Ochsentour

Braten vor dem jüngsten Gericht

Simon Morgenthaler
Drucken
Teilen
«Ich sitze auf einem Regenbogen und rutsche mit jedem Bissen wohlig etwas höllwärts.»

«Ich sitze auf einem Regenbogen und rutsche mit jedem Bissen wohlig etwas höllwärts.»

Im Postauto. Keinen Schimmer, wo Oltingen auftauchen könnte. Gleich müsste ich ankommen. Nur Hügel, Ebene. Plötzlich – noch bevor sich das Worträtsel auf dem Infobildschirm auflöst – taucht der Bus ab. Ab in ein Dorf, das fast eine Welt ist. Unerwartet. Erwarte ich doch von Käffern zuweilen etwas Idyll, einen Hang zur Bausünde, ein wenig Trostlosigkeit und Odeur, aber nicht Oltingen.

Es hat auch hier gute Luft und Mist, pittoreske Ecken und Giebel, verwinkelte historische Substanz, Tristesse, selbst Unorte. Ein Plakat in einem Schaukasten des «Polizeikommandos Basel-Land», wohl seit den 70ern dort vergessen: Frau im Rollstuhl, Frau mit Blindenstock – «Sie brauchen mehr Zeit», so ein Teil des kaum entzifferbaren Slogans. Stimmen aus dem Jenseits? Etwas ist anders hier.

In der Kirche Wandmalereien, ein Jüngstes Gericht: Der Weltenrichter unbequem auf zwei Regenbogen thronend, links Menschen, die fromm in eine Art Gefängnis wanken, rechts ein ziemlich fideles, animiertes Völkchen, von Teufeln umtanzt, umkettet, verschlungen von einem spitzzahnigen Maul. Die Hölle war schon immer kulinarisch. Schon wegen der Röstaromen. Ich habe langsam Appetit, zu sündigen.

Der Ochsen ist fast von einem Baum verschluckt, einladend durcheinander der Platz davor. Zeugen eines klingenden Sommers. Oder ein Prinzip. Die Karte fast etwas zu sehr nach eigenem Gusto. Milken! Ewigkeiten sind vergangen seit der letzten «Wachstumsdrüse». Thymus und Trüffel! Klingt sündig, wär’ aber schlicht ein Fest. Markbein als karnivore Reliquie in Ossibus scheint zu geweiht, «Kernotto» zu offenbar auf der Seite der Seligen.

Sonntagsbraten, lese ich, und denke: heute ist Samstag. Ein programmatisches Sakrileg in der Provinz, wo der sonntägliche Braten noch heilig ist?! Die Wahl ist klar. Ich folge dem Ochsen und beisse ihm werktags in die Schulter. Sünde. Kartoffelstock. Seelenessen. Das Jüngste Gericht.

Ich sitze auf einem Regenbogen und rutsche mit jedem Bissen wohlig etwas höllwärts. Allerlei Menschen – hier eine Note Patschuli grundiert von dicker Küchenluft, da Ausdünstungen des Feierabends. Krethi und Plethi von braunem Brusttäfer gerahmt, gutes Gemisch. Ein Ochsen halt, ein lebendiger allerdings.

Im Bus zurück nach Tecknau auf dem Bildschirm die Lösung des Worträtsels: «Brennholz». Das Dorf verschwindet wieder in seiner Senke, wird unsichtbar. War ich auf der anderen Seite? Man hört es knistern. Ich war wohl kurz verschlungen und dort, wo’s warm ist.

Janusköpfige Seitenansicht, Schildmalkunst: Fleckvieh mit Charakterkopf, präsentabel in Haltung, auffordernd direkter Blick, fast ein wenig verärgert.

Janusköpfige Seitenansicht, Schildmalkunst: Fleckvieh mit Charakterkopf, präsentabel in Haltung, auffordernd direkter Blick, fast ein wenig verärgert.

Simon Morgenthaler

Simon Morgenthaler

Simon Morgenthaler ochst und lebt in Basel. Er geht auf eine literarisch-kulinarische Ochsentour in der Region Basel und verschwindet ab und an auch in anderen Kirchen als in Beizen.