Schadensbilanz
Nach dem Gewitter kam die Sintflut: Unwetter richtet grosse Schäden im Oberbaselbiet an

Starke Niederschläge überschwemmten in mehreren Oberbaselbieter Gemeinden Strassen und Liegenschaften. Garagen wurden geflutet, Bäume knickten um und Autos wurden von den Fluten mitgeschwemmt. Die Aufräumarbeiten könnten noch einige Tage andauern. Auch die Baustellen der Waldenburgerbahn wurden in Mitleidenschaft gezogen.

Kelly Spielmann, Eva Oberli und Simon Tschopp
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Schäden in Zunzgen.

Schäden in Zunzgen.

Juri Junkov

Es ist 10 Uhr morgens, am Tag nach dem Unwetter, das am Mittwochabend über die Region fegte. In Zunzgen stehen Menschen mit Besen vor ihren Häusern, Geschäften und Cafés und wischen Schlamm vom Trottoir auf die Strasse. Kantonsmitarbeiter kratzen Steine, Holz und Schlamm aus den Dolendeckeln. Anwohnerinnen und Anwohner ziehen verschlammte Velos, Schachteln und Geräte aus ihren Garagen. Ein ganzes Dorf räumt auf.

In Zunzgen wurden Keller geflutet.

In Zunzgen wurden Keller geflutet.

Juri Junkov

«Ich habe hier auch schon grosse Unwetter erlebt», sagt Gemeindepräsident Hansruedi Wüthrich und nennt einen Sturm, der im Jahr 2016 nur einen Tag später stattgefunden hatte.

«So schlimm wie dieses Mal war es aber noch nie. Es ist wirklich das ganze Dorf betroffen.»

Denn der Diegterbach führte am Mittwochabend enorm viel Wasser und trat über die Ufer – damit richtete er grosse Schäden an. Rund 250 Helferinnen und Helfer standen in der Nacht im Einsatz.

«Das wird noch Tage dauern»

Geht man am Donnerstagmorgen dem Bach entlang durchs Dorf, sind die Spuren des Sturms überall zu sehen. An der Brücke vor dem Kafi Brüggli hängt Schwemmholz. Umgeknickte Bäume strecken sich über den Bach. In den Gärten benachbarter Häuser liegen verschlammte Grünabfuhr-Kübel. «Hier hat es recht gefegt», sagt ein Spaziergänger, der wie Dutzende andere stehen bleibt, um die Verwüstung zu betrachten. Etwas weiter südlich ist ein Pannendienst dabei, ein Auto zu befreien, das an eine Mauer geschwemmt wurde.

Schwemmholz blieb im ganzen Dorf hängen.

Schwemmholz blieb im ganzen Dorf hängen.

Juri Junkov
«Ich war den ganzen Morgen im Dorf, habe mir die Situation angeschaut und mit Leuten gesprochen»,

berichtet Wüthrich. Auch habe es eine Krisensitzung gegeben, um abzuklären, wie die Gemeinde bei den Aufräumarbeiten mithelfen könne. «Ein Tag wird dafür nicht reichen», prophezeit Wüthrich, «das wird noch Tage dauern.»

Doch Zunzgen ist nicht das einzige betroffene Dorf. «In erster Linie waren Gemeinden im oberen Baselbiet betroffen», sagt Adrian Gaugler, Mediensprecher der Baselbieter Polizei. Bis 23 Uhr seien am Mittwoch rund 1000 Notrufe eingegangen, was zu 300 Feuerwehreinsätzen in diversen Gemeinden geführt habe. So beispielsweise in Sissach, Ormalingen, Rothenfluh, Hölstein und Niederdorf. Die Baselbieter Gebäudeversicherung schätzt den Schaden auf über fünf Millionen Franken. Sie zählt, Stand Donnerstag um 15 Uhr, bereits über 500 Meldungen von Betroffenen.

Ein Keller in Niederdorf.

Ein Keller in Niederdorf.

Juri Junkov
Ein Anwohner muss seinen Keller räumen.

Ein Anwohner muss seinen Keller räumen.

Juri Junkov

Die Folgen des Hochwassers reichten bis zum Birsköpfli, wo ein Ölteppich entfernt werden musste. Dies, weil im Kanton Jura aufgrund des Unwetters ein Öltank kaputtgegangen ist.

