Behutsame Grobiane
Schwingen ist ein zärtlicher Sport wie Johanna Heusser im Theater Roxy zeigt

Sie haben Oberschenkel wie Birkenstämme, Biceps wie Rollschinkli, Brustmuskeln wie T-Bone-Steaks: Die beiden Performer im Sägemehlkreis des Theater Roxys in Birsfelden sind Männer wie sie nur Gott schaffen kann – oder eine reichhaltige Ernährung und intensives Training.

Timo Posselt
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Das feixende Zusammenspiel von Freischlad und Speiser trägt bravourös durch den Abend.

Das feixende Zusammenspiel von Freischlad und Speiser trägt bravourös durch den Abend.

Foto: Hitzigraphy

Speiser, David und Freischlad, Dennis stehen den aktiven Schwingerkönigen in ihrer Statur in nichts nach und auch ihr Handwerk stellen sie unter Beweis. Und wie, schon ab den ersten Minuten dieses Abends.

Feixende Bromance und Gesellschaftskritik

Das Gesicht mit Ohrfeigen wach geklatscht, die Zwilchhosen hochgerädelt, den Griff fest an den Hosen des Gegenübers: «Isch guet.» – «Ist gut.» Und schon vor dem ersten Gang kriegen patriotische Anflüge ihren ersten Dämpfer: «En Düütsche!» Na klar, für die umtriebige Choreografin Johanna Heusser, deren bisherigen Arbeiten immer auch auf unaufgeregte Gesellschaftskritik zielten, war blanker Sport-Patriotismus nie eine Option.

Stattdessen greift Heusser mit den deutsch-schweizerischen Performer-Duo die nationalromantischen Gefühle des Schwingens auf, um sie kritisch zu hinterfragen und stattdessen auf das zu blicken, was beim Schwingen immer auch mitschwingt: Die Archaik dieses Sports wird beispielsweise in einem von David Speiser erzählten Märchen dreier Brüder aus einem Urner Dorf greifbar, die mit ihren Kuhmilch-gesättigten Körpern einen Riesen in die Flucht schlagen. Statt mit einer List wie bei Odysseus’ Zyklopen im alten Griechenland wird er in der Innerschweiz mit glitschiger Butter ausgetrickst und endet schliesslich mit zerschmettertem Schädel auf einem Felsen.

Idyllisches Bergpanorama in Birsfelden

Leise Homoerotik ist gar mehrmals zu spüren: Nur schon in der groben Rücksicht mit der sich die beiden immer wieder verknotet, verknüpft, verschlungen von den Füssen über Kopf, Brust, Bauch auf den Rücken werfen – wie keuchend behutsame Grobiane gegen die Schwerkraft. Zärtlichkeit kommt schliesslich beim Naturjodeln auf: Als sie sich im bauchigen Zäuerli so nah kommen, dass ihre Lippen sich fast berühren, während sie mit voller Kehle röhren – brünftige Burschen in unentschlossener Bromance.

Das feixende Zusammenspiel von Freischlad und Speiser trägt nicht nur bravourös durch diesen Abend, sondern führt auch immer wieder zu Situationskomik. Zum Ende tut sich gar ein Bergpanorama im Trockeneis-Nebelmeer mitten im Saal auf, ein Alpenfirn in Birsfelden. Das Eidgenössische 2022 in Pratteln kann also kommen. Anfang Juni treten auch Speiser und Freischlad nochmal in «Dr Churz, dr Schlungg und dr Böös» an, im Schwingen gegen- und Ringen um einander. Timo Posselt