Coronavirus

"Von der Rennpiste auf den Schotterweg": BLKB-Chef Häfelfinger sieht eine Zeitenwende in der Wirtschaft

Corona krempelt die Wirtschaft um: Gefragt sind nun Sicherheit und Widerstandsfähigkeit, sagt BLKB-CEO John Häfelfinger im Interview. Also Werte, die im dynamischen Wirtschaftsleben bislang als altmodisch galten. Häfelfinger ist jedoch überzeugt: "Wir müssen umdenken."

Hans-Martin Jermann
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«Wir werden umdenken müssen»: John Häfelfinger leitete während des Lockdowns die Geschicke der BLKB vom Homeoffice aus.

«Wir werden umdenken müssen»: John Häfelfinger leitete während des Lockdowns die Geschicke der BLKB vom Homeoffice aus.

zvg

John Häfelfinger, die Coronakrise hat für viele Schweizer Unternehmen gravierende Konsequenzen. Nicht so für die Banken: Einige Privat- und Grossbanken schreiben Rekordgewinne, die Halbjahreszahlen der BLKB dürfen sich sehen lassen. Das nimmt Sie in die Verantwortung.

John Häfelfinger: Dieser Verantwortung sind wir uns bewusst. Die Banken konnten im Rahmen der Corona-Kredite des Bundes in den vergangenen Monaten zur Liquiditätsversorgung der KMU beitragen. Die BLKB hat 1190 Kredite über total 147 Millionen Franken gewährt. Das war gut und wichtig. Doch ein Grossteil der Corona-Kredite der Banken lief auf Basis der Bürgschaft des Bundes. Das Risiko trägt also letztlich der Steuerzahler. Wir Banken wurden bisher vor allem in die Rolle von Bankomaten des Bundes gedrängt. In den kommenden Monaten werden wir wichtigere zusätzliche Aufgaben übernehmen müssen.

Inwiefern?

Das dritte und vierte Quartal 2020 werden für viele Unternehmen entscheidend: Die unmittelbare Wirkung der staatlichen Hilfe nimmt ab, zugleich wird die wirtschaftliche Tätigkeit in einigen Branchen weiterhin nicht auf vollen Touren laufen können. Viel hängt davon ab, ob der Konsum anzieht und die internationalen Lieferketten wieder funktionieren und eine zweite Welle vermieden werden kann. Laut Leistungsauftrag hat die BLKB den Zweck, zur wirtschaftlichen und sozialen Entwicklung des Kantons beizutragen. Wann, wenn nicht jetzt angesichts dieser epochalen Krise, kann die BLKB zeigen, dass es sie braucht? Wir und andere Kantonalbanken müssen in den kommenden Monaten die Wirtschaft mit weiteren Krediten und Massnahmen stützen.

Können sie sich das leisten?

Wie Sie wissen, verfolgt die BLKB seit Jahren ein vorsichtiges Geschäftsmodell. Nicht zuletzt deswegen verfügen wir heute über ein höheres Eigenkapital als andere Banken, unsere Bilanz ist sehr resilient. Selbst grössere Kreditverluste könnten wir verkraften.

Finanzminister Ueli Maurer rechnet damit, dass sich der Bund 10 Prozent der Kreditsumme ans Bein streichen muss. Ihre Prognose?

Wir gehen davon aus, dass die Ausfälle insgesamt schweizweit höher sein werden, und zwar zwischen 20 und 30 Prozent.

Das heisst, es wurden grosszügig und ohne lange Checks Corona-Kredite vergeben.

Die Grosszügigkeit war politisch durchaus gewünscht, Solvenz-Checks wurden vielerorts nicht gemacht. Wir gingen hier sorgfältiger vor. Die BLKB hat rund 2,5 Prozent der Kreditbegehren abgelehnt. Bei diesen gelangten wir zur Überzeugung, dass der monierte Schaden nicht coronabedingt ist. Eine sorgfältige Prüfung verstehen wir als unsere Pflicht, schliesslich stehen Steuergelder auf dem Spiel.

Was können Sie aufgrund der Kreditbegehren zum Zustand der Baselbieter Wirtschaft ablesen?

Ein Grossteil der KMU-Kunden, die via BLKB an einen Covid- Kredit gelangt sind, hatte zuvor keine Kredite bei uns. Das zeigt, wie resilient die Baselbieter Wirtschaft als Ganzes ist. Ich möchte ein Lob an die Unternehmen aussprechen: In vielen steckt viel Substanz. Deswegen ist es für die BLKB betriebswirtschaftlich verantwortbar und sinnvoll, in diesem Segment weitere Kredite zu sprechen.

Weshalb ist die Regio-Wirtschaft relativ gut aufgestellt?

Die Pharma-Branche wirkt sehr stabilisierend, einige Unternehmen haben ihre Erträge im ersten Halbjahr 2020 sogar erhöhen können. Die Exporte von Medikamenten haben weiter zugenommen. Wichtig ist auch, dass die Bedeutung, die dieser Branche zugeordnet wird, in der Coronakrise gestiegen ist.

