Klimawandel
Verrückte Temperaturen: Der Baselbieter Kirschbaum blüht so früh wie letztmals 1894

Der Liestaler Referenzbaum schlägt fast alle Rekorde in einer langen Aufzeichnungsreihe.

Andreas Hirsbrunner
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Der - blühende - Referenzkirschbaum ist unscheinbar.

Der - blühende - Referenzkirschbaum ist unscheinbar.

Kenneth Nars

Der Klimawandel wurde zwar aus den Schlagzeilen verdrängt, damit aber noch lange nicht aus der Welt geschafft. Ein regionales Beispiel für die fortschreitende Erwärmung bietet derzeit einmal mehr ein ganz spezieller Kirschbaum in Liestal.

Diese Wildkirsche am Waldrand im Gebiet Burghalden ist völlig unscheinbar und kaum jemand würde diesem Baum Beachtung schenken, wenn da nicht etwas wäre, was ihn zusammen mit einer Rosskastanie in Genf in der Schweiz einmalig macht: Die beiden Bäume werden seit dem 19. Jahrhundert – die Rosskastanie seit 1808, der Kirschbaum seit 1894 – gezielt beobachtet. Bei der Rosskastanie interessiert der Zeitpunkt des Blattaustriebs, beim Kirschbaum jener des Aufblühens. Das heisst der Tag, an dem sich mindestens 20 Prozent der Blütenblätter voll entfaltet haben.

Allzeitrekord haarscharf verpasst

Seit einer Woche besucht Andreas Buser vom Landwirtschaftlichen Zentrum Ebenrain in Sissach den Baum regelmässig. Er zückt den Feldstecher, schaut längere Zeit in die Krone und winkt zur Enttäuschung des Journalisten ab: «Nein, es ist noch nicht so weit.» Buser ist durch und durch Wissenschaftler und drückt auch nicht eines Rekords wegen ein Auge zu. Das handhabt er seit 2002 so, als er die Beobachtung des Kirschbaums übernommen hat. Im Zweifelsfall zählt er lieber die Blüten, als ein unsicheres Resultat in die Welt zu setzen. Vorgestern und damit knapp am Allzeitrekord vorbei war es dann so weit: Buser war sich sicher, dass das Quorum von 20 Prozent offener Blüten erfüllt ist. Das meldet er auch so an Meteo Schweiz weiter, die mittlerweile für die Aufzeichnungsreihe verantwortlich ist; begonnen hat damit ein Baselbieter Regierungsrat namens Eduard Heinis.

Als Bezugsgrösse dient der durchschnittliche Blütebeginn der Jahre 1961 bis 1990. Das ist der 103. Tag im Jahr, also der 13. (in Schaltjahren) oder 14. April. Am grössten war die Abweichung im Jahr 1990: Damals blühte der Kirschbaum 28 Tage früher. Jetzt sind es 26 Tage und somit das zweitfrüheste Aufblühdatum seit Aufzeichnungsbeginn vor 126 Jahren. Auffallend ist, dass sich in den letzten Jahren die frühen Blütetermine häuften. Nimmt man das Mittel der letzten zehn Jahre, so begann der Baum durchschnittlich am 4. April zu blühen. Das andere Extrem fand übrigens im Jahr 1929 statt, als der Kirschbaum erst am 3. Mai in Blüte stand.

Allerdings handelte es sich damals noch um einen Nachbarbaum, der 1968 einging. Auch sein Nachfolger mit sehr ähnlichem Blüteverhalten dürfte in ein paar Jahren das Zeitliche segnen. Zwar hat Buser drei Bäume in der Nachbarschaft als mögliche Nachfolger auserkoren, doch das hat für den Wissenschaftler einen Nachteil: «Die Bäume sind genetisch nicht identisch.»

Er hat deshalb zusammen mit seinem Nachfolger beim Ebenrain, Franco Weibel, eine Idee kreiert: Mehrere Äste des heutigen Referenzbaums sollen mithilfe eines Sky-Lifts zurückgeschnitten werden. In einem Jahr sollen dann die Triebe, die sich an den Schnittstellen bilden, entfernt und als Stecklinge in einer Baumschule aufgezogen werden. Etwa vier Jahre später könnten die genetisch identischen Jungbäume in der Nähe des Referenzbaums gesetzt werden und einer von ihnen könnte künftig dessen Rolle übernehmen. Im Moment ist aber noch offen, ob das so realisiert wird.

Früher planten die SBB aufgrund des Blütebeginns

Einst hatte der Liestaler Kirschbaum nicht nur eine wissenschaftliche, sondern auch eine wirtschaftliche Bedeutung. In der Heimatkunde Liestal ist dazu zu lesen: «Immer wieder wurden Berechnungen angestellt, mit denen eine Prognose für die Kirschenernte gemacht werden konnte. So zeigte sich, dass 50 Tage nach dem Aufblühen des Referenzbaumes die Kirschenernte in Pratteln beginnt, mit einer geringen Abweichung von einem bis zwei Tagen.» Nicht zuletzt aufgrund dieser Prognosen erstellten die SBB offenbar ihre Personalplanung von den Lokomotivführern bis zu den Barrierewärtern, um die Kirschen abtransportieren zu können.

Buser meint, solche Berechnungen hätten bis Ende der 1980er-Jahre funktionieren können, weil es damals ein paar wenige relevante Kirschensorten wie Schauenburger, Basler Adler und Basler Langstieler gab. Bei der heutigen Vielfalt sei das aber ganz anders. Buser: «Entscheidend für Termin und Umfang der Kirschenernte ist das Wetter im April.»