Flut im Waldenburgertal verebbte rasch

Von den schmutzig braunen Wassermassen, die tags zuvor in den Abendstunden die Hauptstrasse in Niederdorf und Hölstein fluteten, ist am Donnerstagmorgen nicht mehr viel zu sehen. Der Verkehr im Tal läuft in beide Richtungen und wird wie schon seit Beginn des Schienen-Neubaus via Lichtsignalanlage und teilweise von Security-Personal geregelt.

Personenwagen, LKW, Fahrräder und Baustellenfahrzeuge können sich auf den bereits vollständig geräumten Strassen ohne weitere Behinderungen fortbewegen. Auch der Bus verkehrt gemäss Fahrplan und bedient alle Haltestellen. Laut einem Chauffeur, der gegen 10 Uhr morgens nach Waldenburg fährt, habe der Busbetrieb in den frühen Morgenstunden «eigentlich ganz normal» aufgenommen werden können. «Halt einfach mit den entsprechenden Vorsichtsmassnahmen beim Fahren.»

Niederdorf am Tag nach dem Sturm.

Niederdorf am Tag nach dem Sturm.

Juri Junkov

An der Waldenburgerbahn-Baustelle entlang der Frenke in Niederdorf zeigen sich Relikte letzter Nacht in Form von grossen Mengen Schwemmholz. Bauarbeiter fischen Äste, Wurzeln und Bruchstücke von rot-weissen Absperrlatten aus den überschwemmten Baugruben (siehe Text unten) und sammeln diese in Baggerschaufeln und Baustoff-Mulden.

Kinder unversehrt zur Schule bringen

«Zu allererst möchte ich den Einsatzkräften meinen grossen Dank aussprechen», sagt der Niederdörfer Gemeindepräsident Martin Zürcher am Tag danach. Die beiden Feuerwehren Wolf und Frenke, die Kantonspolizei, der Zivilschutz, die BLT sowie die Angestellten des Baukonzerns Implenia hätten «hervorragende Arbeit» geleistet und dank Nachträumung ermöglicht, dass die Talstrasse bereits ab 2 Uhr morgens wieder befahrbar war.

«Unsere Aufgabe als Gemeinderat bestand darin, sicherzustellen, dass die Kinder des Dorfes am Donnerstagmorgen unversehrt in die Schule und in den Kindergarten gelangen»,

so Zürcher. Der Gemeindepräsident spricht beim Ausmass der Regenfälle von einem Jahrhundertereignis und meint: «Die Hoffnung besteht, dass nun auch die letzten Skeptiker erkannt haben, wie unverzichtbar der Hochwasserschutz für Niederdorf ist.»

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Viel Wasser und Schlamm in den Baugruben

Die starken Regenfälle vom Mittwochabend haben auch Baustellen der Waldenburgerbahn in Mitleidenschaft gezogen. Doch die Baselland Transport AG (BLT) als Bauherrin könnte mit einem blauen Auge davongekommen sein. Reto Rotzler, Leiter Infrastruktur der BLT, stellt «starke Verschmutzungen» primär in Niederdorf fest. Vom Unwetter betroffen sind ebenfalls die Baustellen beim Waldenburger Bahnhof und bei der Station Hölstein.

Rotzler hofft, dass an bereits erstellten neuen Bauwerken wie der Stützmauer in Niederdorf keine Schäden entstanden sind. Aber das müssten Bauleitung und Unternehmen erst mal genau anschauen. «Unsere grosse Baugrube ist trotz Absicherung mit Stahlspundwänden mit Wasser vollgelaufen, es hat viel Schlamm drin.» Das Wasser geriet in Niederdorf über die Vordere Frenke hinaus. Diverse Objekte wie eine WC-Kabine wurden weggeschwemmt und kippten um.

Die dortige Aufräum- und Putzaktion dauert gemäss Reto Rotzler «sicher eine Woche», bis man wieder regulär weiterarbeiten kann. Vorausgesetzt, es stellt sich nicht doch heraus, dass Neubauten beschädigt worden sind. Der BLT-Vertreter geht davon aus, dass es trotz des ambitionierten Zeitplans für den Neubau der Waldenburgerbahn eine Woche Verzögerung erträgt.

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