Wohnstil

Quarantäne im Tiny House? Dieser Mann zeigt, wie das geht

Jonas Bischofberger haust auf 18 Quadratmetern. Er sagt, ihm fehle es an nichts. Doch wie funktioniert eine Quarantäne in dieser Lebensform? Bischofberger nimmt die «Schweiz am Wochenende» auf eine virtuelle Führung mit.

Mirjam Bollinger
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Jonas Bischofberger wohnt lieber auf Industriebrachen, als dass er Umland zersiedelt.

Jonas Bischofberger wohnt lieber auf Industriebrachen, als dass er Umland zersiedelt.

Zur Verfügung gestellt

«Ich sitze auf der Terrasse unseres Tiny Houses und geniesse die Sonne» sagt Jonas Bischofberger, 39, und man hört sein Lachen durchs Telefon, während ein vorbeidonnernder Güterzug sein Satzende fast verschlingt. Der Münchensteiner, dessen Aufenthaltsort zwischen Deutschland und der Schweiz variiert, harrt des Lockdowns auf einer Münchener Brache neben der Eisenbahnlinie aus. Dort hat er sich mit seiner Freundin Felicia Rief ein eigenes mobiles Zuhause gebaut. «Da Felicia einen Job in München hat, macht es momentan am meistens Sinn, hier zu leben», meint Bischofberger und fügt hinzu: «Die plötzliche Grenzschliessung liess uns aber eigentlich gar keine Wahl.» Der moderne Nomade nimmt diese Freiheitseinschränkung erstaunlich cool.

Der Grund für Bischofbergers Gelassenheit offenbart sich während seiner virtuellen Hausbesichtigung: In seinem winzigen Haus, das auf einem Anhänger mit 18 Quadratmetern Grundfläche steht, fehlt es an nichts. Tiny House nennt sich diese Wohnform, die eigentlich eine Bewegung ist und das Wohnen auf das Nötigste reduziert. Bei Bischofberger sieht das so aus: Nebst Küche mit modernem Herd und Heizung, Wohnbereich samt Sofa und Mini-Bibliothek, Schlafbereich mit integrierten Kleiderboxen und Bad mit Dusche und Trenntoilette, befinden sich im Häuschen sogar Büro und Gästebett.

Zur Verfügung gestellt

Alles ist in Kleinformat und zur Mehrzwecknutzung konzipiert. Besonders anschaulich zeigt sich die Multifunktionalität im Wohn- und Küchenbereich. Die einzelnen Elemente lassen sich je nach Bedarf anders zusammensetzen. «Damit unterscheiden sich Tiny Houses ganz wesentlich von kleinen Wohnungen», erklärt Bischofberger und verleiht seiner Aussage Glaubwürdigkeit, indem er von Spielabenden und Fonduefesten schwärmt: «Zehn Freunde haben dank unserem ausklappbaren Tisch und den vielfältigen Sitzmöglichkeiten locker Platz.»

Ein Bauprojekt, so vielfältig wie der eigene Lifestyle

Vor rund drei Jahren starteten Rief und Bischofberger ihr Projekt «Tiny DaHome». «Im ersten Jahr haben wir vor allem getüftelt, geplant und gespart», erzählt er. Dabei konnte er auf seine langjährige Erfahrung als Bewohner eines Vans zurückgreifen. Wie lange lebt er denn schon nicht mehr in einer normalen Wohnung? «Das muss um die 15 Jahre her sein», sagt er nach einer kurzen Pause und erinnert sich an die Anfänge seines Nomadenlebens. Im Winter arbeitete Bischofberger jeweils als Snowboardlehrer in den Bündner Bergen, den Sommer verbrachte er surfend an der Küste von Bordeaux. Gab es weder Schnee noch Wellen, die ihn seine beiden Leidenschaften ausüben liessen, kehrte er in die Baselbieter Heimat zurück, um seinem ursprünglichen Job als Primarlehrer nachzugehen. Weil er immer unterwegs war, sah er nicht ein, Geld für eine Wohnung auszugeben.

Bischofberger verbrachte schon als Kind viel Zeit in der Natur und beim Campen. Deshalb erstaunt es kaum, dass der ehemalige Pfadfinder nichts auf Materielles hält. Im Gegenteil, sein Lifestyle steht für bewussten Konsum und wenig Verbrauch: «Das Leben in einem Tiny House ist ein Statement für Minimalismus und Nachhaltigkeit.» Für den Bau des kleinen Hauses bedeutete dies, dass sich Bischofberger und Rief auf natürliche Materialien wie Holz oder Naturfasern konzentrierten. Strom und Warmwasser erzeugen sie per Solaranlage; im Winter hilft ein Rauchgasboiler. «Wir liessen uns von Internetforen und via Youtube inspirieren, hielten Rücksprache mit Experten wie Architekten, Holzfach- oder Solarspezialisten.» Der Rohbau stand schnell, für den Innenausbau liess sich das Paar Zeit. «Wir arbeiteten beide nebenher, daher konnten wir immer nur phasenweise bauen», erklärt Bischofberger. Obwohl das Haus seit Ende Sommer 2019 bewohnbar ist, seien sie noch immer am Basteln und Optimieren: «Ich glaube, es gibt keinen Zeitpunkt, an dem ich ‚Jetzt ist es fertig!’ sagen würde.»

