Coronavirus

Wo Homeschooling unmöglich ist: So kommt ein Kinderheim während Corona über die Runden

Das Kinderheim Laufen betreut Schüler von der Primarschule bis zum Gymnasium, die aus unterschiedlichen Gründen nicht zu Hause wohnen können. Einige von ihnen besuchen die interne Schule, andere gehen auf eine öffentliche Schule. Da hilft bei Schulschliessung nur eins: Improvisation.

Anina Ritscher
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Das Kinder- und Jugendheim Laufen ist weiterhin geöffnet.
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Kinder- und Jugendheim Laufen
Auch im Wohnbereich gelten Hygieneregeln.

Das Kinder- und Jugendheim Laufen ist weiterhin geöffnet.

Kenneth Nars

Im Eingang des Kinder- und Jugendheims Laufen (KJLA) steht eine Flasche mit Desinfektionsmittel. «Bitte Hände desinfizieren», steht auf einem Schild. «Wir desinfizieren alles mehrmals täglich», sagt Heimleiter Stefan Köhli, während er durch das moderne Gebäude führt. Immer, bevor er eine Tür öffnet, zieht er den Ärmel über die Hand. «Das sind so neue Gewohnheiten», sagt er und lacht.
Im KJLA wohnen 18 Kinder und Jugendliche zwischen 7 und 18 Jahren. Sie alle können aus unterschiedlichen Gründen nicht zu Hause wohnen: Einige haben suchtkranke Eltern, andere brauchen selbst therapeutische Unterstützung. Ein paar von ihnen besuchen die interne Schule. Die meisten gehen aber in die öffentlichen Schulen in der Umgebung – normalerweise. Doch seit die Schulen in der ganzen Schweiz wegen der Coronapandemie geschlossen wurden, hat sich der Alltag im Heim verändert.

Über Nacht von der Aushilfe zum Lehrer

Gemäss den Massnahmen des Bundes sollen soziale Einrichtungen wie das KJLA geöffnet bleiben. Die Heime müssen alle Hygienemassnahmen einhalten, die auch innerhalb von Haushalten gelten. Aber die Betreuung von schutzbedürftigen Kindern und Jugendlichen muss weiterhin gewährleistet sein – auch die schulische Betreuung. In kleinen Gruppen sitzen die Bewohnerinnen und Bewohner des Heims im Gemeinschaftsraum. Das Fenster steht offen, es ist warm. Auf einem Tisch steht eine halb leere Schüssel mit Frühstücksmüsli. Hier findet jetzt täglich Schulunterricht statt. In der Mitte des Raums sitzt Manuel Suter mit einem Schüler und beugt sich über ein Blatt Papier. Der Schüler hat kabellose weisse Kopfhörer im Ohr, hört aber trotzdem aufmerksam zu, als Suter ihm eine Dreisatz Aufgabe stellt.

Suter studiert eigentlich Geowissenschaften an der Universität Basel. Er hat im Laufner Kinderheim seinen Zivildienst absolviert und hilft einmal pro Woche in der Wohngruppe aus. Dort kocht er mit den Kindern, hört ihren Sorgen zu oder hilft bei den Hausaufgaben. Nachdem der Bund am 16. März die Schulen geschlossen hatte, war er bald jeden Tag hier. Zusammen mit einer weiteren Aushilfe wurde Suter über Nacht zum Lehrer von sieben Schülerinnen und Schülern von der ersten Klasse bis zum Gymnasium, im Alter von 7 bis 17 Jahren.

Hinten sitzen zwei Schüler an einem grossen Tisch. Ein Fünftklässler mit wilden Locken und ein Sekschüler mit kurz geschorenem Haar und Adidas-Latschen an den Füssen. Der Ältere hilft dem Jüngeren bei den Hausaufgaben: Er soll einen Aufsatz über eine Geburtstagsfeier schreiben. Der Titel seines Texts: «Grillparty mit Familie». Auf der Rückseite hat der Ältere einen Comic über die Grillparty gezeichnet.

«Ich wäre jetzt lieber in der Schule», sagt er. «Wir haben im Moment viel mehr Hausaufgaben als sonst. Es ist auch ein grösserer Druck da, die Aufgaben wirklich zu erledigen.» Der Jüngere fügt hinzu: «Aber hier können wir uns besser konzentrieren, es gibt weniger Ablenkung.» Es sei trotzdem eine Herausforderung, dass sie sich jetzt alle noch öfter sehen als sonst, finden beide. «Einige fühlen sich jetzt schneller provoziert», sagt der Ältere und balanciert auf den Hinterbeinen seines Stuhls.

