Weniger Fahrgäste

Drohende Millionenverluste: Wirklich verheerend wäre für den ÖV in den beiden Basel aber ein zweiter Lockdown

30 Millionen Franken Verlust bei den Basler Verkehrsbetrieben, rund sieben bei Baselland Transport und zwei bei der Autobus AG: Die regionalen öV-Betriebe nennen erstmals ihre düsteren Prognosen für 2020. Und seit der Bundesrat im Oktober wieder Verschärfungen erlassen hat, sinken die Fahrgastzahlen erneut.

Michael Nittnaus
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Noch liegt die Auslastung der BVB-Trämli – wie hier am Marktplatz – bei knapp 70 Prozent des Vorjahres.

Noch liegt die Auslastung der BVB-Trämli – wie hier am Marktplatz – bei knapp 70 Prozent des Vorjahres.

bz

Nein, still steht es noch nicht, das öffentliche Leben in der Region. Das zeigt sich auch an den Fahrgastzahlen der öV-Unternehmen. Wie eine Umfrage der bz zeigt, lag die Auslastung bei den Basler Verkehrs-Betrieben (BVB) und der Baselland Transport AG (BLT) Ende Oktober bei rund 70 Prozent des Vorjahres. Bei der Autobus AG Liestal (AAGL) sogar bei knapp 80 Prozent. Das ist meilenweit entfernt von den Tiefstwerten während des Lockdowns im Frühling, als BVB und BLT nur noch knapp 25 Prozent des Vorjahreswerts erreichten und die AAGL etwa 35 Prozent.

Und doch stimmt die aktuelle Situation alle drei Unternehmen nachdenklich, wie sich im Gespräch zeigt. Denn der Trend zeigt wieder nach unten. «Nach dem Lockdown freuten wir uns, dass wieder mehr Menschen mit dem öV fuhren, die Auslastung stieg. Doch im Lauf des Oktobers sind die Werte wieder gefallen», sagt Andreas Büttiker. Der BLT-Direktor sieht einen direkten Zusammenhang mit den verschärften Massnahmen, die der Bundesrat per 19. Oktober erliess: Seither sind im öffentlichen Raum spontane Menschenansammlungen von mehr als 15 Personen verboten und auch private Treffen stärker eingeschränkt. Dazu wurden die Arbeitgeber verpflichtet, die Homeoffice-Empfehlung zu beachten.

Ein Viertel weniger Monats-U-Abos verkauft

Welche Massnahmen genau welche Wirkung auf das öV-Verhalten der Bevölkerung haben, sei zwar schwer einzuschätzen, sagt BVB-Sprecherin Sonja Körkel. «Neben Homeoffice spüren wir auch den Ausfall der Herbstmesse und die Zuschauerbeschränkung bei den Spielen des FC Basel, dazu der Aderlass bei den kulturellen Anlässen oder die Sperrstunde ab 23 Uhr.»

Überzeugt ist Körkel aber davon, dass die Menschen nicht generell das Vertrauen in den öffentlichen Verkehr verloren haben. Dass dies geschehen könnte, befürchtete Adrian Brodbeck, Geschäftsführer des Tarifverbunds Nordwestschweiz (TNW): «Im Frühling wurde der öV vom Bundesrat regelrecht stigmatisiert», kritisiert er. Dies sei mittlerweile aber anders: «In Sachen Corona ist der öV ja ein relativ sicheres Transportmittel.»

Endlos darf dieser Zustand nicht mehr andauern.

(Quelle: Andreas Büttiker, Direktor Baselland Transport AG)

Auch beim TNW, der 70 Prozent seines Umsatzes mit den U-Abo-Verkäufen generiert, spürt man die Krise. Stand jetzt verzeichne man einen Rückgang bei den Monatsabos um 24 Prozent. Bei den rund 90000 Jahresabos stehe man bei einem Minus von 3,5 Prozent, so Brodbeck. Hier steht die grosse Erneuerungswelle, die im Dezember und Januar einsetzt, allerdings noch bevor. Büttiker, beim TNW Brodbecks Vorgänger, sagt dazu: «Die Frage ist, wie viele Stammkunden wir verlieren, weil sie wieder stärker aufs Auto oder – was besser wäre – neu aufs E-Bike setzen.»

TNW rechnet mit Einbussen von 45 Millionen Franken

Die stark schwankenden Fahrgastzahlen schlagen sich auch auf die Prognosen fürs Geschäftsjahr 2020 nieder. Gegenüber der bz nennen alle öV-Betriebe erstmals konkrete Zahlen. So rechnet Brodbeck für den Tarifverbund, dem neben BVB, BLT und AAGL auch SBB und die Postauto AG angehören, mit Einbussen von 40 bis 45 Millionen Franken. Das entspräche einem Minus von rund 20 Prozent.

Diese Einbussen des TNW schlagen direkt auf die Ergebnisse der verschiedenen Tarifpartner durch. Laut Körkel gehen die BVB Ende Jahr von einem Verlust von rund 30 Millionen Franken aus. 2019 resultierte noch ein leichtes Plus von 350 000 Franken. Büttiker rechnet für die BLT mit einem Verlust zwischen sechs und acht Millionen Franken. Im Vorjahr gab es noch einen Überschuss von 2,5 Millionen. Und bei der AAGL schätzt Geschäftsführer Roman Stingelin den Verlust 2020 auf 1,5 bis
2 Millionen Franken.

900 Millionen Franken Bundesgelder helfen hier nicht

Einen Silberstreifen am Horizont gibt es aber: National- und Ständerat haben im September rund 900 Millionen Franken an Hilfsgeldern für den öffentlichen Verkehr gesprochen. Profitieren kann allerdings nur, wer über keine zweckgebundene Reserve mehr verfügt. Die BLT beziffert diese aktuell auf stattliche 25 Millionen Franken, geäufnet aus den Gewinnen der vergangenen 30 Jahre. «Wir werden keine Bundesgelder in Anspruch nehmen», sagt daher Büttiker, nur um anzufügen: «Endlos darf dieser Zustand aber nicht mehr andauern.» Die Reserve der AAGL beträgt 3,5 Millionen Franken. Auch die BVB verfügen laut Körkel über eine Reserve.

Alle Prognosen gelten freilich nur, sollte sich die Lage nicht deutlich verschärfen und plötzlich ein zweiter Lockdown drohen. «Das wäre verheerend», sagt Büttiker. Etwas steht für ihn dabei fest: «Wir legen jetzt sicher nicht die Hände in den Schoss, sondern gehen in die Offensive, um wieder mehr Menschen vom öV zu überzeugen.»