auch eine spezifische regionale Komponente.

Was war denn die spezifische regionale Komponente der Achtziger in Basel? Wo hat sich die Bewegung vielleicht auch von derjenigen in Zürich oder anderen Städten unterschieden?

Mäder: Einen grossen Unterschied zu anderen Städten, beispielsweise zu Zürich, sehe ich nicht. Auch dort hat sich die Bewegung zunächst auf die AJZ konzentriert und dann auf weitere Lebensbereiche ausgeweitet. Mit wichtigen Vernetzungen zu Umwelt-, Frauen-, Friedens- und Solidaritätsbewegungen. So etwa zur sandinistischen Revolution in Nicaragua.

Wer waren die Achtziger in Basel und wofür standen sie?

An dieser Stelle werden in den nächsten Wochen Themen und Protagonisten der damaligen Jugendbewegung vorgestellt. Weitere Artikel dieser Serie haben wir für Sie am Ende des Textes verlinkt.

Behringer: Ich würde auch eher Parallelen als Unterschiede zwischen Zürich und Basel betonen. So gab es grosse Ähnlichkeiten in Bezug darauf, wie die AJZ funktioniert haben, obwohl sich in Zürich noch mehr Aktivitäten draussen abgespielt haben. Das Thema Heroin war in beiden Städten äusserst präsent.
Mäder: Wenn man sich anschaut, was aus den Freiraum-Bewegungen heraus entstanden ist, da ist in Zürich wie in Basel viel Ähnliches passiert. Manchmal geht vergessen, dass sich auch in Zürich dank der Achtziger-Bewegung früh neue Genossenschaften und eine soziale Ökonomie mit handwerklichen und andern Betrieben entwickelten.

Behringer: Auch mit Bern verbindet Basel eine grosse Gemeinsamkeit. In beiden Städten haben sich Quartiere entwickelt, die stark von der Achtziger-Subkultur geprägt sind. In Basel ist es das Klybeck-Quartier mit der Tiki-Bar, der Klybeckgenossenschaft und dem Platanenhof. Das sind Orte, wo sich Ex-Bewegte bis heute treffen und austauschen. In Bern ist es das Lorraine-Quartier.

Zwei Generationen

In einer kleinen Serie hat sich diese Zeitung in den vergangenen Wochen verschiedenen Aspekten der Basler Jugendbewegung in den achtziger Jahren gewidmet. Das Interview mit dem Historiker Yannick Behringer und dem Soziologen Ueli Mäder rundet die Beiträge ab. Behringer (28) hat an der Uni Basel Geschichte und Soziologie studiert und in seiner Masterarbeit mithilfe von Oral-History die Achtziger-Bewegung in Basel untersucht. Der Soziologe Ueli Mäder (69) hat sich ausführlich der 68er-Bewegung gewidmet, in der er sich auch engagiert hat. In den achtziger Jahren leitete er eine Entwicklungsorganisation. Danach arbeitete er als Soziologe an der Hochschule für Soziale Arbeit und den Universitäten Fribourg und Basel. (map)

Wer hat denn mitgemacht bei der Achtziger-Bewegung? Zogen die AJZ eher Leute aus der Stadt, oder auch solche aus umliegenden Gemeinden an? Waren es rebellierende Kinder des Bürgertums oder eher solche aus der Arbeiterklasse?

Behringer: Die soziale Zusammensetzung war sehr durchmischt. Einige kamen aus bürgerlichen Familien, andere aus sehr einfachen Verhältnissen. Was sie alle verband, war, dass ihr Aktivismus einen Ausbruch darstellte. Sei dies aus ärmlichen oder zerrütteten Familienverhältnissen, sei dies aus den als einengend empfundenen bürgerlichen Wertekonzepten. Auch Personen vom Land waren in der Basler Bewegung aktiv, gleichzeitig existierten aber auch auf dem Land Hotspots wie das Palazzo in Liestal.

Mäder: Auch in meiner Jugend gab es Treffpunkte auf dem Land. Ich habe bis 1967 in Sissach gelebt, da gab es damals bereits eine alternative Szene. Die wurde in Basel etwas ignoriert, war aber sehr lebendig. Auch bei der 68er-Bewegung lehnte man sich gegen autoritäre Gefüge auf. Es herrschte eine grosse soziale Kontrolle und das Ausbrechen daraus war ein wichtiger Impetus – für Kinder unterschiedlicher sozialer Herkunft. Bei den 68ern gibt es dieses Klischee, dass das alles Kinder aus privilegierten, bürgerlichen Familien waren - die gab es auch, ja, aber viele stammten auch aus einem einfachen, mittelständischen Milieu.

Ich kann verstehen, dass die Achtziger etwas ernüchtert waren.