Wie sehen Sie die Zukunft der regionalen Wirtschaft?

Das hängt davon ab, ob und wie stark eine zweite Coronawelle zuschlägt. Bei der BLKB gehen wir derzeit davon aus, dass die regionale Wirtschaft als Ganzes durch die Krise nicht nachhaltig stark beschädigt wird. Mittel- bis langfristig sehen wir eine langsame Erholung. Eine zweite Welle könnte gewisse Branchen wie die Gastronomie oder die Kultur hart treffen. Hier könnte es zu einer Strukturbereinigung im grösseren Stil kommen. Wichtig für unsere Region sind zudem offene Grenzen, auch weil eine gewisse Abhängigkeit von den Grenzgängern besteht. Auch die verarbeitende Industrie mit ihren internationalen Lieferketten baut darauf.

Bedeutet die Krise für die Wirtschaft eine Zeitenwende?

Davon bin ich überzeugt. Der globale Handel ist ein fragiles Gebilde, in Krisen sind Lieferketten rasch unterbrochen und der Konsum verlangsamt. Die Weltwirtschaft war in den vergangenen Jahren im Formel-1- Wagen unterwegs. Auf ebener Rennpiste ging das gut. Mittlerweile ist die Unterlage aber ein holpriger Schotterweg – und der Formel-1-Wagen nicht mehr das richtige Fahrzeug. Das Onshoring, also dass hiesige Firmen Prozesse und Zulieferer zurück in ihre Nähe holen, war bereits vor Corona ein Thema und hat sich jüngst akzentuiert. Das stellen auch wir bei einigen Kunden fest. Ein zweiter Trend ist das Insourcing, dass also Firmen ausgelagerte Tätigkeiten zurück in ihr Unternehmen holen.

Warum tun sie das?

In Krisen gewinnen Werte wie Sicherheit an Bedeutung. Die Sicherheit etwa, dass die Versorgung funktioniert. Deswegen setzen Unternehmen auf On- shoring, deswegen gingen viele Menschen zuletzt in Hofläden einkaufen. Diese Sicherheit kostet: Die Onshore-Produktion ist teurer als eine globalisierte – Lebensmittel vom Hof sind teurer als im Discounter. Aber es gibt einen Gegenwert: gute Qualität, eine geringere Abhängigkeit von Dritten und eben Sicherheit.

Sicherheit wirkt altmodisch, passt nicht richtig zur dynamischen Wirtschaftswelt.

Ich bin überzeugt: Da werden wir umdenken müssen. Wenn mich etwas erstaunt hat an der Coronakrise, dann dass die Gesellschaft derart überrascht reagiert hat darauf. Seit den späten 90er-Jahren ist dies bereits die sechste Krise, die unsere Wirtschaft trifft. Es gibt wenig, das mich glauben lässt, dass nicht wieder ähnliche weitreichende Ereignisse passieren. Wir müssen in die Widerstandsfähigkeit und in die Sicherheit investieren.

Kantonalbank trotzt der Krise

Gewohnter Geschäftsgang Die Basellandschaftliche Kantonalbank (BLKB) weist trotz Coronakrise gute Halbjahreszahlen 2020 aus: Der Gewinn ist mit 53 Millionen Franken fast gleich hoch wie im ersten Halbjahr 2019 (53,1 Mio. Fr.). Und dies, obwohl die BLKB Wertberichtigungen für Kreditkrisen über 9 Millionen Franken wegen der unklaren Auswirkungen der Krise gebildet hat.

Erfreulich und wohl eine Folge der Krise ist der Zufluss an Neugeldern: Dieser hat sich im Vergleich zum Vorjahr auf netto 847 Millionen Franken verdoppelt, was die BLKB als Zeichen für das hohe Vertrauen in die Bank interpretiert. Die Hypotheken sind seit Anfang Jahr um 434 Millionen (+2,2%) und damit dem Markt entsprechend auf 20 Milliarden Franken gewachsen.

Trotz Corona sei es zu keinem substanziellen Einbruch der Nachfrage nach Hypotheken gekommen, stellt die BLKB fest. Die Kreditlimiten für Firmen – ohne Coronakredite – sind im ersten Halbjahr 2020 um 643 Millionen (+10,9%) auf 6,5 Milliarden Franken gestiegen. Zudem hat die BLKB für das Coronapaket des Bundes 1190 Anträge bearbeitet und Kredite über 147 Millionen Franken gesprochen.

Am ursprünglichen Geschäftsausblick für 2020 halte man trotz der unsicheren Perspektiven fest. BLKB-Chef John Häfelfinger fasst die Stimmungslage so zusammen: «Die Coronakrise ist schlimm, für uns als Bank ist sie vor allem ein Test. Wir konnten zeigen, dass unser operatives Geschäft auch unter solch schwierigen Bedingungen normal weiterläuft.»

Hans-Martin Jermann