Persönlich

Grau sehen

Kelly Spielmann
Drucken
Teilen
Herbstimpressionen, wie man sie kennt. Doch der Schein trügt, wie bei allen Jahreszeiten.

Herbstimpressionen, wie man sie kennt. Doch der Schein trügt, wie bei allen Jahreszeiten.

Bruno Kissling

Im Spätsommer blicke ich dem Herbst jeweils sehnsüchtig entgegen. Warme, aber nicht mehr heisse Temperaturen, lange Spaziergänge, bei denen das goldfarbene Laub unter den Füssen raschelt und die Sonnenstrahlen aus dem blauen Himmel durch die dünner werdenden Bäume blitzen. Schön, diese Vorstellung.

Die Realität sieht anders aus. Blicke ich jetzt aus dem Fenster, sehe ich grau. Grau, kalt und nass. Dicker Nebel hängt in der Luft, von Sonnenschein und angenehmen Temperaturen keine Spur. Die farbigen Blätter rascheln nicht unter den Füssen, sie werden von ohrenbetäubenden Laubbläsern durch die Luft gewirbelt.

Der Winter ist auch nicht besser. Zum ersten Schnee durch die Strassen gehen und den leichten Flocken beim Tanzen zusehen? Fehlanzeige. Auch hier ist die Realität grau, statt Schnee gibt’s Pflotsch. Bestenfalls auf dem Trottoir vom vorbeifahrenden Lastwagen an den frischgewaschenen Mantel befördert.

Auch der Sommer enttäuscht. Man träumt von schönem Wetter und Tagen im Freien. Doch ist der Sommer da, ist er hauptsächlich eines: nass. Halbnackte Beine kleben an Ledermöbeln und der Schweiss läuft nur so runter, während der Ventilator auf Hochtouren arbeitet, um ein Lüftchen zu generieren.

Da bleibt nur eine Jahreszeit, und auf diese ist Verlass: der Frühling. Er hält, was er verspricht. Die Welt blüht auf, und mit ihr auch ich. Auf den Frühling freue ich mich – aber Moment! Ich hätte es fast vergessen: Mit ihm kommt ja wieder der Heuschnupfen.