Kontakt zu zwei Freunden bleibt erlaubt

Am meisten fehle es ihm, sich mit Freunden aus der Schule zu treffen. Zwei enge Freunde durfte jede und jeder im Heim aufschreiben, mit denen ein Treffen ab und zu noch in Ordnung ist. So will das Heim die Einschränkungen etwas abfedern und dennoch den Überblick bewahren. Am Tag zuvor spielten mehrere Kinder aus dem Heim draussen Fussball, als ein Polizist die Gruppe auflösen wollte. Die Kontaktsperre werde nicht eingehalten, sagte er und schickte die Kinder nach Hause. Diese protestierten und erklärten: «Wir wohnen alle zusammen und dürfen das.» So erzählt es der Schüler am Tag danach und lacht. Die 18 Bewohnerinnen und Bewohner des Kinder- und Jugendheims zählen alle zum selben Haushalt und dürfen deshalb gemeinsam vor die Tür. Einige der Kinder gehen in ihrer Freizeit für ältere Menschen aus der Umgebung einkaufen.

Jeden Morgen müssen die Schülerinnen und Schüler sich das Unterrichtsmaterial für den Tag zusammensammeln. Seine Lehrerin lade alles auf die Plattform Google Drive, erzählt der Sekschüler. Manchmal telefoniere er zusätzlich mit ihr, um das Programm für den Tag zu besprechen. Auch Manuel Suter ist mit den Schulen in Kontakt: Fast jeden Morgen kriegt er E-Mails von acht verschiedenen Lehrpersonen. Er liest alles, um den Überblick zu bewahren: Wer muss heute was erledigen? Wer könnte dabei Hilfe benötigen? Wer ist selbstständig? «Die grösste Herausforderung ist, dass die Niveaus so unterschiedlich sind. Jeder hat ein anderes Bedürfnis, auf das wir eingehen müssen», sagt Suter.

Viele der Kinder und Jugendlichen im Heim haben Traumata erlebt, kommen aus schwierigen familiären Verhältnissen oder leiden unter schweren psychischen Krankheiten. «Dass wir zur Begrüssung nicht mehr die Hand geben können und bei der Therapie mit Aufstellungen die Distanz einhalten müssen, ist eine Einschränkung», sagt Heimtherapeutin Claudia Pfeiffer in ihrem Büro. Die Therapeutin wisse sich aber zu helfen mit anderen Methoden, bei denen es leichter fällt, körperliche Distanz zu wahren.

Ein Jugendlicher rastete kurz aus

«Wir haben keine Verstärkung von Angststörungen oder Depressionen bei den Jugendlichen feststellen können», sagt Pfeiffer. Allerdings sei ein Jugendlicher, als er von den Einschränkungen erfahren hat, durchgedreht und habe Stühle umgeworfen, um sich geschlagen und geschrien, erzählt Köhli. «Das war bedrohlich.» Die Aufregung habe sich aber wieder gelegt. Ausserdem sei es für einige Kinder nun noch schmerzhafter, dass sie nicht bei den Eltern sein können: «Das Bedürfnis nach Geborgenheit ist noch grösser», sagt Pfeiffer. Elterngespräche finden zurzeit auch keine statt. Schwierig sei es auch, selbst nicht den Mut zu verlieren: «Wir müssen uns jetzt bewusst sein, dass Humor, Gelassenheit und Ruhe in unserer Arbeit besonders wichtig sind.»

Auch für Heimleiter Köhli ist es eine schwierige Situation: Der frischgebackene Grossvater kann sein Enkelkind jetzt nur noch durchs Fenster besuchen. Und im Heim muss er darauf achten, dass die Massnahmen des Bundes eingehalten werden. Zum Beispiel müssen die Kinder und Jugendlichen beim Mittagessen jetzt immer Abstand zueinanderhalten. Die meisten halten sich an die Massnahmen, aber «einige haben es noch nicht verstanden», seufzt er.

Er ist erschöpft. Seit 24 Tagen hatte Köhli keinen freien Tag mehr. Auch die Mitarbeitenden sind stärker belastet, als sonst. «Zeitweise sind zehn Betreuerinnen und Betreuer ausgefallen. Jemand sass in Brasilien fest, einige sind krankgeschrieben oder gehören zur Risikogruppe.» Die Solidarität unter den sozialen Einrichtungen sei aber gross und wenn es zu Engpässen beim Personal kommt, helfe man sich gegenseitig aus.

Jetzt, während der Frühlingsferien durften vier Heimkinder nach Hause zu den Eltern. Das Heim halte aber regelmässig Kontakt zu ihnen. Trotzdem ist Köhli besorgt: «Ob dort die Regeln eingehalten werden, darüber haben wir keine Kontrolle.» Wichtig sei, dass die Kinder jederzeit ins Heim zurückkommen können. Im Schulzimmer ist jetzt Pause. «Pause!» ruft Suter nach hinten zu den beiden Jungen. «Nein, wir machen durch», sagt der Ältere und die beiden beugen sich wieder über ihre Hausaufgaben.