Vorwurf der Tierquälerei
Hätte er bei der Viehschau eingreifen müssen? Anzeige gegen Nationalratspräsident eingereicht

An einer Zuchtvieh-Auktion in Langenbruck wurde ein Stier am Nasenring durch die Arena geführt. Basel Animal Save hat gegen den Halter des Tieres Strafanzeige eingereicht – aber auch gegen Andreas Aebi: Der Nationalratspräsident hätte, findet Basel Animal Save, als Speaker einschreiten müssen.

Benjamin Wieland und Kelly Spielmann
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Dieser Stier wurde an der Auktion in Langenbruck am Nasenring gezogen. Das sei Tierquälerei, findet Basel Animal Save.

Dieser Stier wurde an der Auktion in Langenbruck am Nasenring gezogen. Das sei Tierquälerei, findet Basel Animal Save.

Screenshot Telebasel

Es sind keine schönen Bilder. Ein Stier wird an der Zuchtvieh-Auktion vom 11. August in Langenbruck am Nasenring durch die Arena geführt. Der Muni scheint keinen Gefallen zu finden an der Praxis. Er versucht, so nah wie möglich an der Hand des Halter zu bleiben - um Schmerzen zu vermeiden. Zu sehen ist die beschriebene Szenerie in einem Beitrag von Telebasel über jene Auktion. Im Bericht ebenfalls zu sehen und zu hören: Andreas Aebi. Der Nationalratspräsident amtete an der Auktion als Gantrufer.

Für die Gruppe Basel Animal Save war die Behandlung des Muni übermässig grob. Vorsteher Olivier Bieli schreibt, er habe Strafanzeige wegen Verstoss gegen das Tierschutzgesetz eingereicht. Die Bilder seien schwer zu ertragen, schreibt Bieli:

«Ein Rind wird an einem an der Nasenscheidewand invasiv angebrachten Nasenring und mit schmerzverzerrtem Gesicht quer durch die Arena gezogen.»

Und das, obwohl auch ein Halfter zur Verfügung gestanden hätte. Es sei auch für einen Laien unschwer zu erkennen, dass es sich um einen Fall von Tierquälerei handele, schreibt Bieli.

Adressat der Strafanzeige ist aber nicht nur der Bieli - wie auch der bz - nicht namentlich bekannte Halter des Tieres, sondern auch Andreas Aebi. Laut Bieli hätte der SVP-Politiker dem Missbrauch, der sich unmittelbar vor seinen Augen abgespielt habe, ein Ende setzen müssen.

Aebis Immunität stünde Strafuntersuchung im Wege

Die Baselbieter Staatsanwaltschaft bestätigt auf Anfrage der bz den Eingang der Strafanzeigen. Es werde eine Vorprüfung der erhobenen Vorwürfe durchgeführt. Andreas Aebi geniesst als Nationalratsmitglied Immunität. Fall ein hinreichender Tatverdacht bestehe, würde das in der Folge auch Aebis Immunität tangieren, teilt die Staatsanwaltschaft mit:

«Eine Strafuntersuchung wäre nur nach Aufhebung der Immunität möglich.»

Dass Stiere Nasenringe tragen, ist nicht ungewöhnlich. Ab einem Alter von 18 Monaten ist er sogar vorgeschrieben. So kann das Tier zurückgehalten werden, wenn es ausbüxen oder andere Tiere oder gar Menschen angreifen will. Stiere neigen zu Aggressivität und es kann selbst bei Munis, die sich in der Regel unauffällig verhalten, aus dem Nichts zu brenzligen Situationen kommen. Der Nasenring dient dann als eine Art Notfall-Knopf.

Andreas Aebi.

Andreas Aebi.



In einem Merkblatt der Vereinigung der Schweizer Kantonstierärzte mit dem Titel «Umgang mit Stieren: Tierschutzkonforme Anbindung» steht zudem geschrieben: «Stiere über 18 Monate dürfen für Ortswechsel am Nasenring von einer Person zu Fuss geführt werden.» Trotzdem wäre es möglich, dass in diesem Fall der Einsatz des Nasenrings übermässig hart war und dem Tier unnötigerweise Schmerzen zugefügt hat.

«Für mich nicht nachvollziehbar»

Andreas Aebi sagt auf Anfrage, die Anzeige – von welcher er erst am Donnerstag von den Medien erfahren habe – sei für ihn nicht nachvollziehbar: «Ich wüsste nicht, was ich falsch gemacht haben soll.» Er sei auf den Verkauf konzentriert gewesen und habe mit dem Tier nichts zu tun gehabt. «Dass man mich jetzt, dreieinhalb Monate später, beschuldigt, ist für mich fraglich.»

Ausserdem betont er, dass ein Stier einen Nasenring haben müsse. «Ich bin überzeugter Rinderzüchter und habe in diesem Feld alle notwendigen Ausbildungen.» An Viehschauen würde er den Vorführern bei schwierigen Tieren jeweils Tipps geben.

Beim Schweizer Tierschutz (STS) hat man eine klare Meinung. «Der Nasenring ist nur für den Notfall gedacht», sagt Cesare Sciarra vom Kompetenzzentrum Nutztiere. «Etwa für eine Situation, in welcher der Stier versucht, sich loszureissen oder jemanden bedroht.» Laut Sciarra ist offensichtlich: Der Halter im Beitrag vollzieht eine unerlaubte Handlung; es handelt sich um Tierquälerei. «Und wenn man so etwas beobachtet, wäre es nicht verkehrt, auch gleich einzugreifen.» Es gebe noch immer viele Tierhalterinnen und Tierhalter, für die es normal sei, einen Stier am Nasenring zu zerren. «Viele denken sich nichts dabei. Dabei tut das dem Tier höllisch weh und es kann sich auch verletzten.»

Bauernverband-Vertreter: Es werde zu rasch gerurteilt

Für Samuel Guthauser, Leiter des Ressorts Tierhaltung beim Bauernverband beider Basel, ist die Angelegenheit wiederum weniger eindeutig: «Die umstrittene Szene ist zu kurz, um seriös zu beurteilen, ob der Halter falsch agiert. Wir wissen nicht, was vorher war, und wir wissen nicht, was danach geschah – ebenso wenig, wie sich das Tier in der Vergangenheit bei solchen Vorführungen verhalten hat.» Generell werde aufgrund von Momentaufnahmen rasch vorverurteilt, sagt Guthauser: «Wenn ein Stier durchbrennt, würde dem Halter vorgeworfen, er habe das Tier nicht im Griff gehabt.»

Für den Tierhalter wie auch für Andreas Aebi gilt die Unschuldsvermutung.

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