Staatsanwaltschaft
Baselbieter Verbrecherjäger stossen ins Darknet vor

Die neu geschaffene Abteilung Cybercrime ist nach der Projektphase scharf gestellt. Mit zusätzlichem Personal will sie Online-Betrügern zuvorkommen. Diese Aufgaben und Ziele stehen bevor.

Bojan Stula
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Auf die Baselbieter Cyber-Ermittler wartet noch viel Aufbauarbeit. Hier im Bild ein Kollege der Zuger Polizei bei seinen Ermittlungen.

Auf die Baselbieter Cyber-Ermittler wartet noch viel Aufbauarbeit. Hier im Bild ein Kollege der Zuger Polizei bei seinen Ermittlungen.

Bild: Stefan Kaiser

Vor allem wegen Corona sind die Baselbieter Cybercrime-Jägerinnen und -Jäger noch nicht dort, wo sie gerne hin möchten. Dies geht aus dem neu erschienenen Tätigkeitsbericht 2020 der Staatsanwaltschaft hervor. Nach dem offiziellen Start der neuen Fachstelle am 1. April vor einem Jahr hätten die beiden Coronalockdowns unter anderem Weiterbildungen, interne Schulungen und den Austausch mit anderen Bereichen der Verwaltung behindert. Ebenso musste das Bewerbungsverfahren für eine zusätzliche Stelle sistiert werden.

Dies soll aber in diesem Jahr mit der Anstellung einer zusätzlichen Untersuchungsbeauftragten nachgeholt werden. Bis dahin müssen der Baselbieter Cybercrime-Staatsanwalt und die im Jahresverlauf von der Untersuchungsbeauftragten beförderte stellvertretende Cybercrime-Staatsanwältin zu zweit ihre Aufbauarbeit fortsetzen und gleichzeitig in zahlreichen zur Anzeige gebrachten Fällen ermitteln.

Entsprechend fallen die Ziele etwas vage aus, welche die abtretende Erste Staatsanwältin Angela Weirich der Fachstelle fürs neue Berichtsjahr mitgibt: 2021 sollen die Abläufe mit der Polizei Basel-Landschaft optimiert, das fachliche Know-how weiter ausgebaut und die Internet-Vorermittlung im Darknet aufgenommen werden. Cybercrime-Staatsanwalt Philippe von Planta erklärt, was mit Letzterem gemeint ist:

«Ausserhalb eines konkreten Strafverfahrens im Darknet präsent zu sein, um frühzeitig über kriminelle Entwicklungen ein Bild zu erhalten. Eine Art Darknet-Patrouille also.»

Rund 180 Strafverfahren bis Ende 2020 eröffnet

Doch selbst ohne Darknet-Überwachung wartet genug Arbeit auf das Duo. Alleine bis Ende Dezember 2020 sammelten sich 178 Cybercrime-Verfahren in der neuen Fachstelle an, von denen noch keines abgeschlossen werden konnte, wie Staatsanwaltschaftssprecher Michael Lutz auf Nachfrage sagt. Auffällig dabei ist, dass knapp ein Drittel aller Verfahren zwei Phänomene der Cyberkriminalität betrifft: den Online-Anlagebetrug und Erpressungen durch Ransomsoftware; also das mutwillige Verschlüsseln oder Sperren fremder Geräte.

Daneben sehen sich die Baselbieter Cybercrime-Ermittler aber auch mit zahlreichen anderen Formen des Online-Betrugs konfrontiert: von Hackerangriffen über betrügerischen technischen Support bis hin zum Missbrauch fremder Identitäten. An einer Reihe von öffentlichen Informationsveranstaltungen Ende 2019 berichteten Betroffene aus der Bevölkerung besonders häufig von der Masche des «Love Scam». Auf die ersten romantischen Annäherungen in Datingchats folgen meist mehr oder weniger direkte Aufforderungen nach Geldüberweisungen.

Standardisierte Verfahren steigern die Reaktionsfähigkeit

Gemeinsam mit der sechs Köpfe umfassenden Polizeieinheit IT-Ermittlung geht es für das Team der Staatsanwaltschaft prioritär darum, gerade in den beiden Bereichen standardisierte Ermittlungsmethoden zu erarbeiten, um schnell und wirkungsvoll auf Cybercrime-Wellen reagieren zu können. Der Jahresbericht der Staatsanwaltschaft nennt hierbei zwei neue Lösungsansätze für wirkungsvolle Gegenmassnahmen.

In «Musterverfahren» werden ermittlungstechnische Erkenntnisse gewonnen, welche elektronischen Fahndungsmethoden besonders gut funktionieren. In «Aufbauverfahren» werden Puzzlespielen gleich Erkenntnisse aus einzelnen Strafverfahren zu einem Gesamtbild zusammengefügt, um dadurch einen grösseren Ermittlungsansatz zu gewinnen. Beides mit dem Ziel, möglichst rasch die unbekannte Täterschaft zunächst lokalisieren und anschliessend identifizieren zu können.

Dies oftmals im Zusammenspiel mit den Cybercrime-Abteilungen anderer Kantone und des Bundes, wie Sprecher Michael Lutz anfügt:

«Denn je mehr Anzeigen zu einem bestimmten Cybercrime-Phänomen eingehen und miteinander abgeglichen werden, desto genauer wird das Gesamtbild. Das wiederum steigert die Möglichkeiten der Strafverfolgung.»

Gemäss Geschäftsbericht funktioniert gerade die Zusammenarbeit mit anderen Kantonen und Bundesstellen sehr gut, was als positive Errungenschaft des «schwierigen Starts unter Coronabedingungen» hervorgehoben wird. Das betreffe sowohl das neu geschaffene Nationale Zentrum für Cybersicherheit (NSCS) als auch den Cyber-Lehrgang der Schweizer Armee, an dem Staatsanwalt von Planta Referent ist.

Deutlich weniger Strafbefehle im Strassenverkehr

Nicht nur die neue Fachstelle Cybercrime, auch die Arbeit in den übrigen Abteilungen der Baselbieter Staatsanwaltschaft wurde 2020 durch die Pandemie beeinflusst. Eine wesentliche Entlastung brachte der eingeschränkte Strassenverkehr der Hauptabteilung Strafbefehle. Diese musste im Vergleich zu 2019 rund 2500 Fälle weniger wegen Verkehrsdelikten und Geschwindigkeitsüberschreitungen bearbeiten. Auch die Anzeigen wegen Vergehen und Verbrechen gingen wegen der Pandemie zurück; hier schlugen rund 500 Fälle weniger zu Buche. Andererseits behinderten die beiden Lockdowns die Arbeit der Staatsanwältinnen und -anwälte bei der Fallerledigung. So konnten laut Jahresbericht 2020 «zahlreiche Untersuchungshandlungen (z.B. nicht dringende Einvernahmen und Hausdurchsuchungen, Rechtshilfeersuchen etc.) nicht durchgeführt werden und mussten auf einen späteren Zeitpunkt verschoben werden». Insgesamt seien im Berichtsjahr 22'325 Fälle erledigt worden, was im Vergleich zum Vorjahr einem Rückgang um 2643 Fälle entspreche. Mit Strafbefehlen wurden insgesamt 15'474 Fälle erledigt, woraus sich im Vergleich zum Jahr 2019 ein Rückgang von 3070 Fällen ergibt, heisst es im Jahresbericht. Dieser ist der letzte, den die langjährige Erste Staatsanwältin Angela Weirich verantwortet. Sie wird am 1. Juli neue Generalsekretärin von SP-Sicherheitsdirektorin Kathrin Schweizer. Ihre Nachfolge ist noch nicht bestimmt.

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