Baselland

Vom Dönergestank bis zum elegant geschwungenen Dach: Der grosse S-Bahn-Report

Die S3 zieht sich durch das ganze Baselbiet. Doch unterschiedlicher könnten die Bahnhöfe der Strecke kaum sein. Wir haben eine Testfahrt gemacht - und eine subjektive, unvollständige Bewertung vorgenommen.

Michel Ecklin, Kelly Spielmann
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Roland Schmid

Die S3 verbindet die Teile des Baselbiets miteinander. Doch sie behandelt die Pendler nicht alle gleich, wie wir bei einer Fahrt auf der Strecke feststellen mussten. Denn die Bahnhöfe unterscheiden sich deutlich voneinander. Wir haben eine subjektive, unvollständige Bewertung vorgenommen.

Tecknau: Die Idylle zwischen Wald und Schallschutzwand

Waren Sie schon einmal an einem Bahnhof, an dem Sie die Vögel zwitschern hörten? Wir auch nicht. Bis wir den Bahnhof in Tecknau besuchten. Im Hintergrund sind Wald und Felder zu sehen, auf der Ostseite das Restaurant Bahnhof (es ist nicht die einzige Beiz mit diesem Namen, die wir heute antreffen). Eine lauschige Gartenterrasse mit Holzbänken, viel Grün und einem Schild, das mit den Worten «Bier- und Fressbeiz» schon vor dem Eintreten Punkte sammelt. Während man sich an anderen Bahnhöfen anschreien muss, wenn ein Zug vorbeidonnert, pfeifen die Vögel hier dank gut platzierten, ellenlangen Schallschutzwänden sogar weiter, wenn ein Güterzug den Bahnhof passiert.

 Am Bahnhof Tecknau ist es sogar bei Zugdurchfahrten ruhig.

Am Bahnhof Tecknau ist es sogar bei Zugdurchfahrten ruhig.

Roland Schmid

Zugegeben, die verlassene Schalterhalle mit einem vergilbten Aushang von 2015 wirkt etwas unheimlich. Auch auf Google hat der Bahnhof nur einen Stern (ja, auch Bahnhöfe können heute bewertet werden) – jedoch auch nur eine einzige Rezension. «Ein Abstellgleis im Nirgendwo», schreibt eine Userin, ausser Fahrleitungsstörungen gebe es hier gar nichts. Nach einem Laden oder Kiosk sucht man in Tecknau tatsächlich vergebens. Doch im Notfall reicht auch der gut gefüllte Selecta-Automat. «Typisch Schweizer Bauernbahn», heisst es weiter, bevor die Rezension mit einem Mittelfinger endet. Wir geben Tecknau trotzdem fünf Sterne – und lassen den Finger unten.

Gelterkinden: Das Paradies für Wanderer

Wer in Gelterkinden aus der S 3 steigt, findet dort praktisch alles, was er benötigt. Besonders, wer hier eine Wanderung startet. Ein Frühstück, bevor’s losgeht? Das kann man sich im Gasthaus Bahnhof, im Restaurant Trafico oder im integrierten Café im Avec-Shop gönnen. In Letzterem kann man sich auch gleich ein Picknick zusammenstellen – Klassiker wie Brot und Chips sind hier jede Menge zu finden und sogar ein Chlöpfer aus der eigenen Gemeinde liegt drin: Die Metzgerei Zimmermann hat im Laden eine Kühltruhe mit Würsten, Cordon bleus und Aufschnitt. So muss man es tun, wenn man das lokale Gewerbe fördern will.

 Restautants, ein Laden, diverse Automaten: In Gelterkinden ist das Angebot gross.

Restautants, ein Laden, diverse Automaten: In Gelterkinden ist das Angebot gross.

Roland Schmid

Das ist auch für Pendler praktisch: Wer keine Zeit hatte zum einzukaufen, kann das auf dem Weg nach Hause bis 20 Uhr im Lädeli nachholen. Ebenfalls ein Plus für Pendler ist der Veloständer, der quasi auf dem Perron liegt – auch, wenn man knapp dran ist, erwischt man den Zug in Gelterkinden so noch rechtzeitig. Wie Dornach-Arlesheim trumpft Gelterkinden letztlich mit zwei Fotoautomaten auf. Ob die Nachfrage nach Passfotos je so gross ist, dass sie beide besetzt sind, wissen wir jedoch nicht.

Nur die Lage des Gelterkinder Bahnhofs ist etwas unpraktisch. Abgelegen vom Ortskern und an einem steilen Hang ist es zu Fuss mühsam, ihn zu erreichen. Doch mit Bus, Auto oder Velo ist auch dieses Problem lösbar.

