Rent a Senior Doc

Pensionierter Mietdoktor: Die Idee kommt an – aber noch nicht in die Gänge

Bernhard Keller will mit «Rent a Senior Doc» Hausärzte unterstützen. Das Projekt des 69-Jährigen stösst auf grosses Interesse – noch mangelt es am Angebot.

Daniel Aenishänslin
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Unheimlich befreiend: Bernhard Keller springt gerne ein, wenn in Hausarztpraxen Not am Mann ist.

Unheimlich befreiend: Bernhard Keller springt gerne ein, wenn in Hausarztpraxen Not am Mann ist.

Juri Junkov

«Das läuft so ziemlich im Geheimen.» Nein, das Projekt von Bernhard Keller ist bislang nicht in die Gänge gekommen. Noch nicht. Die Nachfrage ist gross, doch mangle es am Angebot. Der 69-jährige Arzt dachte vor rund vier Jahren daran, mit seinem Projekt «Rent a Senior Doc» Hausärzte zu unterstützen. Als er in Pratteln noch eine eigene Praxis führte, bekam er am eigenen Leib zu spüren, was es bedeuten kann, bei Vakanzen keine Aushilfe zur Hand zu haben.

«Immer zur Winterzeit kam ich an den Anschlag», erinnert sich Keller. Die Sprechstunde war wie gewohnt voll, doch kamen nun noch die Grippefälle hinzu. Nach zehn, zwölf Stunden habe seine Konzentration nachgelassen. Dann gelang es ihm, eine pensionierte Kollegin einen Winter lang für ein Teilpensum zu gewinnen. «Eine riesige Erleichterung», sagt er, «endlich konnte ich einmal durchatmen.»

Genau das will Bernhard Keller mit «Rent a Senior Doc» seinen strapazierten Berufskollegen anbieten. Sie sollen einen pensionierten Arzt zur Unterstützung zuziehen können.
Vermittelt werden die Ärzte im Unruhezustand über eine Website. Das funktioniert für alle Seiten kostenlos und unbürokratisch. Wer sich vermitteln lassen will, schreibt sich ein. Wer sucht, kontaktiert. Alles Weitere machen die Ärzte unter sich aus. Bernhard Keller kann somit keine Auskunft darüber geben, wie oft sich die übrigen vier Senior Docs, die zur Verfügung stehen, im Einsatz befinden. Viele ehemalige Kollegen habe er angefragt, um sie mit ins Boot zu holen. «Leider erhielt ich fast ausschliesslich Absagen mit der Begründung, sie hätten genug oder sie wollten nicht mehr einsteigen, weil der Berufsalltag schon zu weit weg sei.»

Hilfseinsätze im Slum

Auch Bernhard Keller hatte nach seiner Pensionierung erst einmal genug. Eines aber wollte er noch realisieren. Schon immer habe er über Hilfseinsätze in Ländern nachgedacht, die nicht über die Infrastruktur und Möglichkeiten der Schweiz verfügen. Für das Hilfswerk «German Doctors» reiste er für sechs Wochen nach Bangladesch, in den Jahren darauf auf die Philippinen. «Die Einsätze sind kurz, aber wahnsinnig intensiv», beschreibt Keller. 80 bis 100 Patienten betreute er im Slum-Ambulatorium täglich.

Er wurde mit Tropenkrankheiten konfrontiert, vor allem jedoch mit Tuberkulose. Während 40 Jahren hatte Bernhard Keller in der Schweiz einen einzigen Tuberkulosepatienten behandelt. «Auf den Philippinen leben die Menschen wie die Schweizer vor 100 Jahren», erzählt er, «1920 hatten wir hier auch noch viele Tuberkulosefälle.»

Eine grosse Bereicherung und ein Abenteuer nennt er diese Erfahrungen im Ausland. Es gebe einem ein sehr gutes Gefühl, «nur mit dem eigenen Wissen und ein paar Medikamenten etwas zu bewirken». Denn aus mehr als einem Stethoskop, einem Ohrenspiegel und einer Taschenlampe bestand die Ausrüstung nicht.

«Nach meinem Einsatz in Bangladesch merkte ich: Es beginnt mich wieder medizinisch zu kitzeln», beschreibt Bernhard Keller seinen Zustand nach der Rückkehr aus Südasien. Er begann sein Projekt «Rent a Senior Doc» aufzuziehen. Ende 2014 kam das erste Telefon und mit diesem Kellers erster Einsatz als Senior Doc. Er dauerte drei Monate. Seinen bisher letzten Einsatz hat er im September beendet. Während eines halben Jahres arbeitete er im 50-Prozent-Pensum. «Rent a Senior Doc» komme gut an. Über seine Klienten sagt Keller: «Sie sind Feuer und Flamme dafür.»

Wieder Zeit haben für Patienten

Warum sei ihm klar. Viele seiner Kollegen würden unter grossem Druck stehen. Im Alter zwischen 55 und 60 Jahren trete ein Hausarzt in eine Phase, in der er gerne einmal länger Ferien mache, um seine Batterien richtig aufzuladen. «In diesem Fall ist eine gute Assistentin oder ein guter Assistent eine riesige Erleichterung», sagt Keller, «ich spreche aus eigener Erfahrung.» Wer Bernhard Keller zuhört, gewinnt den Eindruck, der pensionierte Allgemeinmediziner habe eine Chance genutzt. Abgegeben hat er die Verantwortung, ein Team zu führen, für eine Praxis zu denken. Zurückgewonnen hat er, was ihn einst Arzt werden liess – der Umgang mit dem Menschen.

«Du weisst nicht, wie befreiend das ist», sagt er. Jeden Tag sehe er neue Patienten. Das sei es, was den Beruf spannend mache. Oder in seinen Worten: «Das ist wie das Salz in der Suppe.» Als Senior Doc habe man oft mehr Zeit für den Patienten als früher mit eigener Praxis, als es noch hundert andere Dinge zu tun gab. Gute kritische Gespräche zwischen Berufskollegen inklusive. «Ich kann jedem Kollegen nur empfehlen einzusteigen.»

www.rentaseniordoc.ch