Unfassbare Wohnform an der Grenze zur Legalität

Auf der Terrasse in München tut sich was. Rief’s Stimme ist durchs Telefon zu hören und Bischofberger bittet, das Telefonat später fortzuführen, bevor abermals ein Schnellzug das Weitersprechen verunmöglicht.

«Wir konnten einige Europalette abholen, bevor sie weggeworfen wurden», freut sich Bischofberger wenig später. Es scheint, als könne er sich vor lauter Ideen gar nicht entscheiden, was er damit machen wolle: «Etwas für die Terrasse... Ein Hochbeet... Eine Sitzbank... Palettes sind so vielseitig!»

Bischofberger vertritt die Tiny-House-Idee mit Leib und Seele. Seit einem Jahr ist er Präsident des 2018 gegründeten Vereins Kleinwohnformen, der sich dafür stark macht, die rechtlichen Grundlagen für Tiny Houses zu klären und zu vereinheitlichen. Denn grundsätzlich gilt auch für Kleinwohnformen, dass sie weder in Landwirtschaftszonen, noch in Industriezonen aufgestellt werden dürfen. «Je nach Gesinnung des Gemeindepräsidenten kann es aber vorkommen, dass Tiny Houses ausserhalb von Wohnzonen toleriert werden oder nicht.»

Auch bezüglich Finanzierung werfen die Häuschen Fragen auf. Da sie mobil sind, gelten sie per Definition nicht als Immobilie, sondern als bewegliches Vermögen. Oft bekommt man für den Bau eines Tiny House also keine Hypothek. «Mittlerweile gibt es aber Banken, die dank Überzeugungsarbeit Geld für Kleinwohnformen zur Verfügung stellen», weiss Bischofberger. Tiny Houses sind mit vielen Vorurteilen behaftet. Dank Instagram haben sie einen grossen Bekanntheitsgrad erlangt.

Die Inszenierung, die einem auf der sozialen Plattform begegnet, hat mit der Wirklichkeit oftmals wenig zu tun: «Auf Instagram werden Kleinwohnformen als idyllische Häuschen weitab jeglicher Zivilisation idealisiert.» Bischofbergers Verein macht sich hingegen gerade für das Gegenteil stark: «Kleinwohnformen, die im Brachland stehen, in Industriezonen oder an Orten, wo nicht genug Platz für ein Wohnhaus steht, sollten unterstützt werden. Unser Ziel ist Verdichtung, nicht Zersiedelung.»

Ein weiteres Vorurteil, dem sich Bischofberger gegenüber sieht, stammt aus den amerikanischen «Trailer Parks». In diesen Wohnwagensiedlungen leben oft die finanziell schwachen Bevölkerungsteile des Landes, die sich kein Haus leisten können. Auch die Tiny-House-Bewegung feiert ihren Ursprung in den USA; genauer gesagt in der Immobilienkrise 2007/08, die viele überschuldete Hausbesitzer zu alternativen Wohnformen zwang. Derartige Assoziationen liegen also auf der Hand. «Manche Leute denken, dass wir Schmarotzer sind, weil wir beispielsweise keinen Strom bezahlen. Sie verkennen dabei unsere bewusste Lebensweise, wobei für uns die Umwelt und nicht das Geld im Zentrum steht.»

Bischofberger fordert vor allem eines: mehr Toleranz

Da die rechtliche Lage in Deutschland ähnlich ungeklärt ist wie in der Schweiz, befinden sich Rief und Bischofberger momentan noch in einer Testphase des «Tiny Living». «Wir fühlen uns sehr wohl, haben definitiv genug Platz und gehen uns nicht auf den Sack», beschreibt Bischofberger lachend sein Zwischenfazit. Dennoch beansprucht er nicht, dass diese Wohnform für Jedermann passt: «Es ist eine Möglichkeit von vielen.»

Was er aber fordert, ist Toleranz gegenüber verschiedenen Arten des Wohnens: «Wenn jemand ein Einfamilienhaus baut, wird das kaum kritisiert. Ich wünsche mir, dass am selben Ort auch drei bis fünf Tiny Houses aufgestellt werden könnten, ohne dass jemand darin einen Grund sieht, Einsprache zu erheben.» Dann legt der Tiny-House-Pionier eine Denkpause ein: «Es braucht noch Zeit. Aber die Vorteile von Kleinwohnformen sind schon jetzt unübersehbar.»