Lausen: Hier wurde eine Chance verpasst

Die Idee kommt direkt aus einem Lehrbuch für Stadtplanung: Man erstellt unmittelbar neben dem Bahnhof eine Wohnüberbauung, ideal für Pendler. Und im Erdgeschoss sollen Läden für Leben sorgen. Zudem pflanzt man auf dem Bahnhofplatz einen Baum und stellt Bänke und einen Brunnen hin. Genau das ist in Lausen geschehen.

 In der Wohnüberbauung gibt es keine Läden, die für Pendler interessant wären.

In der Wohnüberbauung gibt es keine Läden, die für Pendler interessant wären.

Roland Schmid

Nur hat man die Idee lieblos umgesetzt. In der Ladenfront haben sich ein Handwerker und ein Berufsbekleidungsladen eingenistet – für Pendler uninteressant. Und die Bäume stehen abweisend da, umgeben von einer Teerwüste, die gleichzeitig Buskehrplatz ist. Und ob das Betonrechteck tatsächlich ein Brunnen sein soll? Fazit: Bei der Neugestaltung des Bahnhofs wurde eine Chance verpasst.

Frenkendorf-Füllinsdorf: Der Schmuddelige

Wem es gefällt, dass einem beim Betreten des Bahnhofareals frühmorgens schon der Geruch von Döner entgegenkommt, der ist am Bahnhof Frenkendorf-Füllinsdorf goldrichtig. Uns hat das weniger gefallen – so wie auch der Rest des Bahnhofs. Ja, das Angebot für Reisende ist gross. Es gibt einen Laden mit Café und einen Kiosk, ein Restaurant direkt neben dem Bahnhof, einen Dönerstand und genügend Parkplätze nebenan. Doch obwohl der Bahnhof erst 2015 saniert und daher modern sein sollte, ist alles etwas schmuddelig. Abfall und Zigarettenstummel liegen am Boden, Wände und Fenster sind schmutzig.

 Das Angebot am Bahnhof Frenkendorf-Füllinsdorf ist zwar gross.

Das Angebot am Bahnhof Frenkendorf-Füllinsdorf ist zwar gross.

Roland Schmid

Aber der wahre Übeltäter am Bahnhof Frenkendorf-Füllinsdorf ist die Unterführung: Der Geruch von Urin liegt in der Luft (hätten wir uns bloss nicht über den Döner beschwert), die Unterführung ist eng, dunkel, die Decken sind niedrig, wirken erdrückend. Nachts möchte man hier wohl nicht alleine durchgehen.

 Besonders die Unterführung wirkt aber unheimlich.

Besonders die Unterführung wirkt aber unheimlich.

Roland Schmid

Es ist übrigens nicht die einzige Unterführung ihrer Art: Nur 200 Meter weiter, auf Höhe der Ergolzstrasse, verschwindet eine weitere Unterführung unter den Gleisen – sie gehört zum Schulweg vieler Kinder. In den vergangenen Jahren wurden in der versprayten Unterführung immer wieder Funde gemacht: Menschliche Exkremente zeugen davon, dass jemand die Unterführung gerne für sein grosses Geschäft missbraucht.

Münchenstein: Das Mauerblümchen

Das Positive zuerst: In Münchenstein halten Züge. Und man kommt auf die Gleise, denn die SBB haben standardmässig den Bahnhof ausgebaut – falls man darunter wirklich nur die Perrons und die Gleise versteht. Park and Ride und ein Mobility-Auto gibt es auch. Und einen Kaffeeautomaten. Aber darum herum ist: nichts. Eine zerfallende Lagerhalle, die sich allenfalls für illegale Partys eignet. Im ehemaligen Bahnhofsgebäude verkauft jemand Harley-Töffs – nicht gerade das, was Pendler suchen. Und das leere Weichenpult hinter den milchigen Scheiben verbreitet einen leicht morbiden Eindruck. Davor hat sich der Verkehrs- und Verschönerungsverein erbarmt und einen dreieckigen Brunnen (hat das eine tiefere Bedeutung?) und ein Bänggli hingestellt. Ein Kirschbaum, eine Tanne, eine merkwürdige Holzwartehalle mit Sandboden an einer noch merkwürdigeren Lage ergänzen das trostlose Bild. «Sex» hat jemand rebellisch an eine Wand gekrafelt, und die FCB-Fans haben bunte Spuren hinterlassen. Ansonsten ist der Bahnhof kaum von Vandalismus befallen, und offensichtlich wird hier regelmässig gereinigt.

 Der Bahnhof Münchenstein.
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 Im ehemaligen Bahnhofsgebäude verkauft jemand Harley-Töffs.
 Die Spurensicherung war wegen Vandalismus hier.
 Hier soll ein Hochhaus erstellt werden.
 Am Bahnhof in Münchenstein ist derzeit nichts, das Menschen anlocken würde.

Der Bahnhof Münchenstein.