(Quelle: Ueli Mäder, Soziologe)

Das klingt ja, als wären sich die beiden Bewegungen sehr ähnlich gewesen. Lag denn der einzige Unterschied in der Perspektive auf die Zukunft? 1968 noch optimistisch, 1980 hiess es dann «No Future»?

Mäder: Nein, es gab viele Unterschiede. Die 68er-Bewegung war inhaltlich eher breiter aufgestellt und bald stärker institutionalisiert. In meiner Wahrnehmung hatte aber die Jugendbewegung in den Achtzigerjahren tatsächlich weniger Zuversicht als bei der vorherigen Generation. In meiner Jugend sangen die Beatles noch «It’s Getting Better All the Time». Die wirtschaftlichen und politischen Strömungen der achtziger Jahre wie etwa der Thatcherismus in England und die Reaganomics in den USA, das war ein schwieriges Umfeld. Mit Fichen-Affären, Kontrollen bis unter die Bettdecke und rechtsbürgerlichen Kreisen, die soziale Teile des Staates aushöhlen wollten: Ich kann verstehen, dass die Achtziger etwas ernüchtert waren.

Waren die Achtziger stärker ökologisch geprägt als die 68er?

Behringer: Das spielte definitiv eine grosse Rolle. Viele Bewegte, die im AJZ aktiv waren, wurden in der Anti-AKW-Bewegung politisiert. Einige nahmen im Alter von dreizehn oder vierzehn Jahren in Kaiseraugst 1975 zum ersten Mal in ihrem Leben an einer Demonstration teil.

Mäder: Und ich würde auch sagen, dass die zwei Katastrophen von Tschernobyl und Schweizerhalle 1986 einen Antrieb für ökologische Themen gaben.

Was ist den ehemaligen «Bewegten» von dieser Zeit geblieben?

Behringer: Es war für alle, mit denen ich gesprochen habe, eine äusserst prägende Zeit. Alle von mir Befragten gaben dieser Zeit einen hohen Stellenwert innerhalb ihrer Biografie. Einige haben mit den damaligen Überzeugungen und Ideen gebrochen, die Mehrheit meiner Interviewpartner vertritt aber heute ähnliche Ideen wie vor vierzig Jahren. Zwei sind bis heute politisch aktiv und vertreten eine Agenda, auf der viele Themen der Achtziger stehen.

Hat der berühmte «Gang durch die Institutionen» tendenziell weniger stattgefunden als bei den 68ern, von denen ja viele in einflussreiche Positionen in Politik und Wirtschaft gelandet sind?

Behringer: Ja. Von den Personen, die ich befragt habe, gab es drei berufliche Felder, die überdurchschnittlich vertreten waren: Das sind einerseits Sozial- und Pflegeberufe. Interessant ist, dass viele dieser Personen, vor allem Frauen, sich schon im AJZ um Drogenabhängige gekümmert haben. Ansonsten sind viele in Politik oder Kultur gelandet.

Mäder: Wobei es ja gerade im kulturellen Bereich einige Achtziger gibt, die viel Erfolg hatten. Und ja, aus der 68er-Bewegung gibt es ein paar Personen, die im Rampenlicht stehen wegen diesem «Gang durch die Institutionen». So viele sind es aber gar nicht. Viele hatten später beruflich viel Mühe und litten beispielsweise unter Berufsverboten.

Die Verbreitung alternativer Wohnformen ist sicher ein Überbleibsel.

(Quelle: Yannick Behringer, Historiker)

Ueli Mäder hat 2018 ein Buch mit dem Titel «68 – was bleibt» veröffentlicht – was blieb in Basel von den Achtzigern, abgesehen von Zwischennutzungen?

Behringer: Die Verbreitung der alternativen Wohnformen ist ein Überbleibsel. Viele ehemalige Bewegte wohnen weiterhin in Wohngemeinschaften. Die wurden heute teils in Genossenschaften überführt. Ich würde auch sagen, in manchen Bereichen wird weiterhin gekämpft, etwa wenn es um günstigen Wohnraum geht. Diesbezüglich würde ich behaupten, dass seit den Achtzigern überhaupt kein Bruch stattgefunden hat, sondern es eine Kontinuität gibt. Auch im Bereich der alternativen Kulturangebote hat sich einiges getan oder erhalten: Beispielsweise ein Hirscheneck, wo sich Alt-68er, Alt-Achtziger und Junge treffen, die sich mit ähnlichen Werten identifizieren.

Mäder: Ein weiteres Überbleibsel ist wohl dieses Widerständige, das Nicht-Mitmachen, das ich heute in ganz unterschiedlichen Kreisen beobachten kann, die sich wieder mehr fragen, was wirklich wichtig ist und das Leben lebendig macht.