Urteil

Vollkorn-Debakel: Baselbieterin zieht vors Kantonsgericht – wegen eines Brötlis

Wenn man sich einen Zahn ausbeisst, kann es unappetitlich werden – oder teuer. Ein solcher Vorfall gipfelte in einer Gerichtsverhandlung. Denn die Geschädigte verklagte ihre Versicherung, nachdem diese keine Anstalten gemacht hatte, die Kosten zu begleichen.

Benjamin Wieland
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Ein verhängnisvolles Brötchen: Auch scheinbar harmlose Speisen können das Gebiss schädigen.

Ein verhängnisvolles Brötchen: Auch scheinbar harmlose Speisen können das Gebiss schädigen.

Thinkstock

Auf einer Liste mit gefährlichen Gegenständen würde es kaum auf dem ersten Platz landen: das Vollkornbrötli. Dabei kann es grossen Schaden anrichten. Das musste eine Baselbieterin erfahren – am eigenen Gebiss. Noch mehr als der Spalt im Zahn schmerzte sie aber wohl das Loch, das nach dem Unfall in ihrem Portemonnaie klaffte. Denn ihre Versicherung tat das, was Versicherungen generell gerne tun: Sie bockte.

Es war im vergangenen Jahr, als die Frau, nennen wir sie Claudia Müller, in das Brötchen biss. Es sah gesund und harmlos aus, hatte es aber in sich, was in diesem Zusammenhang wörtlich zu verstehen ist. Der Vorfall gipfelte in einer Gerichtsverhandlung. Denn die Geschädigte verklagte ihre Versicherung, nachdem diese keinerlei Anstalten gemacht hatte, die Zeche zu begleichen.

Wo ist das Corpus Delicti?

Aber zurück zum Brötchen. Wir schreiben den 26. August 2016: Claudia Müller ist gerade dabei, die gebackene Teigmasse zu zerkleinern, da durchzuckt sie plötzlich ein Schmerz. Ein Backenzahn ist zerstört und nicht mehr zu retten. Das stellt später der Zahnarzt von Frau Müller fest. Die Längsspaltung von Zahn Nummer 26 könne unmöglich nur durch Kauen entstanden sein, heisst es im Bericht des Dr. Med. Dent. Also sei eine «äussere Einwirkung» Schuld. Sprich: Müller muss tatsächlich auf etwas Hartes gebissen haben. Auf was genau, das wusste sie jedoch nicht. Das Corpus Delicti war schon verschluckt.

Der Zahnarzt stellte Frau Müller eine Rechnung aus, ebenso einen Kostenvorausschlag. Der Fehlbiss kam sie teuer zu stehen, total 4839 Franken und 35 Rappen. Ein Vollkorn-GAU.
Nachdem ihre Unfallversicherung die Rechnung abgelehnt hatte, ging Müller vor das Baselbieter Kantonsgericht und die Versicherung zu einem Anwalt. Das Gericht wiederum ging auf die Beschwerde ein, kam jedoch zum Fazit: Die Rechnung muss nicht beglichen werden. Die Beklagte, die Basler Versicherung AG, sei im Recht.

Zwar sei es eher ungewöhnlich, dass ein Vollkornbrötli Material enthalte, das Zähne spalten könne, heisst es in der kürzlich publizierten schriftlichen Urteilsverkündung. Aber Frau Müller sei ihrer Beweispflicht nicht nachgekommen. Denn sie hatte den Gegenstand nicht vorweisen können. Somit fehle der Beweis, hielt die Gerichtspräsidentin fest, und ohne Beweis habe man es nur mit einer «blossen Vermutung» zu tun.

Und weil es an der Geschädigten gelegen hätte, den notwendigen Beweis zu erbringen, müsse sie auch die Folgen der selbst verschuldeten Beweislosigkeit tragen. Was nichts anderes bedeutet als: Müller bleibt auf den Kosten sitzen.

Klarer Fall: Dreikönigskuchen

Das Kantonsgericht geht in seinem Urteil nicht näher darauf ein, wie denn die Versicherte die Beweispflicht im konkreten Fall überhaupt hätte bewerkstelligen können. Im sechs Seiten zählenden Urteil findet sich – es ist niemandem zu verübeln – kein einziger Hinweis auf eine praktikable Beweisaufnahme nach Verschluckungen.

Trotzdem bleibt ein schaler Nachgeschmack. Bisher gingen Konsumenten davon aus, dass sie einen Zahnschaden nur dann zu begleichen haben, wenn sie ein Risiko eingegangen waren. Das hält auch das Kantonsgericht fest. Manchmal müsse man durchaus damit rechnen, in Nahrungsmitteln auf etwas Hartes zu stossen. Auf einen Splitter einer Muschelschale auf einer Meeresfrüchte-Pizza zum Beispiel, oder auf ein Nussstück in einer Nussschokolade. Eindeutig ist die Schuldfrage beim Dreikönigskuchen: Wer nach dessen Konsumation notfallmässig zum Zahnarzt muss, sollte gar nicht erst dran denken, bei der Versicherung anzuklopfen.

Doch auch bei unverdächtigen Speisen haftet die Versicherung nicht in jedem Fall. So bleibt nur der Rat, Esswaren immer mit der notwendigen Sorgfalt zu verzehren. Sonst drohen Suchaktionen der unangenehmen Art.