Roland Schmid

Wenigstens hat die Gemeinde den Handlungsbedarf erkannt. Keine 20 Meter von den Gleisen entfernt ist ein 30 Meter hohes Hochhaus mit 10 Stockwerken geplant, darin 80 Wohnungen und öffentliche Nutzungen im Erdgeschoss. Platz für weitere solche Projekte wäre rund um den Bahnhof vorhanden. Eine Aufwertung des Quartiers Gstad in unmittelbarer Nähe ist angedacht. Auf dem van-Baerle-Areal sind 400 Wohnungen geplant. In Fussdistanz ist auch das Walzwerk, ein Publikumsmagnet. Westlich vom Bahnhof gibt es einige Industrien. Bewohner und Berufstätige gibt es rund um den Bahnhof Münchenstein also genug. Sie haben Besseres verdient als diesen kümmerlichen Bahnhof.

Dornach-Arlesheim: Da jubelt das Pendlerherz

Gibt es den perfekten Bahnhof? Vermutlich nicht. Aber derjenige in Dornach-Arlesheim kommt zumindest nahe dran. Dank dem elegant geschwungenen Dach – ein architektonisches Highlight! – kommt man immer trocken vom Zug in den Bus oder – jawohl – ins Tram. Und es gibt, in beliebiger Reihenfolge: einen Billettschalter, grosszügige Abfahrtsanzeigen für Zug, Tram und Bus, einen Kiosk, eine Post, ein Restaurant mit lauschiger Terrasse unter Bäumen, einen Bäcker mit Café, unzählige Einrichtungen im Gesundheitsbereich (Arztpraxen, Apotheke, Physiotherapie, Spa, Fitnesszentrum, Optiker), zwei (!) Fotoautomaten, einen Kaffeeautomaten, zwei 20-Minuten-Spendeboxen (die auch am Nachmittag nicht leer sind), Sitzbänke unter Bäumen, einen Bankomaten, einen Briefkasten, einen Ortsplan für Arlesheim und einen für Dornach, zweistöckige Veloparkplätze, Autoparkplätze, eine Toilette. Die Liste könnte wohl noch lange fortgeführt werden. Erwähnt sei noch eine Einzigartigkeit: der Briefkasten der Gemeinde Dornach, in der die Stimmbürger ihre Abstimmungsunterlagen einreichen können (die Arlesheimer haben leider diese Möglichkeit nicht).

 Der fast perfekte Bahnhof: Dornach-Arlesheim.

Der fast perfekte Bahnhof: Dornach-Arlesheim.

Roland Schmid

Dabei steht der Bahnhof Dornach-Arlesheim nicht wirklich zentral, wie der Name es sagt, eben zwischen zwei Gemeinden, und das auch noch in zwei verschiedenen Kantonen. Die Grenze verläuft quer durchs weitläufige Areal, was die Planung auch nicht einfacher machte, als der Bahnhof inklusive anliegenden Wohnbauten mit Läden neu gestaltet wurde. Andere Bahnhöfe, etwa Laufen oder Liestal, bieten ähnlich viel. Aber sie sind historisch gewachsen und näher an den Ortskernen. In Dornach-Arlesheim wurde quasi aus dem Nichts heraus ein funktionierender Bahnhof erstellt, der alle Bedürfnisse befriedigt. Da jubelt das Pendlerherz. Fehlt nur noch, dass die Schnellzüge dort halten.

Zwingen: Der Hinterhof-Bahnhof

In einer nebligen Nacht könnte der Zwingner Bahnhof durchaus gruselig wirken. Die verschmierten Brückenpfeiler der Strasse, die über den Bahnhof führt, das verlassene, heruntergekommene Bahnhofgebäude und der menschenleere Vorplatz verleihen dem Ort eine gespenstische Atmosphäre.
Hier gibt es keine Einkaufsmöglichkeiten und nichts, das Menschen herziehen würde, die nicht die S 3 nutzen wollen.

Ein Restaurant steht zwar nebenan, doch dort sind gerade Betriebsferien. Kaum jemand hält sich – auch mitten am Tag und bei Sonnenschein – hier auf. Zum mulmigen Gefühl trägt auch das Gleis bei, das hier mitten auf dem Bahnhofplatz endet. Früher wurde es für die Industrie genutzt, heute hat sich die Natur Teile davon zurückgeholt, trockenes Gras wuchert über die Schienen.

 Gespenstisch: Der Bahnhof in Zwingen.

Gespenstisch: Der Bahnhof in Zwingen.

Roland Schmid

Im Vergleich zu anderen Bahnhöfen im Laufental fällt Zwingen deutlich ab. Er erinnert eher an einen heruntergekommenen Hinterhof als an eine moderne S-Bahn-Haltestelle. In Grellingen oder Laufen sieht die Situation anders aus: Einladende Sitzgelegenheiten, Einkaufsmöglichkeiten, Cafés. Würde der Zwingner Bahnhof heute gebaut, würde er – hoffentlich - anders geplant.