Regionale Landwirtschaft
Der Klimawandel ist Krise und Chance zugleich

Wie ist die hiesige Landwirtschaft vom Klimawandel betroffen? Wo schadet sie dem Klima? Wie schützt sie es? Eine Tagung liefert Antworten.

Simon Tschopp
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Ebenrain-Leiter Lukas Kilcher während seines Vortrags.

Ebenrain-Leiter Lukas Kilcher während seines Vortrags.

Simon Tschopp

Jeder Lebens-, Arbeits- und Freizeitbereich ist auf irgendeine Art vom Klimawandel betroffen. Fachleute aus dem Dreiland haben am Donnerstag im Ebenrain-Zentrum für Landwirtschaft, Natur und Ernährung in Sissach über Herausforderungen und grenzüberschreitende Lösungen in der Landwirtschaft referiert und diskutiert. Organisiert hat die Tagung Lukas Kilcher, Leiter des Ebenrain und Präsident der trinationalen Arbeitsgruppe Landwirtschaft. Diese ist Teil der Deutsch-Französisch-Schweizerischen Oberrheinkonferenz.

Differenziertes Bild der Landwirtschaft

Die Wetterextreme setzen der Landwirtschaft stark zu. Kilcher erklärt:

«Unsere Region ist vom Klimawandel besonders betroffen.»

Damit meint er nicht nur die im nationalen Vergleich geringeren Niederschläge und häufigeren Hitzetage, sondern auch die fehlenden Bewässerungsmöglichkeiten während Trockenperioden im mittleren und oberen Baselbiet; in der Oberrheinischen Tiefebene sei die Situation ungleich besser. Der Agrarökonom stellt die Landwirtschaft differenziert dar: Sie ist vom Klimawandel betroffen, aber auch Mitverursacherin und kann sogar zur Klimaschützerin werden. In der Tierhaltung gibt es zahlreiche Bestrebungen, Ammoniak-Emissionen zu verringern, zum Beispiel über die Anpassung von Dünge- und Haltungsformen.

Ein nationales Pionierprojekt des Ebenrain ist der Aufbau von Humus in Ackerböden. Auf über 1150 Hektaren betreiben Baselbieter Landwirtschaftsbetriebe Humusaufbau und erhöhen so die Speicherfähigkeit ihrer Böden für Wasser und Nährstoffe. Gleichzeitig fixieren sie CO2 aus der Luft im Boden und tragen dabei zum Klimaschutz bei. Überprüft wird der Erfolg mit georeferenzierten Bodenanalysen. Der Humusaufbau erfordert viel Zeit. Wie viel Dauerhumus aufgebaut werden kann, wird mit wissenschaftlicher Begleitung des Forschungsinstituts für Biolandbau (FiBL) gemessen und ist Schwerpunkt eines neuen trinationalen Interregprojekts.

Der Ebenrain-Chef betont:

«Wir müssen die Kulturen immer mehr schützen, und das kostet richtig viel.»

Die Folge sind teure Investitionen und höhere Produktionskosten, zudem verändern sich die Landschaften wegen Hightech-Abdeckungen. Der Kanton bietet den Landwirtschaftsbetrieben Finanzhilfen an und unterstützt Förderprogramme.

Gefragt sind intelligente Techniken

Klimawandel und wie damit umgehen findet auch immer mehr Einzug in der landwirtschaftlichen Ausbildung und Forschung. Intelligente Techniken sind gefragt; beispielsweise sollen mit Retentionsmassnahmen Regenwasser genutzt und Erosion vermieden werden. Mit diesem Projekt hat der Ebenrain in Zusammenarbeit mit Cewas, dem internationalen Kompetenzzentrum für Wassermanagement in Willisau, am ersten Swiss Water Climate Forum im September den Bronze Award geholt. Mit dem Klimawandel verbunden sind ebenfalls neue Risiken; neue Schädlinge und Krankheiten erfordern mehr Pflanzenschutz, was die Ernte negativ beeinflusst.

Für Lukas Kilcher ist klar:

«Die Landwirtschaft muss sich am Klimaschutz beteiligen, kann aber allein die Probleme nicht lösen.»

Durch die Wachstumsgesellschaft steigen jedoch die Ansprüche an den Schweizer Bauernstand ständig, während hier die landwirtschaftliche Nutzfläche pro Jahr um 2750 Hektaren kleiner wird – eine Rechnung, die schon lange nicht mehr aufgeht. «Der Selbstversorgungsgrad in der Schweiz ist inzwischen auf unter 50 Prozent gesunken, für unsere Ernährung brauchen wir inzwischen eine zweite Schweiz», folgert Kilcher. Um eine klimaverantwortliche Ernährungspolitik zu verfolgen, sind Zielkonflikte programmiert. So müssen auch Ernährungsempfehlungen neu definiert werden:

«Künftig werden wir mehr pflanzliche Proteine und weniger Fleisch und Fisch auf dem Teller haben.»

Kilcher verdeutlicht den Klimawandel mit einer eindrücklichen Zahl: Laut Welternährungsorganisation FAO werden jährlich zwölf Millionen Hektaren Land unfruchtbar wegen Trockenheit.

Die Regierungspräsidentin des Regierungsbezirks Freiburg und Vorsitzende der Oberrheinkonferenz, Bärbel Schäfer, appelliert an der Tagung:

«Es besteht dringender Handlungsbedarf. Wir haben diesen Sommer mit den Überschwemmungen in Deutschland bitter erfahren müssen, was der Klimawandel bedeutet.»

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